Wahrscheinlich hat das in der Großstadt jeder schon einmal gesehen: Jemand schnappt sich einen der E-Scooter, die von diversen Anbietern zum Ausleihen in der Stadt herumstehen, platziert irgendetwas zum Transportieren noch zwischen die Füße und rollert los. Oder es fahren gleich zwei Leute auf diesen Dingern. Oder drei. Hab’ ich alles selbst schon beobachtet. Ein Helm fehlt dabei eigentlich immer. Das ist gefährlich, mich gruselt’s jedes Mal, wenn ich so etwas sehe – erst recht, seitdem wir einen Mann auf der Intensivstation versorgt haben, dem ein Unfall mit solch einem Roller fast sein Bein gekostet hätte.
Eine unserer Ärztinnen war gerade in der Notaufnahme, als der Mann dort eingeliefert wurde. Sie sah sich die Röntgenaufnahmen von einem seiner Beine an, zunächst ohne zu wissen, was genau geschehen war: Beide Unterschenkelknochen waren gebrochen, dann gab es noch mal zwei Brüche direkt unterhalb und oberhalb des Knies. Am Kniegelenk waren mehrere Trümmerfrakturen, einzelne Fragmente waren abgesplittert und zerbröselt. Das Bein war in einem schlimmen Zustand. Bei dem Unfall musste unglaublich viel Wucht gewirkt haben, anders konnten solch gravierende Verletzungen nicht zustande gekommen sein. „Was stand denn da drauf?“, fragte die Ärztin deshalb die Kollegen in der Notaufnahme. „Ist da ein Lkw drübergefahren?“

Unfallgefahr bei E-Scootern:„Betrunkene stürzen ohne Schutzreflexe, wie ein Baum“
Unfallchirurg Michael Zyskowski über Parkverbote an Clubs, warum sich Männer häufiger schwer verletzen als Frauen und wie man das E-Rollerfahren sicherer machen könnte.
Doch es war kein Lkw daran beteiligt. Auch kein Auto, oder Radfahrer. Nicht einmal ein Fußgänger. Es war ein selbst verschuldeter Unfall, bei dem kein anderer Verkehrsteilnehmer dabei war.
Was genau sich zugetragen hatte, wussten wir nicht – der Mann erinnerte sich an keine Details. Anhand der Verletzungen konnten wir es allerdings so ungefähr rekonstruieren: Er musste vom Weg abgekommen und frontal in einen Gegenstand hineingekracht sein. Dabei hob auch die Metallkiste ab, die er zwischen den Füßen transportiert hatte. Sein Bein wurde vermutlich eingeklemmt zwischen der Kiste und dem Gegenstand, mit dem er zusammengestoßen war, während sozusagen sein restlicher Körper vom E-Scooter geflogen ist.
Sediert und beatmet kam der Mann schließlich zu uns. Zunächst hielten externe Fixateure sein Bein zusammen. Dabei werden in die Knochen an verschiedenen Stellen Stifte hineingebohrt, die bis nach außen reichen. Daran werden dann Querstriemen befestigt – wie ein Gerüst kann man sich das vorstellen. Dadurch war das Bein bestmöglich stabilisiert.
Als er von der Beatmungsmaschine weg war, war er sehr delirant, also in einem verwirrten Zustand. Das äußerte sich darin, dass er sehr unruhig war und um sich schlug, ich habe ihn auch schreien gehört – er muss wahnsinnige Schmerzen gehabt haben. Natürlich bekam er Medikamente dagegen, doch die sind kein Zaubermittel: Ab einem gewissen Schmerzlevel mindern sie die Schmerzen, aber sie können sie nicht komplett abschalten. Also bekam er zusätzlich ein Mittel zum Beruhigen, sodass er schlafen konnte.
In den ersten Tagen war unklar, ob er sein Bein behalten kann – eine mögliche Amputation stand im Raum. So schwer waren seine Verletzungen.

Natürlich gehörte zu dem Unfall eine ordentliche Portion Pech dazu, nicht jeder Sturz vom E-Scooter endet mit solch dramatischen Verletzungen. Doch der Fall zeigt gut, dass solche Rollerfahrten gerne verharmlost werden. Von wegen „ach, ist doch bloß ein E-Scooter, was soll da schon groß passieren“. Ähnlich ist es bei E-Bikes. Ich will wirklich keines dieser Fortbewegungsmittel verteufeln. Aber die Leute unterschätzen einfach, was 20 Kilometer pro Stunde bedeuten, mit denen die Dinger unterwegs sind. Und dass sie durch die elektrische Hilfe oft viel schlechter kontrollierbar sind, als wenn sie nur die eigene Muskelkraft antreibt.
Nach gut eineinhalb Wochen kam der Mann schließlich auf die Normalstation. Die Ärzte konnten sein Bein zum Glück retten, allerdings wird das Knie ziemlich sicher versteift bleiben. Damit kann man leben, sicherlich auch gut leben. Aber es bedeutet dennoch eine enorme Umstellung: Allein Treppensteigen wird da zur Herausforderung. Fahrradfahren, in einer engen Kino- oder Flugzeugreihe sitzen, ein langer Spaziergang ... Vieles, was einst selbstverständlich war, ist auf einmal gar nicht mehr möglich.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

