Deutschrock-Star:Abhaken und weitermachen

Zwanzigstes Nummer-eins-Album für Peter Maffay

Ein Mann und seine Gitarre: Mit dem neuen Album traut sich Peter Maffay zurück zu den Anfängen.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Peter Maffay landet zum 20. Mal mit einem Album auf Platz 1, veröffentlicht ein Kinderbuch und spricht eine Tierfigur im Animationsfilm "Sing 2".

Von Michael Zirnstein, Tutzing

Ob das so eine gute Idee war, den Knurrbär Peter Maffay einen Wettkampf mit einem Kind austragen zu lassen? Nein, fand zumindest Maffay zunächst selbst, je näher die Samstagabendsendung rückte. Er musste richtig pauken. Denn "eine junge Dame", wie er die zwölfjährige Lea nennt, hatte ihn, "den ollen Maffay", wie er sich nennt, für das Duell "Klein gegen Groß" herausgefordert. Sie erkenne mehr Songs der Siebzigern als er. Er hörte also Sampler-weise die alten Nummern zu Hause in Tutzing durch. "Dabei habe ich gemerkt, dass mein Gehirn zwar Abläufe und Melodien speichert, aber wer das geschrieben und gesungen hat, das kenne ich nur von denen, die mich interessieren. Ich bin kein DJ." Der Puls stieg. "Quatsch mich nie wieder in so eine Show rein", habe er zu seiner Partnerin Hendrike Balsmeyer gesagt, erzählt er und zwinkert.

Maffay ist seit gut 50 Jahren im Show-Geschäft, zuerst eher in der ZDF-Hitparade mit Schlagern wie "Du", inzwischen in Talkshows, wo man ihn zur Corona-Not der Künstlerkollegen befragt, zum Flüchtlingsleid und zur Lage der Nation ohne Merkel. Es ist ein bisschen wie bei Bob Dylan. Wie der einst schweigsame Kollege öffnet sich nun auch Maffay in einer eigenen Radio-Sendung, der "Peter Maffay Radio Show" auf RSA Sachen ("Hier sind die Achtziger zu Hause"). Im Lockdown stellte er für Magenta TV noch eine Kamera auf und befragte in elf Folgen der "Red Rooster TV Show" Bekanntheiten von Michael Patrick Kelly bis Alfons Schuhbeck. Maffay redet längst gern, schmunzelnd und gewichtig. "Es war nie meine Absicht, dass ich eine Instanz werde, das wäre lächerlich. Aber wir" - er spannt sich mit seinem Team gerne zu einem Pluralis Majestatis Kollegiales zusammen - "entziehen uns keinem Dialog, wenn jemand eine Frage hat, die Relevanz hat."

Mit der kleinen Lea lieferte er sich in "Klein gegen Groß" ein Duell auf Augenhöhe

Die kleine Lea freilich hatte mehr Antworten als Fragen. Ein harter Brocken. Es ist ja nicht so, dass "Tabaluga"-Papa Maffay nicht mit Kindern kann. Seine zweijährige Tochter Anouk lässt den 72-Jährigen aufblühen. Für sie haben ihre Mutter und er das supersüße Kinderbuch "Anouk, die nachts auf Reisen geht" verfasst und vor Kurzem veröffentlicht. Und mit seiner Stiftung lädt er seit jeher schutzbedürftige Kinder an vier Standorten wie seinem Gut Dietlhofen zu Auszeiten ein. Aber verlieren in "dieser zauberhaften Show" wollte der Perfektionist dann auch nicht. So startete nach Kai Pflaumes von Fan-Schal schwenkenden Maffay-Club-Mitgliedern begleiteter Legendenverehrung (300 Wochen in den Top-Ten, 20 Nummer-1-Alben, erfolgreichster deutscher Künstler ...) ein Duell auf Augenhöhe - körperlich wie fachlich: Maffay erkannte fast alles, etwa den Text von Lindenbergs "Andrea Doria" gesungen auf die Melodie von Black Sabbath' "Fahrenheit". "Am Ende habe ich verloren, aber mit Anstand", sagt Maffay.

