Personalmangel:Spart die Kliniken nicht kaputt

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Das Profitstreben im Gesundheitswesen ist Unsinn, denn kranke Menschen adäquat zu versorgen ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht per se ein Zuschussgeschäft, sagen Leser

Zu "Notstand" vom 13./14. Juli über Engpässe in der Pflegeversorgung:

Nun, es ist wichtig, immer wieder die Misere im akutstationären Bereich unseres Gesundheitswesens zu beschreiben, wichtiger wäre jedoch, die Ursachen zu benennen. Diese heißen "DRGs" (Fallpauschalen) und Profitorientierung im Gesundheitswesen. Die Fallpauschalen 2003 gegen den Rat aller Fachleute von Rot-Grün mit Herrn Lauterbach an maßgeblicher Stelle des Gesundheitsministeriums installiert, führten zu einer enormen Arbeitsverdichtung an den Krankenhäuser, dem bekannten "Drehtüreffekt" (schnelle Entlassung und Wiederaufnahme, schon kann wieder ein "Fall" abgerechnet werden) und Selektion in gute Erkrankungen=gute Patienten (bringen viel Geld) und schlechte Erkrankungen=schlechte Patienten (bringen wenig Geld in die Kasse). Schon der Begriff "Fall"-Pauschale zeigt: Es geht nicht um kranke Menschen, sondern um "Fälle", die möglichst gewinnbringend zu verwerten sind. Sonst droht die Schließung der Klinik.

Profitstreben im Gesundheitswesen ist betriebswirtschaftlicher Unsinn. Erklären Sie zum Beispiel einem Landwirt, dass seine kranken Kühe Geld abwerfen sollen: Da muss erst der Tierarzt kommen und die Kühe behandeln; dann brauchen die vielleicht noch Zeit und Pflege = Zuwendung, um gesund zu werden - das kostet Geld und bringt keines ein. Das heißt, kranke Menschen adäquat zu versorgen ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht per se ein Zuschussgeschäft. Hier ist der Staat, und das sind bekanntlich wir, gefragt, was uns eine gute und heimatnahe Versorgung kranker Menschen "wert" ist? Auch wenn's kostet. Gesundheitsfürsorge, Infrastruktur, Bildung, Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sind Kernaufgaben des Staates. Nimmt er diese nicht mehr wahr (Privatisierungen) und/oder vernachlässigt er diese, schafft er sich ab.

Tendenziöse Studien neokonservativer Stiftungen, die einen Schließungsbedarf von immer mehr Kliniken "beweisen" oder wohlfeiles Getrommel von Politikern wie Herrn Lauterbach, die erheblich zur Misere beigetragen haben, sind nicht geeignet, zur Beantwortung der Frage, welche Qualität wir in unserem Gesundheitssystem wollen, beizutragen. Dr. med. Thomas Lukowski, München

Wurmfortsatz der Medizin?

Solange die "Pflege" nicht selbstbewusst ihre Belange offensiv in die Hand nimmt, sich selbst nach außen vertritt und darstellt, solange wird sich nicht wirklich etwas für diesen Berufsstand ändern und damit für die Patienten. Solange sie als Wurmfortsatz der Medizin wahrgenommen wird, sich hinter Geschäftsführern und Ministern versteckt, bleibt sie ihrem uralten Rollenbild als dienende, subaltern Agierende im Gesundheitswesen treu. Nur die Emanzipation der "Pflege", die Weiterentwicklung ihres Selbstverständnisses und die Annäherung an internationales Niveau wird diesen Beruf attraktiv machen. Entsprechende Bezahlung wird folgen. Elisabeth Rind-Schmidt ehemalige Krankenschwester, Bernried

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