Als ich während meiner Ausbildung zum ersten Mal auf einer Intensivstation gearbeitet habe, hatte diese noch gar keine richtigen Zimmer. Stattdessen gab es mehrere Kabinen mit zwei oder drei Bettplätzen, die voneinander mit Vorhängen getrennt waren. Es gab keinen Stationsstützpunkt mit einem zentralen Monitor, an dem die Vitalzeichen aller Patienten zu sehen waren und der sofort Alarm schlug, sollte irgendein Wert den Normalbereich verlassen. Nur an den einzelnen Patientenbetten gab es Monitore. Riesengroße Teile waren das. Und die Beatmungsmaschinen waren nicht nur extrem groß und klobig, sondern auch laut – generell war es damals viel lauter auf einer Intensivstation. All die Gerätschaften, deren Piepen man noch nicht leiser oder ganz stumm schalten konnte, in Kombination mit bis zu sechs Patientenkabinen in einem Raum, wie es in manchen Kliniken üblich war: ein Kanon aus ständigem Brummen, Surren, Fiepen, Murmeln und Rascheln.
Das ist jetzt etwas mehr als 20 Jahre her, 2005 habe ich meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen. Und es war ein völlig anderes Arbeiten im Pflegebereich als heute.
Nicht nur die Medizin schreitet voran, sondern auch das Wissen um die Pflege wird fundierter, genauer: Vieles von dem, was früher als der goldene Pfad galt, weiß man mittlerweile besser. So war es lange Zeit üblich, die Körpertemperatur von Patienten nach einer Reanimation herabzukühlen, indem man Kühlakkus auf dem Körper platzierte. Das hat man nicht nach jeder Reanimation gemacht, aber wenn bestimmte Kriterien erfüllt waren. Das Kühlen reduziert den Stress im Körper, weil dadurch der Energiebedarf herabgesetzt wird und somit das Herz mehr Ruhe hat.

Heute weiß man, dass das innere Kühlen durch einen Kühlkatheter effektiver ist als das äußere. Deshalb haben wir ein Gerät für eine solche Anwendung, den Thermoguard. Außerdem empfiehlt die aktuelle Behandlungsleitlinie als oberstes Ziel nun, Fieber zu vermeiden, und nicht mehr aktiv zu kühlen. Denn die Fiebervermeidung geht meist mit weniger Nebenwirkungen einher und ist ressourcenschonender; oft reicht dafür schon eine medikamentöse Therapie aus oder eine kühle Infusion. Der Thermoguard ist trotzdem wichtig, er wird allerdings gezielter eingesetzt.
Pflege kann bei ansonsten gleicher medizinischer Versorgung den entscheidenden Unterschied machen, ob ein Patient gesund wird oder nicht. Oder ob es kürzer oder länger dauert, bis er genesen ist. Um dem Anerkennung zu verschaffen, gibt es mittlerweile gesetzlich festgeschriebene Tätigkeiten, die allein Pflegekräften vorbehalten sind. Dazu gehört das Stellen von Pflegediagnosen wie das Risiko für Aspiration, also dass sich der Patient verschluckt und dadurch Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege gelangt. Pflege beinhaltet ein ständiges Lernen, um den Genesungsprozess bestmöglich zu unterstützen. Dieser Aspekt macht meinen Beruf für mich unglaublich spannend.
So kann ich durch regelmäßige Mobilisation dazu beitragen, das Risiko für ein Delir, also einen Verwirrtheitszustand, so gering wie möglich zu halten. Den gleichen Effekt hat die basale Stimulation, beispielsweise bestimmte Waschtechniken oder die mündliche Ansprache von stark sedierten Patienten. Das funktioniert nie exakt gleich, jeder Patient ist anders. Das verlangt von mir als Pflegekraft Flexibilität, ich muss mich an die individuellen Bedürfnisse des Menschen im Krankenbett vor mir anpassen.
Es ist aber nicht nur der Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Patienten, der mir an meiner Arbeit so gefällt. Sondern auch die Entwicklungs-Chancen, die der Beruf uns Pflegekräften ermöglicht. Mittlerweile gibt es richtig viele Fachweiterbildungen, die einem mehr Verständnis und Expertise sowie auch mehr Gehalt ermöglichen. Seitdem ich 2020 meine zweijährige berufsbegleitende Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie abgeschlossen habe, besitze ich mehr Hintergrundwissen, um eigenverantwortlich Beatmungsgeräte zu bedienen. Danach habe ich unter anderem eine Weiterbildung zur Praxisanleiterin gemacht und darf nun die Kolleginnen und Kollegen auf unserer Station betreuen, die gerade in ihrer Fachweiterbildung sind. Mir macht das unglaublich viel Freude.

