Peter Handke will abtauchen. Aber vorher soll ihm bitte noch jemand seine Brille abnehmen. Hilfesuchend streckt der Schriftsteller, bereits bis zur Brust im Swimmingpool eines Hotels in Lucca verschwunden, die Hand mit der Brille aus dem Wasser. Wer nach ihr greifen wird, ist auf dem Bild von Isolde Ohlbaum nicht zu sehen. Die Fotografin selbst, offensichtlich danebenstehend, hat jedenfalls keine Hand frei: Sie drückt gerade mal wieder auf den Auslöser ihrer Kamera.
Das Bild, das bei dieser Gelegenheit 1989 entstand, wirkt in seiner sommerlichen Gelöstheit geradezu privat. Wie so viele andere Fotos, die Isolde Ohlbaum von Peter Handke gemacht hat, ob er jetzt im Sommer 1977 ermattet auf den Stufen des Teatro Romano in Tusculum ruht, im Winter 2010 lachend in Bruneck einen Schneeball formt oder 2024 in seinem Haus bei Paris sinniert. Sie alle dokumentieren nicht nur einen Moment, sondern auch eine besondere Vertrautheit: Schließlich begleitet die Münchner Fotografin Isolde Ohlbaum den Schriftsteller seit inzwischen einem halben Jahrhundert mit ihrer Kamera. Und das sieht man, im besten Sinne.
Es ist daher geradezu zwingend, diese 50 Jahre in einem Bildband zu würdigen. Was heißt hier Bildband, dem Schirmer/Mosel Verlag reicht selbst der Begriff Photoessay nicht aus: Der Verlag bezeichnet „Peter Handke – ein Langzeitportrait“ auch als „photobiografischen Roman“. Dass es gleich in mehrfacher Hinsicht ein Langzeitprojekt war, wurde bei der Münchner Buchpremiere bei Literatur Moths am Dienstag ebenfalls deutlich: „Es hat uns ziemlich auf Trab gehalten“, so Verleger Lothar Schirmer.

Die Idee zu diesem Buch, so erzählt er, geht auf eine der Petrarca-Preisfeiern zurück, zu denen sich ein Dichterkreis seit den Siebzigerjahren auf Einladung des Verlegers Hubert Burda zusammenfand. Es war im vergangenen Jahr der 50. Geburtstag dieses Zirkels zu feiern, dessen Treffen Isolde Ohlbaum über die Jahrzehnte mit ihrer Kamera einfing, außerdem der 50. Geburtstag des Verlags Schirmer/Mosel. Zehnmal 50 gute Gründe für dieses Buch lieferte Ohlbaum dem Verlag noch dazu: Die Auswahl von 500 Bildern, die sie Schirmer schickte, habe er „lange umschlichen“, sagt er.
Bis er dann doch 150 davon aussuchte, den Filmemacher Frank Wierke um ein Vorwort bat und Ohlbaum als gute Kennerin von Handkes Werk um Zitate des Schriftstellers. Der wollte selbst keinen Text beisteuern – und auch nicht zur Buchpremiere erscheinen, da er solche Anlässe mit Ausnahme von Nobelpreisverleihungen meidet „wie die Pest“ (Schirmer). Dabei war er erst kurz zuvor in der Stadt, wie der Schriftsteller Michael Krüger als sein Freund erzählt, allerdings wegen eines Arztbesuches. Wie das mit Anfang 80 eben so ist.
Wehmütig erinnert sich Krüger an die Zeit Ende der Sechzigerjahre, als er den Filmemacher Wim Wenders und Handke in München kennenlernte. „Ein sehr genauer Beobachter der Welt, der aber wenig sprach“; schon damals mit einem Gesicht, das eine „Verschlossenheit“ trug und seine Ernsthaftigkeit zeigte. Sieht man die Fotos Ohlbaums an, blitzen dazwischen auch Lebensfreude und Heiterkeit auf – selbstredend hat auch ein Peter Handke, seit vielen Jahren seines Lebens so bewundert wie umstritten, unterschiedlichste Facetten.
Wie sich sein Blick über die Jahrzehnte ändert, worin er sich ähnelt, ist in vielsagenden Variationen des niemals Gleichen festgehalten. Sehr fein hat Handke das selbst im Gedicht an die Dauer beschrieben, das im Vorwort zitiert wird: „Dauer ist der Fall, / wenn ich an dem Kind, / welches kein Kind mehr ist / – vielleicht schon ein Greis –, / die Augen des Kindes wiederfinde.“ Und wenn ich es zulasse, so könnte man ergänzen, dass jemand diese Augen ablichtet.

Über die Dauer eines halben Jahrhunderts sind die Weggefährten alt geworden; Peter Handke ordnet auf einem der letzten Fotos die Muscheln auf seinem Schreibtisch, Isolde Ohlbaum übergibt ihr Lebenswerk nun der Bayerischen Staatsbibliothek. Bis Ende des Jahres wird ihr analoges Archiv dorthin wandern, erzählt sie, im nächsten Jahr folgt das digitale Archiv. Das mache viel Arbeit, denn sie habe nichts beschriftet. Es sei aber auch befreiend.
Auch Michael Krüger macht sich seine Gedanken über das Bewahren und das Verlieren. Es gebe einen „Rausch des Vergessens“, beklagt der ehemalige Verleger, der jahrzehntelang selbst einige Macht besaß, um Schriftsteller und -innen zu fördern oder zu vergessen. Und ja, natürlich macht Isolde Ohlbaums „Literaturgeschichte des Schriftstellergesichts“ (Krüger), in der neben Handke etliche weitere Kolleginnen und insbesondere Kollegen aufscheinen, die Vergänglichkeit bewusst. Aber auch das, was bleibt.


