SZ-Pflegekolumne: Auf StationWarum Trompetespielen zum Gesundheitsrisiko werden kann

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Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es dazu kommt, aber manchmal passiert es eben trotzdem: ein Lungentrauma verursacht durchs Trompetespielen.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es dazu kommt, aber manchmal passiert es eben trotzdem: ein Lungentrauma verursacht durchs Trompetespielen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dem Patienten von Pola Gülberg geht es stetig besser – nur seine Sauerstoffsättigung, die bleibt im Keller. Der Grund dafür bleibt allen ein Rätsel – bis die Pflegerin eine Idee hat.

Protokoll von Johanna Feckl

Wenn man an Berufe denkt, bei denen Zuhören ein großer Bestandteil ist, dann sind die Gedanken vermutlich sofort bei Psycho- und Suchttherapeutinnen, Sozialarbeitern, Richterinnen oder Seelsorgern. Das stimmt freilich. Doch in der Medizin und Pflege ist das aufmerksame Zuhören mindestens ebenso wichtig – andernfalls wären wir wohl nie darauf gekommen, warum unser Patient solche Atemprobleme hatte. Oder vielmehr: welche Ursache den Atembeschwerden zugrunde lag und mit welcher Therapie sie in den Griff zu bekommen waren.

Mit Verdacht auf eine Nierenentzündung kam der Mann ins Krankenhaus. Die Bildgebung eines CTs sollte helfen, eine sichere Diagnose stellen zu können. Doch es kam anders: Gerade war er aus der Röhre wieder raus, da blieb sein Herz stehen. Er wurde reanimiert – intubiert und beatmet kam er schließlich auf die Intensivstation.

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Pola Gülberg achtet sehr darauf, wem sie Auskunft über ihre Patienten gibt, denn manchmal sollen auch innerhalb einer Familie nicht alle Bescheid wissen. Trotzdem versuchen Leute, sich Informationen zu erschleichen. In einem besonderen Fall sogar ein Journalist.

Protokoll von Johanna Feckl

Relativ schnell konnten wir ihn von der Beatmungsmaschine wieder entwöhnen. Das ist ein gutes Zeichen, denn sein Körper zeigte dadurch, dass er genesen und stark genug war, um das Atmen allein zu schaffen. Doch es gab ein Problem: Obwohl er selbständig atmete, blieb seine Sauerstoffsättigung zu niedrig. Gleich nach einer Beatmung kann das schon mal sein, dass zusätzlicher Sauerstoff notwendig ist. Allerdings dauerte bei unserem Patienten dieser Zustand schon viel zu lange an. Also legte ich ihm zunächst eine Beatmungsmaske an, durch die er puren Sauerstoff atmete, später dann eine spezielle Nasenbrille – High-Flow-Therapie nennt sich das.

An sich ging es dem Mann mittlerweile echt gut, mit ein wenig Unterstützung konnte er sogar vom Bett aufstehen und ein paar Schritte hinüber zu einem Stuhl gehen. Doch sobald er keinen zusätzlichen Sauerstoff bekam, rauschte seine Sättigung wieder in den Keller und er begann, schwer zu schnaufen.

Bald hatten die Ärzte einen Verdacht: Womöglich lag bei dem Mann Asthma cardiale vor – sein zu hoher Blutdruck könnte zu einem Rückstau des Blutflusses bis in die Lunge geführt haben, weshalb nun Atembeschwerden auftraten. Also haben wir mit Medikamenten für einen niedrigeren Blutdruck gesorgt. Doch an der Sauerstoffsättigung änderte das nichts.

Der Patient ging mir nicht aus dem Kopf. Warum nur die schlechten Sättigungswerte? Darüber dachte ich auch nach, als ich gerade mit dem Auto auf dem Weg zum Frühdienst in die Klinik war. Er war ein netter und sympathischer Mann, ich unterhielt mich gerne mit ihm. Er erzählte mir, dass er seit seiner Jugend Trompete spielte. Eigentlich befand sich das Orchester, in dem er Mitglied war, mitten in der Vorbereitung auf ein Konzert. Deshalb habe er die Flankenschmerzen, die ihn schon länger plagten, auch nicht so ernst genommen und sich lieber eine Ibu eingeworfen – er wollte keinesfalls eine der Proben verpassen.

Moment, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Beim Trompetespielen muss man in der Mundhöhle einen Gegendruck erzeugen, damit ein Ton aus dem Instrument kommt. War es möglich, dass durch das jahrelange Spielen und den dadurch erzeugten Druck die Lunge des Mannes einen Schaden genommen hatte? Das kenne ich von Beatmungsmaschinen: Beatmet man die Patienten mit einem zu hohen Druck, kann das ein Trauma in der Lunge auslösen. War dieses Prinzip vielleicht vergleichbar mit dem Trompetespielen?

Als mir ein Kollege dann sagte, dass er meinen Gedanken eigentlich gar nicht so blöd fand, fühlte ich mich bestärkt. Auf gut Glück bemühte ich das Internet dazu. Und tatsächlich: Ich fand etwas dazu. Das Phänomen ist demnach zwar äußerst selten, aber es kann durchaus vorkommen.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit all diesen Infos sprach ich die diensthabende Ärztin an. „Ich hätte da eine Idee, vielleicht könntest du da ja mal nachgucken?“ Sie versprach mir, sich einzulesen – und es dauerte nicht lang, ehe sie wieder zu mir kam und sagte: „Pola, ich habe da was gefunden, gut möglich, dass du recht hast.“ Bei der Übergabe informierte sie ihre Kollegen darüber, sodass sie bei der morgendlichen Visite mit dem Oberarzt über die Trompeterlungen-Theorie sprechen konnten.

Die Ärzte nahmen die Theorie ernst: Ein paar Tage später wurde er in eine Lungenfachklinik überwiesen.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass ich mit meiner Idee dazu beitragen konnte, dass der Mann nun hoffentlich wieder vollständig gesund wird. Und ein bisschen stolz war ich auch auf mich. Eigentlich zeigte mir dieser Fall aber nur wieder erneut, wie wichtig das Zuhören in der Medizin und Pflege ist.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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