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Personalnot bei der S-Bahn:Headhunter im Führerstand

Lokführer bei der S-Bahn in München, 2015

Nicht nur die ständigen Störungen kosten die Lokführer Nerven - mit ihrem Gehalt können sich viele die Preise in München nicht mehr leisten.

(Foto: Robert Haas)

Immer wieder kommt es wegen Personalmangels zu Zugausfällen. Die Bahn startet nun eine große Abwerbe-Aktion, um endlich genug Lokführer für die Münchner S-Bahn zu bekommen

Die Klagen seiner Kollegen hört Uwe Böhm Jahr für Jahr. Und er kann sie verstehen. "Ein Leben in München kann sich ein Lokführer kaum noch leisten", sagt der Bayern-Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GDL). Ein Grundgehalt von 2616 Euro pro Monat bekommt ein Triebfahrzeugführer bei der Münchner S-Bahn als Einsteiger, später steigt es auf bis zu 3165 Euro. Hinzu kommen laut Bahn Zuschläge von etwa 300 Euro monatlich. Wer die Chance habe, an einen anderen Ort zu wechseln, der nehme diese wahr, sagt Böhm. Und wird darin bestärkt durch S-Bahn-Chef Bernhard Weisser: "Tatsächlich haben wir nach wie vor eine Fluktuation in Richtung neue Bundesländer." Kurz nach der Wende wechselten zahlreiche Ost-Lokführer, die ihre Reichsbahn-Stellen verloren, an die Isar. Nun gehen viele wieder zurück. "Auch in den neuen Ländern gibt es wieder Jobs", hat Weisser gelernt.

Die Folge: Lokführermangel bei der S-Bahn. Etwa 600 Triebfahrzeugführer stehen aktuell auf Weissers Lohnliste. 60 mehr bräuchte die S-Bahn eigentlich, um einen stabilen Betrieb zu gewährleisten, sagt Gewerkschafter Böhm. Weisser nennt keine konkreten Zahlen, räumt aber ein, dass "unser Bedarf nicht vollständig gedeckt ist". Im vergangenen Jahr hatte dies Folgen auch für die Fahrgäste: Im Sommer fielen reihenweise Verstärkerzüge aus, weil die ohnehin angespannte Lage beim Personal verschärft wurde unter anderem durch eine Grippewelle. "Das ist doch kein Zustand", sagt Andreas Barth vom Fahrgastverband Pro Bahn. Auch Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) hatte im Herbst die Deutsche Bahn (DB) als Betreiberin der S-Bahn aufgefordert, "endlich für ausreichend Lokführer zu sorgen".

S-Bahn-Chef Weisser hat nun reagiert. Als im Februar absehbar geworden sei, dass in diesem Frühjahr erneut eine ganze Fluktuationswelle sein Unternehmen treffen werde, habe er sich mit den Chefs anderer DB-Töchter zusammengesetzt - und eine Abwerbe-Aktion vereinbart. Zum 1. Juni nun sind 14 Lokführer aus anderen Konzernfirmen zur S-Bahn gewechselt, um für etwa sechs Monate in den Führerständen an der Isar auszuhelfen. Weisser lockte die Kollegen unter anderem mit Unterkünften, dem Versprechen auf mehr Abwechslung im Fahrdienst - und einer Sonderzahlung in Höhe von "mehreren tausend Euro im unteren Bereich", wie er sagt. Viele hiesige Lokführer seien zudem bereit, den Urlaub zu verschieben oder Überstunden zu leisten, um den Betrieb am Laufen zu halten. "Die machen einen Riesenjob", lobt Weisser. Zugausfälle wie im vergangenen Jahr, verspricht der S-Bahn-Chef, werde es heuer nicht geben. Und bis wann will er den Lokführermangel endgültig behoben haben? "Für 2017 steht das auf der Agenda", sagt er. Schränkt aber ein: "Eine verbindliche Aussage treffe ich dazu nicht."

Der S-Bahn-Chef weiß, dass die Situation schwierig ist. Nahezu jedes Eisenbahnunternehmen sucht Leute für die Loks. In München kommen spezifische Probleme hinzu: der fast leer gefegte Arbeitsmarkt. Und die hohen Lebenshaltungskosten. Gewerkschafter Böhm fordert daher eine Art München-Zulage für die hiesigen Lokführer, um die hohen Lebenshaltungskosten auszugleichen. "Wenn die Lokführer merken, dass sie nur noch für die Miete schuften, suchen sie sich Arbeit in anderen Städten", sagt der GDL-Mann. Eine München-Zulage sei "längst überfällig". Auch Verkehrsminister Herrmann hatte im Herbst eine solche Zulage angeregt. Doch die Gegenseite, der Bahn-Arbeitgeberverband, hat laut Böhm bislang auf das Ansinnen der Lokführervertretung nicht reagiert.

Stattdessen versuche die S-Bahn mit dem Betriebsrat eine Lösung auszuhandeln, vermutet der Gewerkschafter - vorbei an der GDL. Man befinde sich "in Gesprächen" mit dem örtlichen Betriebsrat, sagt Weisser nur, ohne konkreter zu werden. Zudem gebe es bereits eine Art München-Zulage, nur wird diese so nicht genannt. Bei Weisser heißt sie "Schichtzulage" und beträgt seinen Angaben zufolge etwas mehr als 3000 Euro pro Jahr. Mit dem Geld will Weisser die "außerordentlich hohen Anforderungen" entlohnen, die der Münchner Betrieb an die S-Bahn-Lokführer stelle - beispielsweise die ständigen Halte nach nur wenigen hundert Metern auf der Stammstrecke oder die hohe nervliche Belastung, wenn bei einer Großstörung mal wieder das komplette S-Bahn-System aus dem Tritt gerät.

Zudem verweist Weisser immer wieder auf Sozialleistungen wie Jobticket, geförderte Kita-Plätze oder günstige Versicherungsangebote bei Partnerunternehmen, mit denen er seine Leute im Unternehmen halten will. Arbeitnehmervertreter indes sehen das skeptisch: Das einzige, was den Bahn-Beschäftigten wirklich helfen würde, sagen sie, wäre günstiger Wohnraum in dieser überteuerten Stadt. Doch die Eisenbahnerwohnungen, die das Schienenunternehmen früher besaß, wurden vor Jahrzehnten abgestoßen. Für GDL-Mann Böhm ist daher klar: "Der Lokführermangel bei der S-Bahn ist chronisch." Und wirklich schnell wohl nicht zu beheben.