Die Pflege steht vor großen Herausforderungen: Es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen, zu wenige Pflegefachkräfte und zu wenig Geld für die Finanzierung. Es braucht innovative Wege, um den Pflegeberuf wieder attraktiv zu machen. Die neue Studienfakultät Muc.Health (Munich Campus for Health and Engineering) der Hochschule München (HM) setzt daher auf interdisziplinäre Ansätze in der akademischen Gesundheitsausbildung. Am Donnerstag ist der neue Campus offiziell eröffnet worden.
In einem der Arbeitslabore liegt Paul, eine Frühchen-Simulationspuppe. Sie liegt im wärmenden Inkubator. Paul weint. Etwas stimmt nicht mit ihm. Und dann läuft er auch noch blau an. Was ist zu tun? Die Studierenden an der Muc.Health im Fach „Angewandte Pflegewissenschaften“ lernen, was Paul jetzt benötigt: beruhigende Worte, die Stimulation der winzigen Füße und die Überprüfung der Atemwege.

In einem anderen Raum steht ein KI-gesteuerter Patientensimulator. Auf dem riesigen Bildschirm ist eine digitale Patientin im Krankenbett zu sehen. Es ist ein Notfall. Sie röchelt, hat Asthma und einen roten Hautausschlag am Oberkörper. Die Sauerstoffsättigung ist schlecht.
In Echtzeit könne der Simulator Szenarien wie diese abspielen, der Zustand der Patientin werde exakt gespiegelt, erklärt Astrid Herold-Majumdar, Professorin für Angewandte Pflegewissenschaften. Geht es der virtuellen Patientin schlechter, müssen die Studierenden handeln. Und zwar schnell. Als eine der ersten habe man an der Hochschule München mit einem sogenannten „Body Interact“ gearbeitet, sagt Herold-Majumdar. „Zukünftige klinische Entscheidungen werden hier trainiert“, sagt sie. Und Fehler seien erlaubt. Alles werde aufgezeichnet und später analysiert.

Natürlich wird am neuen Campus auch mit der Simulationspuppe „Nursing Anne“ gearbeitet, es werden Pflegesituationen in bestimmten Szenarien nachgestellt, wie in Pflegeschulen und anderen Einrichtungen auch. Neu aber ist ein digitaler Seziertisch. Schicht für Schicht kann man hier die Anatomie des Menschen studieren. Von der Haut bis zu den Muskeln. Bis ins Herz. Sieben unterschiedliche Leichen wurden digital hinterlegt, erklärt die wissenschaftliche Referentin Miriam Markgraf, die seit zwei Jahren an der Hochschule unterrichtet. „Anatomie ist einfach eine wichtige Grundlage für die Pflege“, sagt sie. Nur so könne man verstehen, welche Pflege der Körper benötige.

Seit dem ersten Oktober 2025 gibt es den neuen Standort für Gesundheit, Pflege, Management und Technik an der Hochschule München. Aktuell gibt es den Bachelorstudiengang für Angewandte Pflegewissenschaft, den Masterstudiengang für „Advanced Nursing Practice“ als eine weitere akademische Qualifikation und den Masterstudiengang „Mental Health“, der die Studierenden auf Tätigkeiten in Einrichtungen im Bereich psychischer Gesundheit vorbereitet. Die Regelstudienzeit beträgt zwischen fünf und sieben Semestern.
Drei weitere Studiengänge kommen hinzu und werden für das Wintersemester 2026/2027 angeboten: der „Bachelor Health and Engineering“, in dem es um die Vertiefung von technologischen Hilfsmitteln geht, die den Alltag für Patienten und Pflegefachkräfte leichter machen; der Bachelor „Digital and Public Health“ rückt das digitale Gesundheitswesen, KI und die Auswertung von Gesundheitsdaten in den Fokus. Das „Zertifikat Gesundheit in der Gebäudetechnik“ vermittelt Kompetenzen, um gesundheitsrelevante Elemente in Gebäudetechnik zu integrieren.
Diese unterschiedlichen Studiengänge seien das, was das Muc.Health ausmache, sagt Monika Schaffner, die ihre Ausbildung im ersten Pflegestudiengang der Hochschule München 2008 gemacht hat. „Wir vernetzen jetzt die Pflegeausbildung mit digitalen Innovationen, wir suchen die Zusammenarbeit aus den Bereichen Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik.“ Diese interdisziplinären Synergien seien dringend nötig, um moderne Wege in der Pflege zu gehen. Und um Deutschland international wieder wettbewerbsfähig zu machen, glaubt die 34-Jährige.
Genau darum gehe es, sagt die bayerischen Gesundheitsministerin Judith Gerlach. Forschung müsse „an die Betten“, also die Wissenschaft in die Praxis gebracht werden. Man müsse den Pflegeberuf durch „eine wertvolle Ausbildung“ attraktiver machen. „Im Muc.Health gibt es diese Angebote“, sagt Gerlach.
Um einen Pflegeberuf zu erlernen, kann man drei Jahre etwa eine generalistische Ausbildung zur Pflegefachkraft an Pflegeschulen absolvieren. Ein bis zwei Jahre dauert die Ausbildung zur Pflegefachassistenz. Und es gibt die Möglichkeit, zu studieren. Monika Schaffner ist überzeugt, dass eine akademische Ausbildung die Pflege zu einem „Karriereberuf“ machen könnte. Man werde nicht nur vernünftiger bezahlt, sagt Schaffner, auch die Chancen zur Weiterbildung seien groß.

Gibt es also noch Visionen in der Pflege? „Ja, ganz klar“, sagt Annina Haase. Sie ist 24 und im fünften Semester des Studiengangs Angewandte Pflegewissenschaft. Schon mit 14 Jahren stand für sie fest, einen Pflegeberuf zu erlernen. „Ich glaube, wir brauchen junge Leute, die diesen Beruf neu mitgestalten“, sagt sie. Ob digital, ob mit KI. Maria Schmidtmüller, 24, ist in der Fachschaft von Muc.Health und ebenfalls im fünften Semester. Sie glaubt: „Die Pflegenden müssen selbstbewusster werden, sich trauen, interdisziplinäre Wege zu gehen“. Dazu gehört dann vielleicht auch zu überlegen, wie ein Patientenmonitor für Neugeborene besser werden kann.

