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Performance:Höhlengleichnis mit Computer

Performance Muffathalle

Auch mit der Maschine kommuniziert man mit Handys.

(Foto: Yvonne Mohr)

Chris Zieglers Technik-Spielerei "No Body Lives Here (ODO)"

Von Sabine Leucht

ODO hat ein stationäres Gehirn und einen beweglichen Körper. Und weil er auch rudimentär kommunizieren kann, bezeichnet ihn Chris Ziegler als "KI-Schauspieler". Der Medienkünstler hat mit neun weiteren Programmierern an Odos Software getüftelt. Und deshalb kommt es wohl mehr als ohnehin im Theater auf die Erwartungshaltung an, mit der man die Installation "No Body Lives Here (ODO)" im Muffat-Studio betritt. Mit entsprechendem Verständnis für "Deep Learning"-Algorithmen, die zunehmend komplexere Unterhaltungen zwischen Mensch und Maschine ermöglichen, sowie für Crowd Cluster Software, die Gesichtsausdrücke erkennen und klassifizieren soll, ist die Ehrfurcht vor dem Computer womöglich größer, der mit vier Monitoren bestückt ODOs Brain bildet. Dieses ist unschlüssig, wo es meinen zwischen Maske und ausgeteiltem Schutzhelm verbliebenen Gesichtsrest emotional hinstecken soll: "Sad" - oder doch eher "happy"?

ODO spricht Englisch und "denkt" schwarz-weiß. Was die Kommunikation mit ihm holprig macht. Wohin sie gerne reisen wolle, fragt er eine seiner Besucherinnen. "An einen Ort mit einer Vielzahl von Möglichkeiten", tippt die in ihr Handy. ODO schweigt. Sinnlich wird es, wenn die Computerstimme ODOs Body vorstellt, einen Schwarm von der Decke herunterfahrender Lämpchen, die zu Hugo Paquetes elektronischer Musik und Paula Rosolens Choreografie tanzen oder auf ODOs Geheiß Wasser entstehen lassen. Blau sind die Lämpchen dann - und wenn wir mit unseren Handys wedeln, flimmern sie wie Regen. Das ist nett, aber insgesamt auch enttäuschend, war die knapp vierzigminütige Spielerei doch als "Theater, Oper und choreografische Architektur" angekündigt, in der die Zuschauer die Rolle des antiken Chors übernehmen.

Faktisch stehen wir zu fünft im Kreis um ODO herum und tippen auf dessen Zuruf möglichst unterkomplexe Antworten ins Handy (Alexa und Siri wundern sich), um dem von der Außenwelt Isolierten zu helfen, sie besser kennenzulernen. Während dieser Dienstleistung an einer noch nicht gar so intelligenten KI nehmen wir es hin, dass diese auch noch auf Erzähltheater macht und zur Veranschaulichung ihrer eigenen Situation Platons Höhlengleichnis seiner erkenntnistheoretischen Fragen beraubt und Stanley Kubricks Film "2001" zitiert. Bis sie dessen proaktiv-empathischem Supercomputer HAL 9000 das Wasser reichen können, müssen ODO und Co. noch viel lernen.

© SZ vom 14.09.2020

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