SZ-Pflegekolumne: Auf StationEine Intensivstation im Rätselfieber

Lesezeit: 2 Min.

Wer gerne Günther Jauchs Quizshow „Wer wird Millionär?“ sieht, der mag Fragen wahrscheinlich recht gern. Doch auf einer Intensivstation werden Fragen, auf die man keine Antwort findet, schnell mal zu einem unergründlichen Rätsel – an dessen Ende eine simple Lösung steht.
Wer gerne Günther Jauchs Quizshow „Wer wird Millionär?“ sieht, der mag Fragen wahrscheinlich recht gern. Doch auf einer Intensivstation werden Fragen, auf die man keine Antwort findet, schnell mal zu einem unergründlichen Rätsel – an dessen Ende eine simple Lösung steht. Rolf Vennenbernd/dpa

Ein junger und bis vor seinem Krankenhausaufenthalt fitter Patient bereitet Pola Gülberg und ihren Kollegen Kopfzerbrechen: Obwohl sich sein allgemeiner Zustand langsam bessert, bleiben seine Blutwerte schlecht. Was ist da nur los?

Protokoll von Johanna Feckl

Die Blutwerte unseres Patienten waren völlig verschoben, da passte hinten und vorn nichts mehr zusammen. Vor allem hatte er viel zu wenige weiße Blutkörperchen. Alles starke Anzeichen für eine Sepsis, eine Blutvergiftung. Also haben wir eine Antibiotikatherapie begonnen und den Mann sofort schutzisoliert. Zum einen, damit er niemand anderen anstecken kann. Zum anderen, damit seine durch die schlechten Blutwerte geschwächte Immunabwehr nicht belastet wird. Doch die Werte seiner weißen Blutkörperchen blieben hartnäckig im Keller – wir konnten uns keinen Reim darauf machen.

Wenn ich mich richtig erinnere, ging es dem Mann zu Hause schlecht. Er fühlte sich extrem schwach – so sehr, dass er beim Gehen stolperte und stürzte.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 207
:Wenn Wassertrinken schädlich ist

Viel zu trinken, ist wichtig – das weiß jeder. Doch irgendwann kann es zu viel sein und den Körper krank machen. Erst kürzlich hat Pola Gülberg einen Mann versorgt, der 20 Jahre lang bis zu fünf Liter täglich trank.

Protokoll von Johanna Feckl

Als dann bei uns sein Bein plötzlich rot und dick wurde, entdeckten wir eine kleine Verletzung am Zeh. Die Wunde stand unter Eiter. Vermutlich war das der kleine Übeltäter, der die Sepsis ausgelöst hat, die sich nun bis zu seinem Bein hin ausgebreitet hat.

Nachdem wir die Wunde chirurgisch saniert hatten – so nennt man es, wenn ein Chirurg sie säubert –, wurde der Verband stetig kleiner und das Bein schlanker. Schleppend, aber es ging bergauf. Doch nach gut zehn Tagen hatte er starke Fieberschübe, da kletterte seine Temperatur locker mal bis auf 39 Grad. Seine Phasen mit Schüttelfrost waren teilweise so stark, dass wir ihn manchmal mit zwei Decken zudeckten. Wenn er dann abfieberte, war alles so durchgeschwitzt, dass wir zwei- bis dreimal am Tag sein Bett frisch beziehen mussten. Aber auch das wurde wieder besser.

Bei seinen weißen Blutkörperchen tat sich allerdings nahezu nichts.

Es war ein Rätsel. Dass ein ansonsten fitter junger Mann Anfang 30 wegen einer solch kleinen Wunde gleich eine Blutvergiftung entwickelt, die seine Blutwerte so aus den Latschen kippen lässt – das war äußerst ungewöhnlich. Dass er sich dann auch noch so extrem langsam erholte und ein Parameter in seinem Blut weiterhin schlecht blieb, machte den Fall nur noch rätselhafter.

Die Ärzte standen im Austausch mit hämatologischen Fachkliniken, denn die sind darauf spezialisiert, Blutkrankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln. War unsere Therapie gar nicht die richtige? Hatte der Patient womöglich eine bislang unbekannte Vorerkrankung? Oder hat er sich die Wunde draußen zugezogen und sich dadurch etwas anderes eingefangen? Hätte er eigentlich nicht mehr isoliert werden müssen?

Trotz aller Bemühungen kamen wir nicht weiter. Also nahm unsere Laborchefin Kontakt zu einem Speziallabor auf, um noch mehr Blutwerte checken lassen zu können. Parallel dazu suchten unsere Ärzte nach einem Platz in einer Spezialklinik. Nach zweieinhalb Wochen bei uns auf der Intensiv fanden sie ein freies Bett, und wir verlegten den Mann dorthin.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik. Peter Hinz-Rosin

Eigentlich erfahren wir nicht, was aus unseren Patienten wird, wenn sie aus unserem Haus wegverlegt sind. Doch bei solch speziellen Fällen telefonieren unsere Docs nach, um zu erfahren, was in der Fachklinik herausgekommen ist. Denn sie und auch wir Pflegekräfte wollen schließlich lernen. Im Idealfall haben wir dann beim nächsten ähnlich gelagerten Fall bessere Chancen, schneller die Ursache der Erkrankung herauszufinden.

Des Rätsels Lösung war überraschend einfach: Er hat einfach nur mehr Zeit gebraucht. In der Fachklinik führten sie unsere Therapie zunächst genau so fort, weitere Untersuchungen hatten nichts ergeben – und nach zwei Tagen sind seine Blutwerte wieder angestiegen.

Natürlich war es richtig, dass wir die Therapie hinterfragt haben. Es hätte schließlich ebenso gut sein können, dass er eine sehr seltene Vorerkrankung hat. Dass das letztlich nicht der Fall war, hat mir wieder einmal gezeigt, wie unterschiedlich jeder Körper funktioniert: Manche brauchen eben ein wenig länger.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Hautkrebs und Schutz vor Sonne
:„Beim Cremen für den ganzen Körper nicht zu wenig nehmen“

Die Zahl der Menschen, die an schwarzem Hautkrebs erkranken, steigt rapide. Woran das liegt, wie man Muttermale selbst untersuchen kann und wie dick man die Sonnencreme auftragen sollte.

SZ PlusInterview von Nicole Graner

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: