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Performance:Beethoven als Gesamtkunstwerk

The Ninth Wave

Film im Film: Die Projektionen auf den Körper der Tänzerin Aki Tsujida ergeben mit ihrer Choreographie den visuellen Teil von Stefan Winters und Fumio Yasudas Beethoven-Projekt "The Ninth Wave - Ode To Nature".

(Foto: Neue Klangkunst)

Stefan Winters "The Ninth Wave" im Schwere Reiter

Von Oliver Hochkeppel

Es war der 3. Oktober 2013: Vor der Küste von Lampedusa sank ein mit Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea überladener Kutter, mindestens 366 Menschen starben, nur 155 wurden gerettet. Stefan Winter sah die Bilder im Fernsehen und eine Überlebende, die auf die Frage, was während des Untergangs in ihr vorgegangen sei, antwortete, sie habe im Geiste Beethoven gehört. Das ging Winter nicht mehr aus dem Kopf: Der Krieg Mensch gegen Mensch und Mensch gegen Natur, verbunden mit der Schönheit des Meeres und der Musik Beethovens, die ja auch zur Europahymne auserkoren wurde - "Mir war sofort klar, dass ich daraus etwas machen musste," erinnert sich Winter. Das Ergebnis ist nun an diesem Samstag als Livestream aus dem Schwere Reiter zu sehen: "The Ninth Wave - Ode To Nature" heißt es, und ist im Untertitel beschrieben mit: "Tauffest von Ludwig van Beethoven mit Geräuschkunst, Live-Musik, Performance und Film über die Schönheit der Natur und die Tragödie des Menschen."

Ein aufwendiges Gesamtkunstwerk also, was niemanden wundern kann, der Stefan Winter kennt. Der 62-jährige Kopf der Plattenfirma Winter & Winter ist schon immer viel mehr gewesen als nur Musikverleger und Labelchef, selbst Künstler und Gestalter, und vor allem ein Zusammendenker verschiedenster Sphären und Kategorien. Das war wohl schon so, als er sich weigerte, das elterliche Restaurant am Tegernsee zu übernehmen, um stattdessen lieber Musik zu studieren. Wobei er mit dem damaligen Leiter der Swiss Jazzschool Fritz Pauer, dessen Schüler er unbedingt hatte werden wollen, "mehr im Kaffeehaus saß als im Unterricht," wie er sich erinnert.

Denn von Anfang an sah Winter Musik immer in ihrem historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext. Noch als Volontär und Talentscout für Enja gründete er 1985 seine eigene Firma JMT, weil man dort den von ihm entdeckten Saxofonisten Steve Coleman und sein Revoluzzer-Kollektiv M-Base verschmähte. Und als sein Vertriebspartner das wegweisende Label zehn Jahre später auf Grund laufen ließ, hatte er schon das Nachfolgemodell "Winter & Winter" in der Schublade. Hier ist die Musik endgültig von Genre-Kategorien befreit und mit allen anderen Kunstformen verschmolzen. Neben den mit aufwendigen Booklets und Künstler-Artwork ausgestatteten Alben erscheinen "Audiofilme" und "Audiobooks", und das in der Schwabinger Viktoriastraße bezogene Büro ist eine Mischung aus Plattenladen, Hörlabor, Kunstgalerie und Kaffeehaus.

Kurios genug für einen Plattenproduzenten ist Winter eigentlich ein Feind der Reproduzierbarkeit. Die CD ist für ihn ein notwendiges Übel; in seiner idealen Welt würden Musikproduktionen als Unikate kursieren, ein Masterband wäre sozusagen die Parallele zu einem Gemälde. "Musik ist die einzige Kunstform, bei der es nur einen Massenmarkt und keinen Kunstmarkt gibt. Dagegen wehre ich mich", hat er schon vor Jahren gesagt. Eine Konsequenz daraus sind Aktionen und Installationen wie "The Ninth Wave".

