SZ-Pflegekolumne: Auf StationDer richtige Ort für den letzten Abschied

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Viele Krankenhäuser haben eine Palliativstation. Es ist ein großes Vorurteil, dass Patienten dort immer sterben. In manchen Fällen ist es aber genau der richtige Ort für den letzten Abschied.
Viele Krankenhäuser haben eine Palliativstation. Es ist ein großes Vorurteil, dass Patienten dort immer sterben. In manchen Fällen ist es aber genau der richtige Ort für den letzten Abschied. Alessandra Schellnegger

Eine schwer vorerkrankte Patientin kommt mit einem Lungenödem in die Notaufnahme. Pola Gülberg über die Gründe, warum die Frau nicht auf der Intensivstation weiter versorgt wird – und weshalb das in diesem Fall etwas Gutes ist.

Protokoll von Johanna Feckl

Die Patientin kam mit einem Lungenödem in die Notaufnahme. Das ist eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, bei der sich Flüssigkeit in der Lunge ansammelt. Für Betroffene kann es sich so anfühlen, als ob sie ersticken, das Atmen wird schwierig. Im schlimmsten Fall endet ein Lungenödem tödlich. Die Frau war Mitte 80 – ein Alter, bei dem es nicht selbstverständlich ist, dass Patienten unter solchen Bedingungen eine Behandlung möchten. Einige haben ihre Wünsche per Patientenverfügung festgehalten. Also ging unser Doc hinunter in die Notaufnahme, um das weitere Vorgehen mit der Frau zu klären.

Es stellte sich heraus: Sie war schwer krebskrank, ihr Körper bereits durchsetzt mit Metastasen – eine Intensivtherapie lehnte sie ab. Das hatte zwei Dinge zur Folge: Zum einen, dass sie in naher Zukunft sterben würde. Zum anderen, dass sie bei uns auf der Intensivstation nicht richtig aufgehoben war. Und so kam sie auf die Palliativstation.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 76
:Wann darf jemand auf der Intensivstation sterben?

Pola Gülberg über Patienten, die sie auf ihrem letzten Weg begleitet - und was das damit zu tun hat, dass sie manchmal gar nicht mehr Deutsch, sondern Spanisch spricht. Ohne es zu bemerken.

Protokoll: Johanna Feckl

Leider sind einige Menschen davon überzeugt, dass die Palliativstation eine Sterbestation sei. Doch das entspricht nicht der Realität, nicht jeder Palliativpatient stirbt automatisch dort. Immer wieder kommt es vor, dass Schmerzmedikamente richtig eingestellt werden und die Patienten wieder nach Hause können, wo sie dann ein SAPV-Team betreut, also speziell ausgebildete medizinische und pflegerische Kräfte, die zur palliativen Versorgung nach Hause kommen. Andere Male sind die Patienten so lange auf Palliativstation, bis ein Platz in einem Hospiz gefunden ist.

Man kann also sagen, dass es auf einer Palliativstation darum geht, schwerst kranke Patienten auf bestmögliche Weise auf das Sterben vorzubereiten. Das ist etwas Gutes und nichts, wovor man Angst haben sollte. Der Zeitpunkt des Sterbens kann bald sein oder aber Monate, sogar Jahre in der Zukunft liegen.

Das Setting auf einer Palliativstation ist viel ruhiger im Vergleich zu einer Intensivstation. Von den Patienten führen keine Dutzende Kabel und Schläuche weg, es gibt kein Gepiepse von gleich mehreren Gerätschaften. Und der Personalschlüssel ist höher, die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin empfiehlt mindestens 1,3 examinierte Pflegekräfte pro Patient. Auf der Intensivstation sind tagsüber 0,5 examinierte Pflegekräfte pro Patient vorgeschrieben.

Dennoch wird auch auf einer Intensivstation gestorben. Ich würde sagen, durchschnittlich sind es bei uns bestimmt zwei Patienten pro Monat, eher etwas mehr.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. Peter Hinz-Rosin

Die Frage, welcher Patient auf Intensivstation sterben darf und welcher auf einer Palliativstation, ist nicht leicht zu beantworten. Ich habe es schon einige Male erlebt, dass Patienten bei uns über eine lange Zeit hinweg im Sterben lagen. Wir kannten sowohl sie als auch die Angehörigen, die Krankheitsgeschichte – da war es stimmig und sinnvoll, wenn der letzte Abschied auch bei uns geschehen sollte. Allerdings hielt die Patienten etwas davon ab, zu gehen.

Ich glaube, dass es oft an unseren Gerätschaften lag. Wir können die Alarme stumm schalten, aber den Überwachungsmonitor ausschalten dürfen wir nicht. Und wir sind eben Intensivpflegekräfte, keine Palliativpflegekräfte. Das merken auch Patienten, die im Sterben liegen. Denn wenn schließlich nach einer Weile doch beschlossen wurde, sie auf die Palliativ zu verlegen, dauerte es meistens nicht lange, ehe sie dort gestorben sind.

Das ist insofern schade, als die Kollegen kaum eine Möglichkeit hatten, die Patienten palliativ zu versorgen und ihnen dadurch die verbliebene Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten.

Wir versuchen, so etwas zu verhindern, indem die Chefin der Palliativstation einmal in der Woche zur Visite zu uns kommt. Sie schaut, ob ihre Station für einen unserer Patienten passender wäre. Im Fall der Fälle wird dann mit dem Patienten oder den Angehörigen gesprochen und über die weitere Therapie entschieden.

Dass die Lage bei der Patientin mit dem Lungenödem recht klar war, fand ich schön. Das hat ihr ein Hin und Her zwischen Stationen in ihrem Zustand erspart.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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