Natürlich gab es zuletzt auch Triumphe. Wie "So weit". Seine immens treue Gefolgschaft kaufte das Album wieder auf Platz 1. Das kam für ihn diesmal überraschend, denn es ist kein typisches Deutsch-Rock-Album von ihm. Nach seiner "Duette"-Zusammenstellung wollte Maffay wieder eine Studioplatte, nur kam er im Lockdown nicht mit seiner Band zusammen, Gitarrist Carl Carlton etwa saß auf den Seychellen fest. Maffay fragte sich: "Okay, wie hat alles angefangen? Mit einer Gitarre und Gesang. Dann habe ich festgestellt, dass das nicht unbedingt ausreichen würde." Aber die Idee einer Singer-Songwriter-Platte blieb. Er bat seinen Musikerkumpel JB Meijers von The Common Linnets um Hilfe, auf dessen Rat und Tat er seit seinem "MTV unplugged" vertraut. "Reduktion predige ich dir seit Ewigkeiten", meinte der Holländer. Wie Rick Rubin Johnny Cash edel hat reifen lassen, so etwas wollte auch Maffay lange schon angehen, flüchtete sich aber immer wieder in die Arme der Band.

Fast fingen sie im Tutzinger Red Rooster Studio bei null an. Erst mal bei "null Ego". Maffay nahm Meijers als Mentor an. Er, der "Drei-Akkorde-Gitarrist" (Maffay untertreibt da etwas), spielte seine Ideen vor, und der Multiinstrumental-Guru zeigte ihm neue Wege, Stile, Stimmungen, Geräte. So hört man Maffay zum Beispiel zu Meijers jazzigem Eskort auf "Wir zwei" in einem R'n'B-mäßigen Open-Tuning durch neue Griffe gleiten, näher war er Keith Richards selten, dessen Porträt raumhoch sein Büro füllt. Es gibt eine Prärie-Mundharmonika, Bon Jovi-Westernklang, Mark-Knopfler-Folkintimitäten, und "Jeder Tag wird zum Abenteuer" wird zum Gospel. So reich kann Schlichtheit klingen.

Abschiedsworte an seinen Vater, den er erst pflegte und dann beerdigte

Auch inhaltlich zeigt sich Maffay offen wie nie. Fast verletzlich, wenn man durch seine altersweise Pragmatik durchspäht. Etwa im Song "Wenn wir uns wiedersehen", seine Abschiedsworte an seinen Vater, den er erst erst pflegte, dann beerdigte. "Jetzt tauschen wir die Rollen / Ich bin da, wenn du mich brauchst / Denn das Leben ist ein Kreis / Deshalb pass' ich jetzt auf dich auf." Auch "Jedes Ende wird ein Anfang sein" geht es um diesen Lebenskreis, wie eigentlich meisten hier eine Rückschau mit einem "es ist noch lange nicht vorbei" einhergeht. Dazwischen das Jetzt, aus Maffays Sicht, poetisch auf den Punkt gebracht von seinem Haus-und-Hof-Dichter Johannes Oerding: Die Familie ist sein Glück, "Wann immer" singt er für seine Kinder, seine Partnerin Hendrike hat daran mitgeschrieben, so sehr vertraut er ihr auch künstlerisch, dafür huldigt er ihr und ihrer "gnadenlosen Ehrlichkeit" auch im relaxten "Wir zwei". Entgegen dem eigenen Familienidyll treiben Flüchtlinge zwischen alter und einer ersehnten neuen Heimat im Mittelmeer und werden am Ende wie der dreijährige Aylan Kurdi tot an den Strand gespült ("Odyssee"). Weltenbrandmäßig ist es eh fünf vor zwölf und Schuld sind "Wir".

Immerhin scheint der aufgekratzte "Lockdown Blues" sich erübrigt zu haben. "Ein Relief", sagt er, der ohnehin alles andere als untätig war, durchs Land reiste mit dem Kinderbuch, sonst jeden Tag um 8 Uhr ins Büro ging und neue Plattformen wie die TV-Show schuf, therapeutisch mit der Band telefonierte, nur sein Radius habe sich verengt. Jetzt wird gerade von Musikern wie ihm, die als Gefährder weggesperrt waren, erwartet, die Menschen wieder ins Kulturleben zu locken. Für seine abermals verschobene Tournee (3. März 2022, Olympiahalle) sind schon 200 000 Tickets verkauft, er spürt "einen verdammten Druck, verdammte Hacke, endlich etwas zurückzugeben". Seine Kreise werden wieder weiter, der Zeitplan noch enger. Eigentlich hat er im Alter gelernt, "Haken zu setzen", zur Ruhe zu kommen. Aber statt nur Gemüse zu züchten, kämen halt immer neue Verlockungen. Neulich fragte ihn ein Freund, ob er Lust habe, eine Tierfigur in der Fortsetzung des Animationsfilms "Sing!" zu sprechen, im Original übernimmt Bono von U2 den Part: einen Löwen, einen alternden Rock'n'Roller, der sich nicht mehr auf die Bühne traut. Was würde weniger passen? "Okay, was muss ich tun!", antwortete Maffay.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB