SZ-Pflegekolumne: Auf StationIm Krankenhaus kommt ein Unglück selten allein

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Was der Kick für Pflegekräfte ist? Pola Gülberg sagt: die Patienten wieder fit zu bekommen.
Was der Kick für Pflegekräfte ist? Pola Gülberg sagt: die Patienten wieder fit zu bekommen. (Foto: Christoph Soeder/dpa)

Eine junge Frau kommt nach einem Herzinfarkt in die Klinik. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommen noch zwei weitere Krankheiten hinzu – jedes Mal ein herber Rückschlag. Warum das auch für Pflegerin Pola Gülberg eine schwierige Situation ist.

Protokoll von Johanna Feckl

Dass wir auf der Intensivstation jemanden nach einem Herzinfarkt versorgen, der Mitte 30 ist, wäre eigentlich an sich schon eine Besonderheit – die meisten mit einem solchen Krankheitsbild sind mindestens Mitte 60. Dass es sich in diesem Fall auch noch um eine Patientin handelt, gibt dem Ganzen noch mehr Seltenheitscharakter. Denn es werden fast dreimal so viele Männer wie Frauen mit der Diagnose Herzinfarkt im Krankenhaus behandelt.

Bei unserer Patientin jedoch, da kam noch etwas hinzu, das sich gut mit dem Spruch beschreiben lässt: „Ein Unglück kommt selten allein.“

Als die Frau mit einem Herzinfarkt bei der Arbeit zusammengebrochen ist, hatte sie noch Glück im Unglück: Ihr Mann, mit dem sie gemeinsam arbeitete, hatte Sanitätserfahrung und schätzte die Situation deshalb sofort richtig ein. Er reanimierte sie, bis die Rettungskräfte eingetroffen waren. Der Zeitraum, in dem die Frau keinen Kreislauf hatte, war deshalb sehr kurz. Eine wichtige Voraussetzung, um möglichst schnell und möglichst vollständig wieder gesund zu werden.

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Dem Patienten von Pola Gülberg geht es stetig besser – nur seine Sauerstoffsättigung, die bleibt im Keller. Der Grund dafür bleibt allen ein Rätsel – bis die Pflegerin eine Idee hat.

Protokoll von Johanna Feckl

Auf der Intensivstation erholte sie sich recht schnell, das war für uns sehr schön zu sehen. Doch als wir sie schließlich extubierten und langsam wach werden ließen, stellte sich heraus: Da stimmt was nicht.

Wenn wir bei einem Patienten die Sedierung zurückfahren, machen wir immer ein paar kleine Tests. Zum Beispiel nehmen wir beide Hände in die unseren und bitten den Patienten, erst mit der einen, dann mit der anderen Hand zuzudrücken. Oder sie sollen erst mit den linken Zehen, dann mit den rechten wackeln. Damit sehen wir zum einen, ob sie unsere Ansprache verstehen, zum anderen, ob sie die Anweisungen ausführen können. Kurz gesagt: Wir stellen fest, wo wir neurologisch gerade stehen.

Bei unserer Frau standen wir eher schlecht da: Ihre linke Körperhälfte war viel schwächer als die rechte. Leichte Unterschiede müssen nicht viel bedeuten – dass der Händedruck bei einem Rechtshänder stärker ist, als wenn er links zudrückt, ist die Regel. Doch bei unserer Patientin war der Kraftunterschied enorm.

Im CT war es dann deutlich zu sehen: Die Frau hatte einen Schlaganfall. Schwer zu sagen, ob wirklich erst der Herzinfarkt da war und dann der Schlaganfall, oder ob es umgekehrt war. Die Ärzte wussten es nicht, doch sie hatten den Verdacht: Beides könnte dieselbe Ursache haben.

Möglicherweise hatten sich im linken Vorhof des Herzens der Frau Thromben abgelagert, also ein oder mehrere Blutgerinnsel. Irgendwann sind diese dann in den Blutkreislauf gewandert. So landeten sie sowohl im Herzen als auch im Gehirn, wo sie den Herzinfarkt und den Schlaganfall auslösten.

Sofort bekam die Patientin weitere Untersuchungen und wurde unter anderem mit Blutverdünner behandelt. Der sollte die Thromben und damit die Blockaden im Blutfluss auflösen.

Durch den Schlaganfall hatte sie eine leichte Schwäche in ihrer linken Körperhälfte und konnte nicht richtig sprechen, war aphasisch – so nennt man die Eigenschaft einer Sprachstörung, die durch eine Hirnschädigung entsteht. Betroffene haben Schwierigkeiten beim Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben. Aber durch Medikamente und tägliches Mobilisationstraining wurde sie stetig fitter, die Lähmung war rückläufig und das Sprechen funktionierte immer besser.

Nur: Ihre Blutwerte waren noch nicht wieder dort, wo sie sein sollten. Also noch mehr Tests – mit dem Ergebnis: Beide Nieren der Frau arbeiteten nicht richtig.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wir in der Pflege hatten zu dem Zeitpunkt alle den gleichen Gedanken: Das gibt’s doch nicht, jetzt haben wir gerade das Eine einigermaßen überstanden, und jedes Mal kommt etwas Neues obendrauf.

Es ist ja so: Wir fiebern mit unseren Patienten. Wir wollen sie wieder fit bekommen – das ist unser Kick, da rauscht dann das Adrenalin bei uns. Und wenn dann immer wieder Steine vor die Füße fallen, ist das auch für uns hart. Umso wichtiger, dass wir unsere Patienten motivieren, zusammenhalten, und ihnen klarmachen: Das wuppen wir jetzt auch noch.

So war es erfreulicherweise auch bei unserer Patientin. Nach ein paar Tagen waren die Nierenprobleme soweit unter Kontrolle, dass sie auf die Normalstation verlegt werden konnte. Welch ein Glück!

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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