Es war im Nachtdienst, als ein Anruf von Normalstation kam. „Wir haben einen Patienten, dem geht’s irgendwie nicht gut“, hörte ich die Stimme von dort sagen. Also reichte ich das Telefon an unsere Internistin weiter. Etwas später kam sie aus dem Ärzte-Büro zurück an die Stationszentrale. Ob jemand von der Pflege sie bitte zu dem Patienten begleiten könnte „Das klingt irgendwie …“, sie fand nicht das passende Wort, stattdessen fügte sie an: „Ich muss mir das jetzt selbst mal anschauen.“ Und so ging ich mit ihr. Da wussten wir noch nicht, dass uns die Frage, was dem Patienten fehlte, noch sehr lange beschäftigen sollte.
Auf dem Weg zu dem Mann erzählte mir die Ärztin, was sie bislang erfahren hatte: Er kam wegen Atembeschwerden ins Krankenhaus. Jetzt allerdings war er plötzlich vigilanzgemindert – das bedeutet, dass er nicht richtig wach war. Wenn beispielsweise ein Patient sedierende Mittel bekommt, dann ist er auch vigilanzgemindert. Doch die Medikamente des Mannes waren keine beruhigenden, das konnte also nicht die Ursache sein.
An seinem Krankenbett angekommen überprüften wir zunächst seine Ansprechbarkeit. Dazu gibt es verschiedene Methoden – sie haben gemeinsam, dass sie bei einem gesunden Menschen einen Schmerz und dementsprechend einen Schutzreflex auslösen: ins Ohrläppchen kneifen, ins Nagelbett hineindrücken, oder mit dem Knöchel auf dem Brustbein reiben. Doch die einzige Reaktion des Mannes war ein Raunen, kaum wahrnehmbar, als die Ärztin gegen sein Brustbein drückte. Seine Pupillen waren klein und eng, seine Sauerstoffsättigung hingegen war einigermaßen in Ordnung.
Für unsere Ärztin war klar: Den packen wir ein und nehmen ihn mit auf die Intensivstation. Auf dem Weg dorthin kündigte ich meinen Kollegen telefonisch unser Kommen an. „Wir wissen zwar noch nicht, was es wird – aber irgendwas ist hier komisch“, sagte ich noch. Was war mit dem Mann bloß los?
Bei uns angekommen, machten wir zunächst ein arterielles Blutbild. Es brachte etwas Licht ins Dunkle: Unser Patient war in einer CO₂-Narkose, er atmete zwar genügend Sauerstoff ein, doch er konnte das Kohlendioxid nicht mehr vollständig ausatmen. Und sammelt sich davon im Körper zu viel an, fällt jeder Mensch irgendwann ins Koma. Das erklärte, warum der Mann nicht richtig wach war, allerdings weiterhin nicht, warum er solch stark veränderte Pupillen hatte.
Um ihn zumindest schon einmal aus der CO₂-Narkose zu holen, habe ich begonnen, ihn zu bebeuteln. Dabei bekam er durch einen Beatmungsbeutel am Mund zusätzlichen Sauerstoff. So entstand ein höherer Luftdurchlauf – ich wusch sozusagen das Kohlendioxid aus seinem Körper heraus.
Nach etwa zehn Minuten stieß unsere Anästhesistin dazu. Sie studierte seine Akte, wir teilten mit ihr das wenige, was wir bislang herausgefunden hatten. Doch auch sie konnte sich die Pupillenreaktion unseres Patienten und die Ursache der CO₂-Narkose nicht erklären. Sie schlug vor, es mit einem Antidot zu versuchen – ein Mittel, das die Wirkung eines Gifts oder einer Medikamenten-Überdosis abschwächt oder ganz aufhebt, wie eine Art Gegengift. Vielleicht hatte der Mann eines seiner Medikamente nicht vertragen? Die Ärztinnen wägten ab: Geschadet hätte ihm das Antidot nicht, im schlimmsten Fall hätte es aber verhindert, ihn zu intubieren.
Letztlich brachte weder das Antidot noch das Bebeuteln etwas: Seine Pupillen veränderten sich nicht, und sobald ich mit der manuellen Beatmung stoppte, fiel er schnell wieder zurück in die CO₂-Narkose. An einer Intubation führte kein Weg mehr vorbei. Und wir mussten uns Gehirn und Lunge genauer anschauen. Doch sein CT war super, es lag also keine neurologische Ursache zugrunde. Und die Röntgenbilder waren auch unauffällig. Wie konnte das alles zusammenpassen?

Des Rätsels Lösung habe ich erst einige Tage später erfahren, als ich wieder Dienst hatte: Ein weiteres neurologisches Konsil sowie ein akribisches Durchsprechen der kompletten Krankheitsgeschichte des Mannes mit seiner Familie hatte ergeben, dass er ziemlich sicher eine Form von ALS hatte. Das ist kurz für Amyotrophe Lateralsklerose – eine Erkrankung des motorischen Nervensystems, die sich in zunehmender Muskelschwäche äußert. Der Astrophysiker Stephen Hawking war wohl der prominenteste ALS-Erkrankte.
Bei einem typischen Verlauf ist erst die Muskulatur des Bewegungsapparats beeinträchtigt: Das Gangbild verändert sich, die Arme lassen sich immer schwerer heben, Gegenstände fallen aus der Hand. Es gibt aber auch atypische Verläufe, bei denen zunächst die innere Muskulatur betroffen ist. So muss es bei unserem Patienten gewesen sein: Seine Atemmuskulatur arbeitete nicht mehr richtig, deshalb konnte er nicht mehr vollständig ausatmen.
Die Familie entschied sich, den Mann palliativ zu extubieren – etwas anderes hätte er nicht gewollt, da waren sich seine Angehörigen sicher. Es dauerte nicht lange, ehe er dann im Beisein seiner Lieben gestorben ist.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.


