Ein kleines Zucken. Mehr hat mein Patient gar nicht gespürt, als ihn der Strom traf. So erzählte er es mir während meiner Nachtschicht. Als Elektriker war er gerade auf einer Baustelle mit offenen Stromkabeln zugange, ehe ein Stromschlag ihn kurz zusammenschrecken ließ. Der junge Mann wollte erst nicht ins Krankenhaus kommen, das hielt er für überflüssig, schließlich fühlte er sich gut. Doch sein Chef bestand darauf.
Das war gut so – nicht nur, weil es ein Arbeitsunfall war und es bei solchen Geschichten immer wichtig ist, sie ärztlich aufnehmen zu lassen. Denn bei Spätfolgen ist die lückenlose Dokumentation eine notwendige Grundlage für mögliche Rentenansprüche oder andere finanzielle Leistungen. Dass der Mann die Klinik aufsuchte, war auch wichtig, weil ein Stromschlag immer die Gefahr birgt, dass sich Schäden an Organen erst nach einer Weile bemerkbar machen. Und wenn der Herzschlag aussetzt, dann will man lieber gleich schon auf der Intensivstation sein als zu Hause auf der Couch.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station:Wieso Besuch für Patienten im Krankenhaus so wichtig ist
Offiziell dürfen Angehörige nur zwei Stunden am Nachmittag auf die Ebersberger Intensivstation. Dass die Pflegerin Pola Gülberg und ihre Kollegen trotzdem individuelle Absprachen treffen, hat einen medizinischen Grund.
Herzrhythmusstörungen treten häufig im Zusammenhang mit Stromschlägen auf und sind sehr gefährlich, denn sie können bis zum Herzstillstand führen. Bei einem Stromschlag sucht sich der Strom ja einen Weg durch den Körper. Das kann unter anderem zu Verbrennungen führen. Typisch ist, dass der Strom dort Wunden hinterlässt, wo er in den Körper eindringt und ihn dann wieder verlässt.
Ebenso gut können die Verbrennungen aber auch im Körper sein, nämlich entlang des Wegs, den der Strom durch den Organismus genommen hat. So kann zum Beispiel eine Wunde am Herzen entstanden sein, der betroffene Bereich kann dann nicht mehr so gut arbeiten. Zunächst fällt das nicht unbedingt ins Gewicht, sofern die anderen Areale im Herzen die Beeinträchtigung kompensieren können. Doch irgendwann sind die Bereiche, die mehr arbeiten, erschöpft – und genau dann kommt es zu Herzrhythmusstörungen.
Um ein solches Szenario so früh wie möglich zu entdecken, kam der Mann bei uns an den Monitor, an dem wir all seine Vitalzeichen permanent sehen konnten. Wäre irgendein Wert aus der Reihe getanzt, hätte die Maschine Alarm geschlagen und wir hätten sofort Gegenmaßnahmen einleiten können.
Die Monitorüberwachung war eine Vorsichtmaßnahme. Der Mann war dem Strom nur eine sehr kurze Zeit ausgesetzt gewesen, er hatte nicht einmal eine Eintrittswunde – sein Finger war leicht gerötet, mehr nicht. Er hatte Sicherheitsschuhe getragen, die dafür gesorgt haben, dass der Strom auch beim Austreten aus seinem Körper keine Wunde hinterlassen hat. Ich weiß zwar nicht, welche genaue Stärke und Spannung der Strom hatte, aber beides muss sich im unteren Bereich befunden haben, sonst hätte der Mann stärkere äußere Verletzungen davongetragen. Trotzdem: Wir konnten von außen nicht sehen, ob der Strom in seinem Körperinneren möglicherweise Schäden angerichtet hatte.
Schmerzen hatte mein Patient keine. Hauptsächlich hatte er eher Angst. Das erlebe ich häufig bei sehr jungen Patienten: Oft ist es ihr allererster Krankenhausaufenthalt. Und dann finden sie sich gleich auf der Intensivstation wieder und sind an lauter Gerätschaften angeschlossen – das ist nun einmal beängstigend. Hinzu kam, dass er nachts kaum ein Auge zugetan hat. Bei so vielen Schläuchen und Kabeln bleibt man ja bei jedem Umdrehen sofort irgendwo hängen und wacht auf. Das ist anstrengend und nervig.

Doch der Mann war einsichtig, als ihm die Ärzte erklärten, warum es dennoch so wichtig war, dass er mindestens 24 Stunden am Monitor blieb. Später fragte er mich, ob er nicht einfach mit einem Langzeit-EKG heimgehen könnte. Das Problem war, dass ein solches EKG sozusagen eine Videoaufnahme von seinem Herzrhythmus gemacht hätte, die wir uns später dann angeschaut hätten. Das, was wir im Krankenhaus mit ihm gemacht haben, war der Livestream seines Herzschlags – und auf den kam es an, um rechtzeitig medizinisch eingreifen zu können. Mein Patient verstand das. Am nächsten Morgen, nachdem die Ärzte bei der Visite keine Auffälligkeiten feststellen konnten, durfte er nach Hause gehen.
Wir versorgen nicht oft Menschen nach Stromunfällen, aber immer wieder einmal. Es sind Hobbybastler, die die Gefahr unterschätzt haben – nach dem Motto „ach, das ist’s nicht wert, dass ich da jetzt extra die Sicherung rausmache“. Oder eben Menschen aus Handwerksberufen nach einem Arbeitsunfall. Mein Patient ärgerte sich übrigens sehr über seinen Unfall, wie er mir sagte – er sei selbst schuld gewesen. Er sei davon ausgegangen, dass auf der Leitung bereits kein Strom mehr gewesen war. Falsch gedacht. Er hätte lieber noch einmal nachfragen und sichergehen sollen, so sein Urteil.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

