SZ-Pflegekolumne: Auf StationWenn das Motorrad aus der Kurve fliegt

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Kurven zu fahren klingt einfach, doch wer dabei auf einer schweren Maschine sitzt, sollte ein paar mehr Dinge beachten als im Auto.
Kurven zu fahren klingt einfach, doch wer dabei auf einer schweren Maschine sitzt, sollte ein paar mehr Dinge beachten als im Auto. imago stock&people

Pola Gülberg wird zu einem Fall in die Notaufnahme gerufen: ein Motorradfahrer, der einen heftigen Sturz hatte. Doch passiert ist dem Mann nicht viel, zunächst wollte er sogar nicht in die Klinik. Warum die Geschichte ebenso gut anders hätte ausgehen können.

Protokoll von Johanna Feckl

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Mit 70 Stundenkilometern war unser Patient mit seinem Motorrad unterwegs, als er auf einer Landstraße aus der Kurve flog. Ich bin selbst Motorradfahrerin und weiß daher: Ein Motorrad fährt immer dorthin, wo man hinschaut. Wenn man also, wie es bei dem Mann der Fall war, im Augenwinkel etwas sieht, etwa ein Reh, dreht man reflexartig den Kopf, um trotz des eingeschränkten Sichtfelds durch den Helm genauer hinsehen zu können. Dann bewegt man häufig automatisch Schultern und Arme mit und somit auch den Lenker – auch wenn es nur ein bisschen ist. Doch das kann bei einem Motorrad schon reichen, um eine Kurve nicht zu kriegen.

Jetzt war der Mann in der Notaufnahme in einem Schockraum. Aber nicht, weil ihn der Rettungswagen gebracht hatte. Sondern, weil ihn zu Hause die Tochter dazu überredet hatte. Denn er konnte nach dem Unfall selbstständig aufstehen. Und das, obwohl sein Sturz durch die Geschwindigkeit ganz schön heftig gewesen war, er durch die Luft geflogen war, die Maschine über ihn hinweg, bis er in der Wiese neben der Straße gelandet war. Er rief einen Freund an, der ihn heimfuhr. Augenscheinlich ging es ihm gut. Trotzdem bestand die Tochter darauf, zur Abklärung ins Krankenhaus zu fahren. Dort betrat der Mann dann zu Fuß die Notaufnahme. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir das nach einem Motorradunfall schon mal erlebt hätten.

SZ-Pflegekolumne „Auf Station“
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Im fünften Jahr der SZ-Pflegekolumne können nun noch mehr Menschen die Geschichten von Pflegerin Pola Gülberg lesen. Warum die 41-Jährige jede Woche über ihre Arbeit auf der Intensivstation der Ebersberger Kreisklinik erzählt.

Von Johanna Feckl

Gut, dass die Tochter so hartnäckig war. Denn bei einem solch gewaltigen Sturz kann alles Mögliche passieren. Nur weil der Mann kaum Schmerzen hatte und gehen konnte, bedeutete das nicht, dass er keine schlimmen Verletzungen hatte. Nach einem Unfall schüttet der Körper jede Menge Adrenalin aus. Das Stresshormon sorgt dafür, dass die Körperfunktionen zunächst so gut wie möglich weiter funktionieren, unter anderem, weil es Schmerzen hemmt. Das heißt, man merkt die eigenen Verletzungen kaum oder gar nicht.

Vor allem früher war das ein wichtiger Schutzreflex. Zum Beispiel, wenn der Steinzeitmensch beim Jagen oder Sammeln von einem Tier angegriffen wurde. Durch das Adrenalin im Körper bestand dann die Chance, dass er trotz Verletzungen fliehen und sich retten konnte.

Daher ist es auch ein Trugschluss, dass unser Patient zu Hause dachte: Ja, aber der Unfall ist ja jetzt schon eine halbe Stunde her und mir geht’s immer noch gut, also passt alles. Es dauert, bis das Adrenalin abgebaut ist und sich zeigt, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Nachdem der Patient in der Notaufnahme den Unfallhergang erzählt hatte, beschloss der diensthabende Arzt, einen Schockraum einzurichten. Dadurch werden sämtliche relevanten Untersuchungen so schnell wie möglich eingeleitet, und wir von der Intensiv werden angefordert. So stieß ich zusammen mit einem Anästhesisten und einem Internisten dazu. Bei der Ultraschalluntersuchung hatte unser Internist einen Verdacht: Mit der Milz schien etwas nicht in Ordnung zu sein. Im CT bestätigte sich dann, dass der Mann eine Milzruptur hatte.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. Peter Hinz-Rosin

Das bezeichnet einen Riss in dem Organ, das passiert typisch nach einem Schlag oder Aufprall in der Bauchgegend. Durch den Riss blutet die Milz. Das wird vor allem dann gefährlich, wenn auch die Kapsel, die das Organ umschließt, verletzt ist oder durch den Druck, den das viele Blut verursacht, ebenfalls reißt. Dann hält das Blut nichts mehr auf, es gelangt in den Bauchraum und man kann leicht verbluten.

Zur Überwachung kam der Patient schließlich zu uns. Am Monitor hätten wir sofort bemerkt, wenn die Kapsel reißt. Etwa, weil der Blutdruck plötzlich rapide abgesackt wäre.

Doch das trat nicht ein. Der Mann hatte wirklich unglaubliches Glück – nicht einmal einen Knochenbruch hat er von seinem Sturz davongetragen. Und trotzdem war es absolut richtig, dass er zur Abklärung in die Notaufnahme gekommen war. Noch besser wäre gewesen, er hätte an Ort und Stelle den Rettungswagen gerufen.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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