Wer sich schon einmal einen Knochen am Unterschenkel gebrochen oder den Genesungsprozess bei jemand anderem beobachtet hat, kennt das: Ist endlich wieder alles heil, hat die eine Wade gut und gerne drei Zentimeter weniger Umfang als die andere. Der Unterschied ist ohne Zweifel mit bloßem Auge zu erkennen. Muskulatur baut sich schnell ab, wenn sie nicht genutzt wird. Und ein gebrochenes Bein steht eben recht lange recht still.
Der gleiche Effekt lässt sich bei Patienten beobachten, die über eine lange Zeit hinweg sediert an einer Beatmungsmaschine angeschlossen sind. Je länger jemand an der Maschine hängt, desto stärker verkümmern die Muskeln – vereinfacht ausgedrückt lässt sich das so sagen. Klar spielen darüber hinaus noch andere Faktoren mit hinein, etwa Alter, Geschlecht, generelle Fitness oder die Krankheit und Vorerkrankungen, die überhaupt zum Klinikaufenthalt geführt haben.

Ärztin über ihre humanitären Einsätze:„Genau deswegen habe ich Medizin studiert“
Fünfmal hat Anna Ertl bereits humanitäre Hilfe im Ausland geleistet. Wie es ist, vor 2000 Häftlingen in einem ugandischen Gefängnis zu stehen – und weshalb der Ärztin solche Einsätze manchmal lieber sind als ihre Arbeit daheim.
Vor einer Weile hatten wir einen Patienten, der so lange beatmet war, dass er danach fast am gesamten Körper bewegungslos war. Critical-Illness-Polyneuropathie, kurz CIP, nennt sich das dann. Im Namen steckt es schon drin: neuro, also die Nerven betreffend. Das Problem ist nämlich nicht nur die Muskulatur, die abgebaut hat. Sondern auch das Nervensystem, das die Muskeln erst mal aktivieren muss, damit eine Bewegung entsteht. Bleiben die entsprechenden Signale vom Gehirn aus, dann vergisst der Körper allmählich, wie dieser komplexe Vorgang überhaupt funktioniert.
Man kann es sich ein bisschen vorstellen wie ein Gericht, das man seit Ewigkeiten nicht mehr gekocht hat: Wie viel Sahne muss ich nochmal mit wie viel Brühe aufkochen, damit es für vier Portionen reicht? Und welche der Zutaten kommt doch gleich als Erste in die Pfanne? Es dauert nicht lange, höchstens ein kurzer Blick ins Rezept, dann fällt einem alles wieder ein. Aber im ersten Moment lässt sich auf das vorhandene Wissen nicht zugreifen, es ist zu sehr im Hinterstübchen versteckt.
Unser Patient hatte sich so weit stabilisiert, dass wir ihn zur Physiotherapie anmelden konnten. Je eher damit begonnen wird, das Nervensystem zu stimulieren und die Muskulatur durchzubewegen, desto schneller erinnert sich der Körper an Bewegungsmuster, sodass er sie bald wieder ohne große Anstrengung abrufen kann. Sprechen medizinische Gründe gegen eine Physiotherapie, weil der Patient dafür noch zu instabil ist, machen wir Pflegekräfte mehrmals am Tag Mikro-Mobilisationen. Wir legen dann beispielsweise ein gefaltetes Laken unter den Bereich des Rückens, der Schultern, der Beine oder rund um das Gesäß, um die Liegeposition zumindest ein kleines bisschen verändern zu können.
Das CIP bei dem Mann war zunächst so ausgeprägt, dass er den Kopf nur für eine sehr kurze Zeit allein aufrecht halten konnte. Bei solch einem Ausgangspunkt bindet die herkömmliche Mobilisation zwei oder drei Leute, um den Patienten aufzusetzen. Und dann noch mindestens eine Pflegekraft, die den Mann ständig stützt, damit er nicht in sich zusammensackt.
Doch dieses Mal machten wir es anders. Unsere Physiotherapeutin erzählte von einer speziellen Lagerung, die sie erst neulich in einer Weiterbildung gelernt hatte. Mit deren Hilfe ist es möglich, sehr stark bewegungseingeschränkte Patienten mit weniger Aufwand in eine aufrechte und zum Teil frei sitzende Haltung zu mobilisieren. Das probierten wir bei unserem Patienten gleich aus.
Am Ende saß er im Bett eine gute halbe Stunde wach an seiner Beatmung und den restlichen Leitungen, ohne dass ihn jemand stützen musste. Die Haltung erinnerte an einen Damensitz auf dem Pferd: etwas schräg an der Bettkante, der eine Fuß stand auf dem Boden, der andere hing etwas in der Luft, sodass wir darunter ein Polster legten. Es ist wichtig, den Körper zu erden, damit er sich orientieren kann. Das Kopfteil des Bettes war senkrecht hochgefahren. Daran war der Oberkörper des Patienten schräg angelehnt. Am Rücken sorgte ein Polster dafür, dass er nicht nach hinten wegkippte.
Natürlich habe ich trotzdem den Patienten ununterbrochen beaufsichtigt, um sofort reagieren zu können, sollte er sich erschöpfen – jede Mobilisation bindet uns an das jeweilige Bett. Aber mit dieser Methode war nach dem Aufrichten eben nur noch eine Pflegekraft nötig.

Nach nur wenigen Tagen konnte der Mann schon zwei Stunden in dieser Position sitzen. Ein unglaublich schneller und großer Fortschritt.
Mich hat die Erfahrung mit diesem Patienten sehr glücklich gemacht. Sie hat mir gezeigt, was alles möglich ist durch einen interdisziplinären Austausch und eine gute Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Fachkräften. Es ist super, dass wir mittlerweile eine feste Physiotherapeutin auf der Intensivstation haben, die nur für unsere Patientinnen und Patienten zuständig ist – und sie sich bei Bedarf eine weitere Kollegin aus dem Physiotherapie-Team der Klinik zur Unterstützung hinzuholen kann. Denn unsere Patienten profitieren sehr davon.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Kleinere Details haben wir geändert, um die Identität der Patientinnen und Patienten zu schützen. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

