SZ-Pflegekolumne: Auf StationEine Patientin, die sich zurück ins Leben kämpft

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Der Zustand der Patientin machte schon bald einen zweiten zentralen Venenkatheter notwendig, das hat unsere Pflegekolumnistin bislang selten erlebt.
Der Zustand der Patientin machte schon bald einen zweiten zentralen Venenkatheter notwendig, das hat unsere Pflegekolumnistin bislang selten erlebt. (Foto: Marijan Murat/dpa)

Einer älteren Frau auf Intensivstation geht es immer schlechter – schon bald ist sie dem Tod nah. Doch dann ändert sich ihr Zustand. Über einen Fall, der für Pflegerin Pola Gülberg zu den schönsten des Jahres gehört.

Protokoll von Johanna Feckl

Eigentlich klagte die Frau nur über einen kleinen Husten, sie fühlte sich ein wenig schlapp, als sie zum Hausarzt ging, um die Symptome sicherheitshalber abklären zu lassen. Der untersuchte sie, verschrieb Medikamente gegen die Erkältungssymptome und nahm ihr Blut ab, danach ging die Frau wieder nach Hause. Als die Ergebnisse eintrafen, rief der Arzt bei ihr an: „Ich schicke jetzt einen Krankenwagen bei Ihnen vorbei“, sagte er, wie uns die Frau später erzählte. Die Blutwerte ließen nichts Gutes verheißen: Anzeichen für eine Sepsis, also eine Blutvergiftung, akutes Nierenversagen und eine Lungenentzündung mit sehr hohen Entzündungswerten.

Bei uns war die Frau noch ansprechbar und wach. Doch man konnte beinahe stündlich beobachten, wie sich ihr Zustand verschlechterte. Am zweiten oder dritten Tag mussten die Ärzte sie intubieren. Wegen ihrer Sepsis war der Blutdruck unserer Patientin sehr, sehr niedrig, sie hat wahnsinnig viele Medikamente gebraucht, schon bald liefen sie auf Anschlag: Noch höhere Dosen wären gar nicht möglich gewesen. Trotzdem sprangen die Nieren nicht wieder an, der Blutdruck war weiterhin viel zu niedrig.

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Einem Mann geht es rapide immer schlechter: Er dämmert weg, reagiert nicht mehr auf Schmerzreize. Doch warum? Pola Gülberg und ihre Kolleginnen stehen vor einem Rätsel, dessen Lösung eine besondere Form einer seltenen Erkrankung ist.

Protokoll von Johanna Feckl

Und dann war es so weit: Wir benötigten einen zweiten Zentralen Venenkatheter, kurz ZVK, über den die Medikamente verabreicht wurden. In all den Jahren auf Intensivstation kann ich sagen: Das kommt bei uns äußerst selten vor. Ein ZVK funktioniert so: Aus dem Körper kommt ein Schlauch, der sich dann in mehrere Schenkel teilt. Über jeden läuft ein Medikament, manchmal laufen auch mehrere parallel, wenn sie kompatibel miteinander sind.

Ein bisschen kann man sich das vorstellen wie das Prinzip einer Mehrzwecksteckdose, das den Strom aus einer Leitung an gleich mehrere angesteckte Geräte verteilt. Nur die Flussrichtung ist bei einem ZVK eine andere, schließlich gelangen die Medikamente in den Körper und nicht aus ihm heraus, wie bei der Steckdose.

Ein ZVK bei uns hat in der Regel vier Schenkel, so auch bei der Frau: Über einen lief die Sedierung, über den zweiten blutdrucksteigernde Mittel, über den dritten etwas zum Stärken des Blutvolumens, und über den vierten kamen Medikamente, um die Nieren anzuregen. Ein peripherer Zugang war auch schon belegt, und jetzt brauchte sie wegen einer Herzrhythmusstörung noch weitere Medikamente. Es führte kein Weg an einem zweiten ZVK vorbei.

Damit waren alle vier großen Venen mit Zugängen belegt: zwei ZVKs, Dialysekatheter und ein spezieller Katheter zur arteriellen Blutdruckmessung.

Über den zweiten ZVK bekam sie auch ein weiteres Mittel zur Blutdrucksteigerung, das wir selten geben, weil die Nebenwirkungen nicht ohne sind. Aber es kann helfen, wenn es die Standardmedikamente nicht mehr tun. Die Ärzte wägen also sehr genau ab, bevor sie es anordnen.

Das Medikament lief etwas mehr als einen Tag, und endlich: Es ging tatsächlich bergauf. Langsam, sehr langsam, aber die Richtung war dennoch klar.

Erst haben wir versucht, die Patientin wach werden zu lassen und die Atemunterstützung durch die Beatmungsmaschine reduziert, immer nur für einen begrenzen Zeitraum, um den Körper daran zu gewöhnen. Weaning nennt sich das. Am Anfang war die Frau noch total schwach, sie hat richtig ins Nichts geschaut, konnte die Hände nicht mal ein kleines Stück anheben. Am zweiten Tag hat sie dann schon den Kopf ein bisschen bewegt und mit ihrem Blick einzelne Leute fixiert. Mit jedem Tag wurde sie wacher und wir mobilisierten ihren Körper.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nach intensiven Gesprächen mit den Angehörigen war klar: Ist unsere Patientin einmal extubiert, werden die Ärzte sie nicht wieder intubieren, sollte sich ihr Zustand wieder verschlechtern. In dem Alter, bei dem bisherigen Krankheitsverlauf und zusätzlich mehreren schweren Vorerkrankungen wäre bei einer nochmaligen Intubation keine Besserung mehr eingetreten.

Doch das trat zum Glück nicht ein. Nach der Extubation konnte die Frau schon bald mit „Ja“ und „Nein“ auf unsere Fragen reagieren.

Uns allen hat die Patientin während ihrer vier Wochen auf der Intensivstation unglaublich viel Energie gegeben. Gestartet sind wir mit dem Gedanken: „Boah, schafft sie das überhaupt?“ Und am Ende konnte sie frei an der Bettkante sitzen. Jeden Tag ging ein wenig mehr. Und das war nur möglich, weil alle super zusammengearbeitet haben: Patientin, Ärzte, Physio, Pflege. Solche Erfolge erreicht man nur als Team.

Genau solche Fälle sind der Grund, warum ich meinen Job so gerne mache. Mit der Frau zu arbeiten, hat mir wirklich richtig Spaß gemacht. Weil ich gesehen habe, wie sinnvoll unser Tun ist. Wenn ich auf das Jahr 2025 zurückblicke, dann gehört die Geschichte dieser Frau auf jeden Fall zu den schönsten Erinnerungen.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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