SZ-Pflegekolumne: Auf StationEin junger Patient ringt um sein Leben

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Seit einigen Jahren schon steigen in Deutschland die Zahlen von Krätzefällen kontinuierlich und deutlich.
Seit einigen Jahren schon steigen in Deutschland die Zahlen von Krätzefällen kontinuierlich und deutlich. (Foto: Frank Molter/picture alliance/dpa)

Der Zustand des Mannes ist lebensbedrohlich, als er auf die Intensivstation kommt: Leberversagen, Liegetraumata und vermutlich ein fortgeschrittener Krätzebefall. Jetzt kommt es auf die bevorstehende Nacht an.

Protokoll von Johanna Feckl

Neun Tage hatten die Nachbarn den jungen Mann nicht mehr gesehen. Das kam ihnen komisch vor, eigentlich trafen sie ihn regelmäßig alle paar Tage – kurz beim Briefkasten, an der Tür, oder man sah sich auf der Straße. Also verständigten sie den Rettungsdienst. Was für ein Glück, denn dieser Anruf rettete dem Mann ziemlich sicher das Leben.

Sein Zustand war auf mehreren Ebenen kritisch. Seine Leber war kaputt, darüber hinaus hatte er eine schlimm aussehende Hautkrankheit – der Verdacht fiel auf Krätze, Skabies in der Medizinsprache. Sie wird übertragen durch Krätzemilben, Parasiten, die zu den Spinnentieren gehören. Winzig klein sind die Viecher, weibliche Milben werden nur 0,3 bis 0,5 Millimeter groß, laut Robert-Koch-Institut (RKI) also gerade so, dass man sie mit menschlichem Auge als Punkt erkennen kann. Männliche Milben sind noch ein wenig kleiner.

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Die befruchteten weiblichen Milben graben sich in die Hornschicht der menschlichen Haut. Dort legen sie Gänge an, die dem Aussehen nach an Tunnel erinnern, und bleiben in der Regel dort, bis sie nach 30 bis 60 Tagen sterben. Sind Larven geschlüpft, gelangen sie zurück an die Hautoberfläche, verkriechen sich in Falten, Vertiefungen oder Haarfollikeln, wo sie sich zu geschlechtsreifen Milben entwickeln. Dann findet wieder die Begattung statt. Und wenn keine medizinische Behandlung eintritt, geht das immer so weiter.

Krätze tritt weltweit auf, und zwar in allen Altersgruppen, doch hauptsächlich dort, wo Menschen über einen längeren Zeitraum gemeinsam leben, betreut oder medizinisch versorgt werden und ein enger Hautkontakt üblich ist. Das RKI nennt als Beispiele Kindergärten, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, Obdachlosenunterkünfte, Gefängnisse, Altersheime und Krankenhäuser.

Wo sich unser Patient die Krankheit eingefangen hat, wussten wir nicht. Aber es war ziemlich sicher schon eine Weile her, denn dem Rettungsdienst waren an einigen Stellen in der Wohnung kleine Häufchen von abgestorbener Haut aufgefallen. Und auch das Bild, das sich uns auf der Intensivstation bot, sprach für einen bereits länger andauernden Befall: Seine Beine waren fast vollständig verbacken. Es waren nicht nur einzelne Stellen mit ein paar größeren Pusteln, sondern massiv verkrustete und zusammengeflossene Pusteln, die sich bis kurz über das Knie zogen. Am restlichen Körper hatte er eher kleinere und erhabene rötliche Knötchen oder schuppige Stellen.

Aufgrund des Krätzeverdachts isolierten wir den Patienten sofort. Doch zu dem Zeitpunkt machte uns seine Leber noch mehr Sorgen, oder vielmehr die Kombination aus beidem: Die Leber ist auch für die Blutgerinnung zuständig. Da sie aber nicht mehr richtig arbeitete, gerann das Blut des Mannes kaum mehr. Das war bei all den Krusten aufgrund der vermeintlichen Krätze extrem schwierig. Wir mussten unglaublich aufpassen, dass wir durch keinen unserer Handgriffe etwas an der Haut aufrieben oder sich eine der harten Krusten löste. Denn dann die Blutung wieder zu stillen, wäre extrem schwierig geworden, und sein Zustand hätte sich weiter verschlechtert.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Deshalb wollten die Ärzte ihn auch nicht intubieren, solange es nicht absolut notwendig war. Hinzu kamen verschiedene Liegetraumata, vermutlich hat er nach einem Sturz einige Tage auf ein und derselben Stelle gelegen. Außerdem war er sehr dehydriert und kaum mehr ansprechbar.

Die erste große Hürde hatte er bald geschafft: die Nacht zu überleben. Aufgrund des sehr speziellen Bildes seiner Hautkrankheit wurde er dann umgehend in eine Fachklinik verlegt.

Der Mann hat mich lange beschäftigt. Dass junge Menschen wegen welcher Gründe auch immer so völlig zurückgezogen und vereinsamt leben, dass niemand einen äußerst schlechten Gesundheitszustand bemerkt, macht mich traurig. Ich wünsche ihm sehr, dass er gesund wurde und er nun die Hilfe bekommt, die er benötigt, um wieder stabil im Leben zu stehen. Leider kann ich es nur hoffen, denn ich weiß leider nicht, was mit dem Patienten nach der Verlegung weiter geschah.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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