SZ-Pflegekolumne: Auf StationDer schwierige Weg zurück ins Bewusstsein

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Die Herzfrequenz steigt an, der Blutdruck schnellt empor: Reagiert ein Patient bei Aufwachversuchen auf diese Art, dann ist der Stresspegel eindeutig zu hoch.
Die Herzfrequenz steigt an, der Blutdruck schnellt empor: Reagiert ein Patient bei Aufwachversuchen auf diese Art, dann ist der Stresspegel eindeutig zu hoch. (Foto: Patrick Seeger/picture alliance/dpa)

Einige Male versucht Pola Gülberg einen sedierten Patienten aufwachen zu lassen – ohne Erfolg: Der Mann reagiert hektisch, sodass die Pflegerin abbrechen muss. Wie es schließlich doch klappt und welche Rolle die Ehefrau dabei spielt.

Protokoll von Johanna Feckl

Der Patient war sediert und beatmet, doch das Schlimmste war überstanden: Er erholte sich, sein Zustand wurde besser. Zeit, mit Aufwachversuchen zu starten. Das ist wichtig, um den Körper langsam wieder daran zu gewöhnen, ohne Unterstützung zu atmen und wach zu sein. Also haben wir bei dem Mann die Sedierung langsam immer weiter zurückgefahren. Während des ganzen Prozesses war ich dabei, habe mit ihm gesprochen, um ihm Orientierung zu geben: „Sie sind in Ebersberg auf der Intensivstation, ich lasse Sie jetzt wach werden, ich werde die ganze Zeit hier bei Ihnen sein ...“

Doch der Patient war noch nicht einmal richtig wach, da merkte ich schon, dass etwas nicht stimmte: Seine Herzfrequenz wurde stetig schneller, der Blutdruck schoss in die Höhe, er begann zu hyperventilieren – der Stresspegel was viel zu hoch, das konnte er in seinem Zustand nicht lange durchhalten. Also brach ich den Aufwachversuch ab und erhöhte die Sedierung wieder. Alles andere wäre viel zu gefährlich gewesen.

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Immer wieder kommen ältere Patienten ins Krankenhaus, deren Zustand Pflegerin Pola Gülberg als verwahrlost bezeichnen würde. Manche würden den Angehörigen Vorwürfe machen. Warum das zu kurz gedacht ist.

Protokoll von Johanna Feckl

Am nächsten Tag versuchte ich es noch einmal. Doch das Ergebnis war das gleiche. Ein paar Mal ging das so. Irgendwas musste da sein. Unser Verdacht: Den Mann beschäftigte, belastete eine Sache aus seinem Leben zutiefst.

Es ist häufig so: Ein Herzinfarkt, Schlaganfall oder Unfall geschieht und reißt die betroffene Person von jetzt auf gleich völlig aus ihrem Leben. Aus dem Alltag, mit all seinen Aufgaben und den Sorgen, die er gerade bereitet. Na klar, ploppt da bei vielen sofort die To-do-Liste vor dem inneren Auge auf, wenn sie wieder wach sind. Und das versetzt sie dann in Stress.

In meinem nächsten Spätdienst, als seine Frau den Patienten besuchte, habe ich sie deshalb gefragt: „Es ist total schwierig, Ihren Mann wach werden zu lassen. Ich habe den Eindruck, dass er etwas wissen muss, gibt’s denn da irgendwas?“

Da erzählte sie mir, dass ihr Mann eigentlich eine sehr ruhige Person sei. Dass er so hektisch reagiere bei den Aufwachversuchen, passe eigentlich gar nicht zu ihm. Daheim kümmere er sich immer um alles – ich wurde hellhörig und fragte, ob in dieser Hinsicht vielleicht etwas gebe, was ihren Mann beschäftigte. „Na ja, wir verkaufen gerade unser Haus“, sagte sie. Bingo, dachte ich mir. Das könnte es sein.

Gemeinsam mit der Frau besprach ich, ob sie bei einem weiteren Aufwachversuch dabei sein möchte. Ob sie ihrem Mann dann sagen könnte, dass alles auf einem guten Weg sei beim Hausverkauf und er sich keine Sorgen machen müsse. Die Frau war einverstanden.

Eigentlich machen wir die Aufwachversuche in der Regel nicht, wenn Angehörige anwesend sind. Wir wissen nie, wie der Patient reagiert. Manche reagieren noch hektischer als der Mann, werden richtig panisch und rudern wild mit den Armen, sodass wir den Versuch abbrechen. Für Angehörige sind solche Situationen schlimm anzusehen. Das muss nicht sein.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch in diesem Fall barg es eine Chance, dass die Frau dabei war. Ich bereitete sie, so gut es ging, vor. Erklärte ihr, dass es ganz wichtig war, ruhig zu bleiben, auch wenn ihr Mann es vielleicht nicht war. Ihn anzusehen, seine Hand zu nehmen, ihn auf den aktuellen Stand bei den Dingen zu bringen, um die er sich sonst immer kümmerte. So machten wir es dann auch.

Wieder setzte ich die Sedierung langsam herab, sprach mit dem Mann, sagte ihm, wo wir waren, und dass seine Frau auch hier war. Da machte er schon die Augen auf und suchte ihren Blick. Ich habe ihm weiter erklärt, dass er wegen des Tubus gerade noch nicht sprechen könne, aber seine Frau. Und dann erzählte sie ihm von zu Hause. Dieses Mal blieb sein Blutdruck unten, die Herzfrequenz schnellte nicht in die Höhe, er hyperventilierte nicht. Nach einer Weile fragte ich den Mann, ob er wieder schlafen möchte. Er nickte, ganz ruhig, ohne jedes Anzeichen von Hektik. Also setzte ich die Sedierung wieder hoch.

Von diesem Zeitpunkt an machten wir superschnell Fortschritte. Zwei, drei Tage später, nach ein paar weiteren Aufwachversuchen, bei denen er jedes Mal etwas länger ohne Sedierung blieb, konnte unser Patient wieder vollständig wach bleiben. Welche wichtige, oft auch ausschlaggebende Rolle Angehörige im Genesungsprozess spielen können, durch ihr Beisein und indem sie mit den Patienten sprechen, das wird oft völlig unterschätzt.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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