Das ursprünglich überhaupt nicht fürs Beethoven-Jahr 2020 vorgesehene Projekt ("Wir dachten, dass es viel früher fertig wird") unterstreicht außerdem Winters Abkehr von den üblichen Hierarchien. Alles funktioniert eher im Kollektiv, aus dem sich langlebige Partnerschaften mit bildenden Künstlern, Regisseuren, Autoren und natürlich Musikern wie Mauricio Kagel, Stefan Zeniuk, Jim Black, Ernst Reijseger oder Uri Caine ergeben haben. Gesteuert von Stefan Winter und seiner japanischen Frau Mariko Takahashi, die für das zweite "Winter" im Label-Namen stehen kann, obwohl Winter dabei ursprünglich an seinen Bruder dachte. Bei "The Ninth Wave" ist sie nun in die Rolle der Produzentin geschlüpft. Mit der musikalischen Umsetzung von "The Ninth Wave" hat Winter mit Fumiio Yasuda ebenfalls einen langjährigen Wegbegleiter betraut. Gemeinsam wählte man die Beethoven-Motive aus, die das Grundgerüst von Yasudas Komposition bilden, beginnend mit "Meerestille und glückliche Fahrt op. 112", das Winter von Anfang an als Einstieg vorschwebte, über die Klaviersonate Nr. 30, das Streichquartett Nr. 14, op. 109, bis zum Gefangenenchor aus Fidelio, dem zweiten Satz der 5. und der 7. Sinfonie und schließlich der "Ode an die Freude", dem vierten Satz der 9. Sinfonie.

Die Neun ist geradezu das Schlüsselsymbol des Werks. Als Trilogie mit nach den Farben "Unendliches Blau", "Tiefes Grün" und "Zone Rot" aufgeteilten Blöcken ist es in neun Teile zu je neun Minuten gegliedert. Die Titel dieser neun Allegorien spiegeln die jeweilige Stimmung wie den inhaltlichen Bogen wider: Schöpfung, Endlichkeit und Schönheit, dann Verlorenheit, Flucht und Suche, schließlich Ohnmacht, Hass und Trostlosigkeit. Ebenso bombastisch ist, was sich zu diesen Vorgaben inhaltlich wie personell im Lauf der Entstehungszeit angesammelt und eingefügt hat. Unter dem Dirigat von Aaron Zapico - das denn auch für die Synchronität mit der Videoprojektion sorgt - musizieren und improvisieren Ferhan und Ferzan Önder vierhändig am Flügel, Jazz-Jungstar Joachim Badenhorst an der Klarinette, Gareth Davis an der Bassklarinette sowie Kelvin Hawthorne und Klaus-Peter Werani an der Bratsche. Mathis Nitschke und Stefan Winter selbst erzeugen dazu Geräusche.

Alle Klänge beziehen sich auf eine Filmprojektion, die die Tänzerin und Choreografin Aki Tsujita nicht nur in Aktion zeigt, auf ihren Körper sind wiederum Filme projiziert, die Winter hauptsächlich in Afrika, aber auch in Japan und Portugal selbst drehte. Was verwegen und disparat klingt, ergibt in der Aufführung einen verblüffend homogenen Eindruck, eine "Erfahrung jenseits von Oper, Film und Konzert", wie Winter selbst es nennt. Das belegt das Video von der Uraufführung beim Tokio Spring Festival im März. Bis drei Tage vor dem Termin war noch mit Publikum geplant, dann schlug Corona zu: Die europäischen Künstler mussten kurzfristig durch Japaner ersetzt werden, das Konzert wurde zur Aufzeichnung ohne Zuschauer. So wie jetzt von den vom 17. Dezember, Beethovens Geburtstag, an geplanten fünf Vorstellungen im Schwere Reiter nur der Livestream bleibt. Doch auch der wird beweisen, was Daniel Barenboim erst vor ein paar Tagen sagte: "Alles, was noch entstehen oder erfunden wird, ist schon in Beethovens Musik enthalten."

The Ninth Wave - Ode To Nature, Samstag, 19. Dezember, 20 Uhr, Stream aus dem Schwere Reiter: https://youtu.be/GqP4wuaI3FQ

© SZ vom 19.12.2020
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