Um die zweieinhalb Tage lang war unsere Patientin in ihrer Wohnung gelegen, ehe man sie gefunden hatte und sie ins Krankenhaus kam. Sie war gestürzt und schaffte es nicht mehr, ohne Unterstützung aufzustehen. Doch sie lebte allein, da war niemand, der ihr helfen konnte – oder der ihren Sturz überhaupt mitbekommen hatte.
Man glaubt es nicht, welch schreckliche Wunden Menschen haben können, wenn sie auch nur 24 Stunden bewegungslos auf derselben Stelle liegen. Das geht los bei Verletzungen der Weichteile, also beispielsweise Prellungen und blaue Flecken, bis hin zu offenen Wunden. Wenn die betroffene Person auch noch besonders anfällig für Wunden ist, etwa wegen einer Diabeteserkrankung oder weil sie Blutverdünner einnimmt, dann dauert es erst recht nicht lange, bis die erste Wunde entstanden ist.

SZ-Pflegekolumne Auf Station:Eine Fahrt mit dem E-Scooter, die fast mit einer Amputation endet
Auf der Intensivstation von Pola Gülberg liegt ein Mann, der sich bei einem Sturz vom E-Roller extrem schlimme Verletzungen zugezogen hat – vor allem um ein Bein sieht es gar nicht gut aus. Wie konnte das passieren, wo doch niemand sonst an dem Unfall beteiligt war?
Als die Frau nun zu uns kam, war sie in einem desolaten Zustand. Sie war stark dehydriert und deshalb kaum ansprechbar. Außerdem hatten sich in der offenen Wunde am Bein, die sie ohnehin schon hatte, in der Zeit, die sie in ihrer Wohnung lag, Maden eingenistet.
Ich kenne Menschen, die sich bei einem solchen Zustand fragen würden: Wie kann es so weit kommen? Warum kümmern sich da die Angehörigen nicht mehr? Doch solche pauschalen Aussagen und impliziten Vorwürfe an die Angehörigen halte ich für nicht angemessen.
Der Sohn unserer Patientin besuchte sie regelmäßig und meldete sich täglich bei ihr, wie er uns erzählte. Doch ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, als seine Mutter gestürzt war, war er krank und konnte nicht bei ihr vorbeikommen. Also rief er an. Dass niemand abnahm, verwunderte ihn zunächst nicht – das kam schon mal vor, wenn seine Mutter keine Lust zu telefonieren hatte. Als sie dann aber am zweiten Tag wieder nicht ans Telefon ging, verständigte er den Rettungsdienst.
Wir wissen nicht, wie der Zustand der Wunde am Bein vor dem Sturz gewesen ist. So wie sie jetzt aussah, war es vorstellbar, dass sich die Frau nicht optimal hygienisch darum kümmern konnte, etwa den Verband nicht täglich gewechselt hat. Vorstellbar ist auch, dass sie niemand anderen ihr Bein versorgen ließ, sodass ein gewisser Infektionsherd bereits bestanden hatte. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob es so gewesen ist. Aber ähnlich gelagerte Fälle erleben wir immer wieder.
Da denke ich zum Beispiel an einen älteren Mann, er war gestürzt, wollte aber partout nicht ins Krankenhaus. Da können dann Rettungskräfte oder die Familie auch nichts unternehmen, sofern keine gesetzliche Betreuung vorliegt. Ein paar Tage später hatte der Sohn die Hausärztin gebeten, vorbeizuschauen, weil der Vater auf sie immer gut hören würde. Eine gute Idee, denn sie konnte den Mann tatsächlich davon überzeugen, sich im Krankenhaus versorgen zu lassen. Ich möchte gar nicht näher ins Detail gehen, aber auch er war in einem Zustand, der ehrlicherweise einem verwahrlosten gleichkommt.

Das sind typische Beispiele, bei denen die Angehörigen sehr bemüht sind, ihre Eltern so gut wie möglich zu versorgen – aber sie kommen einfach nicht richtig an sie ran. Häufig handelt es sich bei den Betroffenen um besonders starke Persönlichkeiten: Wer sein ganzes Leben ohne Hilfe gemeistert hat, sich aus Krisen und Rückschlägen allein herausgekämpft hat, für den ist es extrem schwierig, im Alter einzusehen, dass das nun nicht mehr so funktioniert wie früher. Und in anderen Fällen kommt eine beginnende Demenz oder eine Depression dazu, das macht die Sache noch schwieriger.
Es ist zu kurz gedacht, bei solchen Patienten den Angehörigen Vorwürfe zu machen. Klar gibt es auch Fälle, in denen sich wirklich niemand gekümmert hat. Oft hat sich die Familie allerdings regelrecht daran aufgearbeitet, sich zu kümmern und zu unterstützen, einen ambulanten Pflegedienst oder einen Heimplatz zu organisieren. Doch das Nein eines Menschen ist zu akzeptieren, egal, wie alt er ist oder wie viele Argumente für ein Ja sprechen.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