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich auch da keinen Stillstand. Eine der nächsten großen Änderungen, die uns bevorsteht, ist die Einführung der digitalen Patientenakte auf unserer Intensivstation. Die ist bislang analog, weil sich die Umstellung komplizierter darstellt, als man das als Außenstehender zunächst vermuten mag.
Der medizinische und pflegerische Intensivbereich ist hochtechnisiert, unsere Patienten sind im Gegensatz zu denen anderer Stationen auf diverse Gerätschaften angewiesen, zum Beispiel die Monitorapparatur, die kontinuierlich die Vitalzeichen misst. Oder die Perfusoren und Infusomaten, über die wir Medikamente verabreichen. All diese Daten sollen automatisiert in die digitale Patientenakte einfließen. Außerdem benutzen die meisten Kliniken, die ich kenne, unterschiedliche Systeme auf Normal- und Intensivstation. Klar, denn auf Normalstation hängt kein Patient am Monitor, da muss die Software nicht so leistungsfähig sein wie bei uns – das ist auch alles eine Kostenfrage.
Das alles bedeutet, dass die Software für digitale Patientenakten auf einer Intensivstation Schnittstellen zu allen möglichen Gerätschaften vorhalten muss, damit alles reibungslos funktioniert. Außerdem muss sie mit der Software kompatibel sein, die für die Akten auf Normalstation verwendet wird. Denn unsere Patienten kommen schließlich irgendwann dorthin, wenn sich ihr Zustand bessert. Und dann muss das System natürlich noch gut handelbar und sicher sein. Das sind viele verschiedene Kriterien, die richtige Wahl eines Systems ist dementsprechend ein komplexes Unterfangen. Wir hatten für einige Zeit sogar schon ein Testsystem, an dem wir alle mal etwas herumprobieren und unsere Meinung und Wünsche dazu abgeben konnten.

Wir alle freuen uns schon sehr auf die digitale Patientenakte. Zwar werden wir dann immer noch viele unserer Tätigkeiten manuell dokumentieren, zum Beispiel die Mundpflege oder wann und wie wir die Patienten frisch lagern. Doch einiges unserer Dokumentationsarbeit wird dann automatisiert oder halb automatisiert passieren, das verschafft uns mehr Zeit für die Patientenversorgung.
Und noch etwas wird sich verändern: Dies ist meine letzte Folge als SZ-Pflegekolumnistin. Seitdem ich von meiner Vorgängerin übernommen habe, habe ich in 205 Kolumnen fast jede Woche von meiner Arbeit erzählt und über meine Perspektive auf den Pflegeberuf gesprochen. Das habe ich gern gemacht. Jeder Leserbrief, jedes persönliche Gespräch auf der Straße und auch jedes Mal, wenn mich ein Patient erkannt und auf die Kolumne angesprochen hat, hat mir gezeigt, dass ich einen Beitrag leiste, damit Menschen besser verstehen, was im Krankenhaus passiert. Dafür möchte ich Danke sagen. Jetzt wird es Zeit für mich, weiterzuziehen und mich neuen Projekten zu widmen.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne hat die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost erzählt. Kleinere Details haben wir geändert, um die Identität der Patientinnen und Patienten zu schützen. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

