Aus ungefähr fünf Metern Höhe war der Mann gesprungen – ein rettender Sprung, denn das Haus, in dem er sich befand, brannte. Ein anderer Weg ins Freie war für ihn nicht erkennbar gewesen. So berichtete es uns der Rettungsdienst, der ihn schließlich ins Krankenhaus gebracht hatte. Die Integrierte Leitstelle (ILS) hatte ihn uns als Polytrauma angekündigt; so nennt man es, wenn mehrere schwere Verletzungen vorliegen. Das wohl gravierendste Problem bei ihm war, dass er sich bei seinem Sprung auch an der Wirbelsäule etwas gebrochen hatte. Dabei ist immer größte Vorsicht geboten, denn im schlimmsten Fall kann so etwas mit einer Querschnittslähmung enden.
Wegen seiner Wirbelsäulenverletzung kam er in einer sogenannten Vakuummatratze zu uns. Das ist eine dicke Matratze, befüllt mit vielen kleinen Kügelchen. Nachdem der Rettungsdienst den Verletzten darauf gelagert hatte, saugte er die Luft heraus – wie in einem Kokon liegt der Patient dann da, die Matratze perfekt an seine Körperform angepasst: Die Seiten, der Kopf, alles ist abgeschirmt, sodass der Verletzte so regungslos wie möglich liegen kann. Selbst Röntgen- und CT-Aufnahmen sind mit dieser Matratze kein Problem, die jeweiligen Strahlen gehen einfach durch das Material hindurch. Ein Umlagern ist daher überflüssig, das ist wirklich eine tolle Erfindung. Denn bei Verletzungen an der Wirbelsäule ist das Ruhigliegen sehr wichtig, um den Schaden am Rückgrat nicht weiter zu verschlimmern – jede Bewegung birgt ein Risiko.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station:Schmerzen, die Pflegerin und Patientin verbinden
Wegen ihrer Endometriose muss einer Patientin von Pola Gülberg ein Teil des Darms entfernt werden. Der Fall der jungen Frau geht der Pflegerin besonders nahe – weil sie sieht, wie gefährlich die Krankheit werden kann, an der auch sie selbst leidet.
Deshalb mussten wir darauf achten, dass sich der Mann so wenig wie nur irgendwie möglich bewegte, als wir ihn von der Vakuummatratze ins Patientenbett umlagerten. Wir erklärten ihm, dass er seine Arme über Kreuz an die Schultern legen und seinen Körper steif machen sollte. So konnten wir ihn mittels einer „en-bloc“-Drehung von der Matratze ins Bett manövrieren, und das möglichst ohne Flexions- und Rotationsbewegungen.
Der Patient hatte Angst, das merkte ich ihm an. Weniger vor seinen Verletzungen, sondern vor allem, was ihm drumherum jetzt bevorstand. In der nächsten Nachtschicht fragte er mich: „Wenn ich aus dem Krankenhaus raus darf, wo soll ich denn dann hin?“ Ein Nachbar hatte ihm eine Nachricht geschrieben, dass das Haus nicht mehr zugänglich war. Seine Wohnung war eine städtische Unterkunft. Das mag für viele nicht unbedingt nach einem richtigen Zuhause klingen. Aber für meinen Patienten war es das, er hatte nichts anderes.
Ihn beschäftigte aber nicht nur, wo er künftig wohnen sollte, wie ich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs erfahren habe: Vor Kurzem erst hatte er einen neuen Job angefangen und ihn drückten viele Fragen. Wie das wohl ankomme, wenn er nun nicht kommen konnte? Wo genau er eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für seinen Chef herbekomme? In ein paar Tagen habe er einen wichtigen Behördentermin, da geht’s um Fristen, die bei Versäumnis ein großes Problem für seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland werden könnten. Aber wie solle er da jetzt erscheinen?
Er tat mir leid. Ich finde, in seinem Zustand hätte das alles keine Rolle spielen dürfen. Eigentlich war in diesem Moment nur wichtig, dass er sich ausruhte und wieder gesund wurde.

Doch wer so sorgenvoll auf die Reaktion des Chefs und bürokratische Angelegenheiten blickt, hat in der Vergangenheit vermutlich nicht die allerbesten Erfahrungen mit früheren Arbeitgebern und Behördengängen gemacht. Da war seine Reaktion nachvollziehbar – ich konnte verstehen, dass ihn das alles beschäftigte.
Dennoch versuchte ich, ihn zu beruhigen. Denn schließlich war das auch wichtig für seinen Genesungsprozess: wirklich Ruhe halten, auch im Kopf – da hat Stress nichts zu suchen. Bestimmt würde er über die Stadt ein neues zeitweiliges Zuhause bekommen, sagte ich ihm. Er habe ein Anrecht darauf, die Kommune ist verpflichtet, sich darum zu kümmern. Für sein Handy besorgte ich ihm ein passendes Ladekabel, damit er alle weiteren Angelegenheiten regeln konnte. Das ist zwar im Grunde genommen auch nicht Ruhe, aber wenn die Anrufe bei der Behörde, dem Hausarzt und dem Chef erledigt sind, dann lässt sich da gedanklich ein Haken dahinter setzen. Das Schwirren unerledigter To-dos im Kopf wird leiser.
Und tatsächlich gewann ich zunehmen den Eindruck, dass er ruhiger wurde. Unsere Gespräche schienen ihm dabei zu helfen, zu sortieren, wie er die nächsten Schritte vom Krankenbett aus angehen konnte – und zu sehen, dass sich alles lösen ließ.
Am nächsten Tag kam er auf Normalstation. Seine Verletzung an der Wirbelsäule hatte sich erfreulicherweise als nicht so gravierend wie anfangs befürchtet herausgestellt, Bettruhe war deshalb nicht mehr notwendig. Ich hoffe sehr für den Mann, dass er alles klären konnte – und dass er mittlerweile ein neues Zuhause hat.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

