Was man im Außenspiegel eines Fahrzeugs sieht, ist näher, als es erscheint. Ähnlich verhält es sich mit der Erinnerung: Sie rückt Vergangenes näher. Aber wie fühlt es sich an, wenn zwischen damals und heute ein ganzer Krieg liegt? Was bleibt, wenn die eigene Heimat unter Trümmern begraben wurde? Davon erzählt die syrische Dramaturgin und Autorin Rania Mleihi in einer autobiografischen Solo-Performance im Werkraum der Kammerspiele.
„My Personal Ten Years: Wir schaffen das!“ nennt Rania Mleihi ihren bewegenden Abend, der als Koproduktion der Münchner Kammerspiele, dem Staatstheater Nürnberg und dem Theater Koblenz entstand. Und tatsächlich ist die Performance vor allem eines: persönlich. Obwohl Mleihi kein einziges Wort live auf der Bühne spricht und man ihre Stimme nur über abgespielte Tonaufnahmen hört, schafft sie unmittelbare Nähe. Gleichzeitig erscheinen ihre Erinnerungen in Bildern auf einer Videoprojektion hinter ihr: die belebten Straßenzüge von Damaskus, Zitronenbäume auf den Terrassen der Stadt, suchende Augen im Rückspiegel eines Taxis. Dann wieder schwenkt die Kamera in verzerrten Einstellungen über Trümmerfelder, zerbombte Hausfassaden, Brachland.
Als der Bürgerkrieg 2015 in Syrien tausende Menschen in die Flucht trieb, kam auch Rania Mleihi als junge Frau nach Deutschland. Ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes lässt sie ihre Geschichte nun auf der Bühne Revue passieren: Was folgte auf das große Versprechen „Wir schaffen das“? Für Rania Mleihi war es ein neues Leben in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache. Ein Leben im Exil, zerrissen zwischen Damaskus und München: „My mind wandered / nirgendwo und überall“, hört man ihre nachdenkliche Stimme über die Lautsprecher, während sie auf einem Küchentisch im Bühnenlicht Kassetten, Fotos und Wäscheklammern ausbreitet – Relikte aus der zurückgelassenen Heimat.
Zu elektronischer Musik mit arabischen Klängen von Daniela La Luz trägt der eingesprochene Text durch den Abend: Auf Deutsch, Englisch und Arabisch verwebt Mleihi darin ihre Gedanken, Träume, Ängste. Immer wieder setzt sie Zeit und Ort als chronologische Marker und rückt ihre tagebuchartigen Skizzen in einen größeren Kontext: „Meine persönlich erlebten zehn Jahre sind Teil eines kollektiven Gedächtnisses aus unzähligen Biografien Einzelner.“
So wird das Publikum eingebunden in ein feinmaschiges Netz aus privaten Rückblenden und dokumentarischen Fragmenten deutsch-syrischer Geschichte. In ihren poetischen, aber nicht sentimentalen Bildern liegt die Stärke der Performance, etwa wenn es heißt: „Selbst Hoffnung hat ein Verfallsdatum.“ Und doch macht Mleihis Theaterabend spürbar: Die Erinnerung bleibt.

