Neben meiner Arbeit auf der Intensivstation engagiere ich mich ehrenamtlich beim Jugend-Rotkreuz. Vor Kurzem habe ich in meinem Kreisverband geholfen, Schwimmabzeichen abzunehmen. Das hat nicht unmittelbar mit meiner eigentlichen BRK-Arbeit zu tun, ich bin ja nicht bei der Wasserwacht. Aber ich halte es für zentral, dass gerade Kinder sicheres Schwimmen und Tauchen lernen. Denn es ist erschreckend, wie oft ich in letzter Zeit von Ertrinkungsfällen gehört habe – ein subjektiver Eindruck. Doch das reicht aus, damit ich bei solchen Aktionstagen gerne mithelfe.
Ein neunjähriger Bub trat zum Gold-Abzeichen an. Letztlich hat er die vorgegebene Tauchdistanz nicht geschafft, auch nicht die Schwimmdistanz, die er in 30 Minuten hätte zurücklegen müssen. Natürlich war es schwer, ihm das Abzeichen nicht zu geben. Er war stark und hatte eine super Ausdauer für sein Alter. Aber für Gold hat es eben noch nicht gereicht. Es ist wichtig, das genau so klarzumachen. Andernfalls ist das eine Garantie für Selbstüberschätzung und damit ein großes Risiko, einmal selbst in einen Badeunfall verwickelt zu sein.
Dass Menschen, oft auch alkoholbedingt, ihre Schwimmfähigkeiten überschätzen, nennt die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) als einen der Hauptgründe, der zu Ertrinkungsfällen führt. Häufig ist es jedoch ein Zusammenspiel aus unglücklichen Zufällen. Wie zum Beispiel bei einer älteren Frau, die ich als Patientin versorgt habe.
Ihr Leben lang ist sie viel geschwommen, zwei- bis dreimal die Woche, wie uns erzählt wurde. Doch diese eine Schwimmrunde im See lief anders ab als sonst. Wir wissen nicht, ob sie einen Krampf hatte oder ein Problem mit dem Herzen – eines von beidem ist vor allem bei Älteren meist die Ursache fürs Ertrinken. Die Wasserrettung konnte die Frau bergen und reanimieren.
Gut drei Wochen haben wir sie versorgt, immer wieder versucht, sie vom Tubus zu entwöhnen, sie wachzubekommen. Ohne Erfolg. Bald war klar: Das wird nichts mehr, die Frau war zu lange unter Wasser gewesen. Je länger das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird, desto wahrscheinlicher werden bleibende Schäden und der Tod. Und bei Ertrinkungsfällen dauert es in der Regel naturgemäß länger bis zur Reanimation, die Person muss ja zunächst aus dem Wasser geborgen werden.
Meine Patientin atmete an der Beatmungsmaschine, das war das Einzige, was sie noch konnte. Ihr Mann konnte das nicht begreifen. Immer wieder sagte er, dass sie doch so eine gute Schwimmerin sei, wie so etwas habe passieren können. Dem Vorschlag unserer Ärzte, sie zu extubieren und palliativ zu behandeln, stimmte er nicht zu. Auch nach vielen, vielen Gesprächen nicht. Eine Patientenverfügung hatte die Frau nicht.
Solche Reaktionen erlebe ich oft. Ich erinnere mich an einen 14-jährigen Jungen, den ich vor vielen Jahren auf einer Neuro-Intensiv versorgt habe. Dort habe ich früher gearbeitet. Der Junge war im Hallenbad ins Wasser gesprungen, mit dem Kopf auf dem Grund aufgekommen und nicht mehr aufgetaucht. Sein Zustand ähnelte dem der älteren Frau, die ich nun behandelte. Die Eltern waren sich uneinig, was seine Therapie anbelangte. Es gab Schuldzuweisungen – ganz schlimm war das.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Als Pflegekraft weiß ich, welche Reaktion in solch einer Situation am sinnvollsten wäre. Aber ich bin auch Mutter. Ich habe auch einen Lebenspartner. Das ist etwas anderes – wer weiß, wie ich mich verhalten würde, wenn es um meine Angehörigen ginge.
Bislang habe ich einmal einen Badeunfall erlebt, bei dem die Person überlebt hat. Der Mann war jung und gesund. Beste Voraussetzungen, damit der Herz-Kreislauf wieder anspringt. Aber sein Gehirn hatte trotzdem enormen Schaden davongetragen.
Egal wie Badeunfälle ausgehen, leider nehmen sie meistens kein gutes Ende: Tod oder Hirnschaden. Umso wichtiger ist es, dass Kinder sicher schwimmen und ihre Fähigkeiten richtig einzuschätzen lernen. Damit lässt sich zumindest das Ertrinkungsrisiko so klein wie möglich halten.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.


