Vor einiger Zeit versorgte ich einen älteren Patienten. Er war wach und ansprechbar, aber dennoch verwirrt – er redete nicht viel, deshalb war es schwierig zu sagen, wie viel er von dem, was um ihn herum geschah, tatsächlich verstand. Er war noch nicht lange bei uns, als eine Frau auf die Station kam. Sie stellte sich als seine Tochter vor und wollte ihn besuchen. Ich habe sie hereingelassen und ins Zimmer zu ihrem Vater geführt. „Schauen Sie mal, hier ist Besuch für Sie, Ihre Tochter“, sagte ich zu dem Mann. Er blickte auf, als sich seine Tochter auf einen Stuhl an sein Bett setzte und begann, mit ihm zu sprechen. Doch schnell drehte sich mein Patient wieder weg. Alles an seiner Körpersprache signalisierte Abwehr, er fühlte sich nicht wohl. Und so bat ich die Tochter bald wieder hinaus, ich sagte, dass ich ihn jetzt versorgen müsse.
Später erfuhr ich von einer Kollegin, dass zuvor bereits eine Frau auf der Station angerufen hatte. Sie sei die Tochter unseres Patienten und möchte sich nach seinem Zustand erkundigen. Da wir nicht einfach telefonische Auskunft geben dürfen, erst recht nicht über Medizinisches, das ist Aufgabe der Ärzteschaft, reichte meine Kollegin das Telefon dem Mann mit der Info, dass seine Tochter dran sei. Er nahm es entgegen, doch nach ein paar Sekunden legte er es wortlos wieder hin und wandte sich ab. Das war für mich die Bestätigung: Da passte irgendetwas nicht.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 206:Als die Götter noch Weiß getragen haben
Zum Internationalen Tag der Pflegenden erinnert sich Pola Gülberg daran, wie Patienten ehrfurchtsvoll auf Ärzte geblickt und den Beitrag der Pflege zur Genesung übersehen haben. Wie es heute ist – und welchen anderen Berufsweg die 40-Jährige fast eingeschlagen hätte.
Ich musste nicht lange warten, um das Rätsel zu lösen. Denn schon am selben Nachmittag kamen zwei andere Frauen meinen Patienten besuchen – ebenfalls Töchter von ihm. Ihnen gegenüber verhielt er sich sofort anders, zugewandt, er lächelte.
Vor dem Zimmer erklärten mir die beiden dann, dass es noch eine dritte Tochter gebe, die vermutlich anrufen oder vorbeikommen würde, um zu erfahren, wie es ihrem Vater ginge. „Unser Vater hat seit Jahren keinen Kontakt zu ihr, er möchte das nicht“, sagten sie. Die Frau wenige Stunden zuvor und die Frau am Telefon, das war dann wohl eben jene dritte Tochter.
Ich erzählte ihnen, dass ihre Schwester bereits hier gewesen sei und wir schon vermutet hätten, dass das Verhältnis kein Gutes sei. Die beiden Frauen waren verständnisvoll – wir konnten ja auch nichts dafür. Wir können ja schlecht Fahndungsfotos von Leuten aufhängen, die auf der Station unerwünscht sind und ihnen den Zutritt verwehren.
Und wir sind ohnehin sehr vorsichtig. Bei Anrufen fragen wir immer nach Daten des Patienten, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie nur nahe Angehörige wissen. Erst dann reichen wir das Telefon an den Patienten weiter, sofern er wach ist. So kann jeder selbst steuern, welche Informationen über seinen Zustand er weitererzählen möchte. Denn selbst beim Ehepartner oder wie im Fall meines Patienten bei einem eigenen Kind kann man nicht pauschal davon ausgehen, dass eine Auskunft okay ist.

Für die Zukunft haben wir mit den zwei Töchtern meines Patienten ein Codewort fürs Telefon und den Besuch vereinbart. Nur nachdem das genannt wurde, sollten wir den Hörer weitergeben und eine Auskunft erteilen. So gehen wir immer wieder mal vor. Auch die beiden Frauen haben bei früheren Klinikaufenthalten ihres Vaters in anderen Häusern mit Codewörtern gearbeitet. Ich könnte mir vorstellen, dass ihre Schwester davon auch Kenntnis hatte: Wahrscheinlich war ihr ganz genau klar, dass wir noch nicht über sie Bescheid wussten und sie, wenn sie schnell genug war, zu ihrem Vater konnte.
In manchen Fällen sind solche Codewörter besonders wichtig. So wurde uns, als wir eine im Landkreis recht bekannte Person bei uns auf der Station versorgten, mitgeteilt, dass ein Pressevertreter bereits versucht hatte, Auskunft über deren Zustand zu erhalten. Das hat uns fassungslos gemacht. Es handelt sich schließlich um sensible und absolut persönliche Informationen – ich finde es ziemlich dreist, auf einen Fehler von uns zu hoffen und so an besagte Auskunft zu gelangen. Auch jemand Bekanntes hat ein Recht auf Privatsphäre, und überhaupt: Die Person hat Angehörige und enge Freunde, hat denn der Pressevertreter auch mal nur eine Sekunde darüber nachgedacht, wie es denen geht, wenn sie persönliche Details über den Gesundheitszustand durch die Presse erfahren?
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

