Während einer meiner Spätschichten am Wochenende kam die Frau meines Patienten auf mich zu. In ihrem Blick lag Verzweiflung, als sie sagte: „Wissen Sie, nächste Woche, da hab ich ein Problem.“ Oje, dachte ich mir nur. Das klang nicht gut. Als sie weitersprach, stellte sich heraus, dass sie von Montag an auf ihr Enkelkind aufpassen sollte. Von 15 Uhr an, bis dahin war der Bub im Kindergarten.
Das war exakt jene Zeit, zu der sie ihren Mann jeden Tag auf unserer Intensivstation besuchte, von 14 bis 16 Uhr. Das sind unsere offiziellen Besuchszeiten. Nun hatte die Frau Sorge, dass sie die kommenden Tage ihren Mann immer nur für höchstens eine halbe Stunde sehen würde, um dann rechtzeitig ihren Enkel abholen zu können. „Können wir da vielleicht etwas machen?“, fragte sie.
Das, was der Frau Kopfzerbrechen bescherte, war im Grunde gar kein Problem. Wenn der Zustand eines Patienten äußerst schlecht ist oder die Sterbephase eingetreten ist, dann ermöglichen wir den Angehörigen selbstverständlich, rund um die Uhr bei ihren Liebsten sein zu können. Auch bei stabileren Patienten sehen wir das mit den Besuchszeiten recht locker. Und das aus gutem Grund: Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfiehlt zwar keine pauschal offenen Besuchszeiten, wie es beispielsweise in einigen skandinavischen Ländern fast überall üblich ist. Aber sie betont, wie sehr Besuche den Genesungsprozess positiv beeinflussen, vor allem bei Intensivpatienten.
Das bestätigt ein kurzer Blick auf unsere Überwachungsmonitore: Selbst bei sedierten Patienten beruhigt sich meist die Herzfrequenz, wenn sie die Stimme vom Ehepartner hören oder er sie berührt. Das Hörvermögen bleibt selbst bei einer Sedierung noch lange bestehen, das beweisen Studien. In einem Positionspapier zu Angehörigenbesuchen während der Pandemie weist die DIVI auf aktuelle Studien hin, denen zufolge ein reduzierter Kontakt zu den Angehörigen negative Folgen für die Patienten haben kann, zum Beispiel ein erhöhtes Risiko, ins Delir zu rutschen.
Vor allem ältere Patienten, die sediert waren, sind leider recht häufig betroffen von einem Delir – sie gleiten in einen verwirrten Zustand, können sich örtlich und zeitlich nicht orientieren, manchmal kommen auch Halluzinationen hinzu. Um eine Orientierungshilfe zu geben, befindet sich in jedem unserer Zimmer zum Beispiel eine Uhr, außerdem stellen wir uns jedes Mal vor, wenn wir an das Patientenbett treten, und sagen, welcher Tag ist und wo wir uns befinden. Was darüber hinaus äußerst hilfreich ist, ist die Anwesenheit der Angehörigen – ihre vertrauten Stimmen, bekannten Gesichter. Das unterschätzen viele.

Deshalb geben wir uns große Mühe, für Angehörige so viel Besuchszeit wie möglich zu arrangieren. Vormittags ist das immer schwierig, allein bis zehn Uhr dauern die Visiten. Und danach stehen oft Untersuchungen an, zu denen wir die Patienten auf andere Stationen im Haus bringen müssen. Da wäre es freilich schade, wenn ausgerechnet dann jemand zu Besuch kommt, letztlich jedoch gar keine Zeit mit dem Patienten verbringen kann.
Zu viel Besuchszeit birgt jedoch auch Tücken. Manche Angehörigen wollen dann überhaupt nicht mehr nach Hause gehen. Dabei stellen sie ihre eigenen Bedürfnisse und ihr eigenes Wohlbefinden oft so weit hinten an, dass wir aufpassen müssen, um nicht einen neuen Patienten zu bekommen – weil sie irgendwann zusammenklappen. Einfach mal heimgehen, ins Bett legen oder sogar schlafen, duschen, sich frisch machen, etwas essen – dann können sie gern wiederkommen.
Mit der Frau meines Patienten habe ich vereinbart, dass sie in der kommenden Woche nun etwas eher kommen kann, vor Beginn unserer offiziellen Besuchszeit. Die genauen Zeiten habe ich auf einen Zettel notiert und ganz oben in die Patientenakte gepinnt, sodass es jede Pflegekraft gleich sah.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.


