Donnernd fährt die Baggerschaufel ins trübe Oktober-Wasser des Canal Grande, der Baukahn gerät jedes Mal heftig ins Wanken. Wieder aufgetaucht, rinnt die Schlammsoße zwischen den Eisenzähnen herunter. Man beobachtet diese für das Postkarten-Venedig untypische Szene von der Terrasse der Peggy Guggenheim Collection aus, wo Besucher gerade Marino Marinis Bronzeplastik „L’Angelo della Città“ umkreisen.
Der Engel, der da freudig erregt mit ausgebreiteten Armen auf einem klapprigen Gaul sitzt, fasziniert durch ein Detail, über das die Münchner Kunsthistorikerin Mona Horncastle in ihrer neuen Peggy-Guggenheim-Biografie schreibt: „Den Phallus kann man abschrauben, was sich Peggy für kirchliche Feiertage oder ,stuffy visitors’ auch vornimmt, aber meistens vergisst. In Venedig wird diese Provokation bald zum Stadtgespräch und es geht das Gerücht um, dass Peggy mehrere Phalli in verschiedenen Größen als Ersatzteile habe, die sie je nach Anlass auswähle – und so trägt Marinis Reiter zu ihrem Image als Exzentrikerin bei, das Peggy nur zu gerne pflegt.“

Damit ist allerdings kein Ton gesetzt, denn Mona Horncastle hat in dem Band bewusst all jene Anekdoten über das intensive Liebesleben der exzentrischen Sammlerin ausgespart. In derlei Sexkapaden-Schlamm zu graben, überlässt sie dem Boulevard. Und ironiebegabte Leser finden ja auch in Guggenheims Autobiografie reichlich Stoff. Noch nicht einmal 50 Jahre war sie alt, als 1946 „Out of This Century – The Informal Memoirs of Peggy Guggenheim“ erschien. Ursprünglicher Arbeitstitel: „Five Husbands and Some Other Men“. Für Horncastle ein höchst literarischer „Geniestreich“. Guggenheim, diese sexpositive Frau, mache sich irrsinnig lustig über die Männer. „Die haben ihr das allerdings übel genommen.“
„Dieses neidbehaftete, chauvinistische Narrativ, das sich auf empörende Weise bis heute gehalten hat“, sagt Mona Horncastle. Man erreicht sie am Telefon in Berlin, wo sie als freischaffende Autorin und Kuratorin – neben München – lebt und arbeitet. Für sie sei die Leitfrage beim Schreiben des Buches deshalb gewesen: „Wie würde man Peggy Guggenheim biografieren, wenn sie keine Frau, Mutter und Großmutter gewesen wäre, sondern ein Mann?“

Diese Neubewertung, dieser andere Blick auf eine Jahrhundertfigur. Keine leichte Aufgabe bei einer so kreativen Selbstdarstellerin wie Guggenheim, die heute mehr für ihren Hang zu schrägen Brillen und Knuddel-Hündchen bekannt ist, denn für ihre riesigen Verdienste um die moderne Kunst. Zumal sich Horncastle beim Schreiben auch beobachtet fühlte: „Peggy saß mir ganz schön auf der Schulter.“ Als eine Art „Entität“. Sie habe sich nicht so ganz frei machen können von dieser „sehr charakterstarken Frau“. Auch wenn es nicht ganz so dramatisch gewesen sei wie bei der indischen Starautorin Arundhati Roy, die jüngst ein Buch über ihre Mutter veröffentlicht hat und sich während des Schreibprozesses von ihr wie von einem Poltergeist verfolgt fühlte, Stromausfälle und geplatzte Rohre inklusive.

Gegen Gespenster hilft in jedem Fall wissenschaftliche Routine. Und die hat die 53-jährige Kunsthistorikerin, die nicht nur Biografien schreibt und Ausstellungen mit kuratiert, wie etwa jene 2024 über Josephine Baker in der Neuen Nationalgalerie Berlin, sondern auch Mitte der Nullerjahre in München als Verlegerin tätig war. Ihre Recherchen, erzählt sie, seien stets aufwendig, sie lese alles, was über eine Person erschienen ist. Im Fall von Peggy Guggenheim ein enormes Unterfangen, hatte sie doch Umgang mit dem „Who is Who“ der literarischen und künstlerische Boheme ihrer Zeit. „Und immer freue ich mich wie ein kleines Kind, wenn ich beim Schnüffeln in den Archiven auf Dinge stoße, die bislang übersehen wurden.“ Oder bewusst verfälscht.
Und schon ist man mittendrin im erstaunlichen Leben dieser furchtlosen Frau – das Horncastles Biografie im Untertitel mit dem Dreiklang „Freigeist, Mäzenin, Femme fatale“ einfangen will. 1939, der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen. In Paris ist der Markt für Kunst tot, viele Künstler kämpfen ums Überleben. Peggy Guggenheim ist in die Stadt gekommen, um sich hier, im Zentrum der Avantgarde, ihre Sammlung aufzubauen. Konsequent folgt die wohlhabende Amerikanerin der selbst ausgegebenen Parole: „buy a picture a day!“ Sie kauft in Galerien, in den Ateliers direkt von den Künstlern, bei Piet Mondrian, Pablo Picasso, Constantin Brâncuși. Ein rich girl auf Shoppingtour?

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Sie lässt sich beraten und sie verhandelt hart. Aber fair, wie Mona Horncastle aus Guggenheims Korrespondenz mit ihrem Anwalt herausgelesen hat und so die Behauptung widerlegen kann, sie habe die existenzielle Not der Künstler ausgenutzt. Nein, Guggenheim zahlt damals Marktpreise, zuweilen sogar mehr. Sie wird hunderte Werke, die die Nationalsozialisten als „entartet“ brandmarken, vor Plünderung und Zerstörung retten.
Und sie wird damit zur Fluchthelferin für Leute wie Marc Chagall, André Breton, Marcel Duchamp oder Max Ernst, ihren späteren Ehemann. Auch für die Jüdin Peggy Guggenheim wird es gefährlich in Paris. Sie verlässt Europa im letzten Moment. Erst als ihre Kunstsammlung, als „Hausrat“ deklariert, per Schiff nach New York unterwegs ist.

New York, die Stadt einer sehr einsamen, unglücklichen Kindheit. Aus der Schweiz beziehungsweise Franken sind Peggy Guggenheims Großeltern ins Land of the Free gekommen und binnen zwei Generationen zu ungeheurem Reichtum aufgestiegen. Mona Horncastles Buch erzählt auch von Peggys Antisemitismus-Erfahrungen, vom goldenen Käfig, dem für sie traumatischen Tod des Vaters beim Untergang der Titanic. Von frühen Prägungen durch Anarchistinnen und Feministinnen wie Emma Goldman, vom Ausbrechen nach Europa, ihren (gescheiterten) Ehen und Affären, ihren beiden Kindern Sindbad und Pegeen, all den Begegnungen mit Jahrhundertfiguren der Kunst wie Marcel Duchamp, Man Ray oder Jackson Pollock.

Ein großes Personen-Tableau, räumt Horncastle ein, Details, in denen man sich zuweilen verlieren kann. „Aber diese ganzen Protagonisten um Guggenheim herum sind wichtig, um sie in ihrer Zeit zu kontextualisieren.“ Und um am Ende ihre Lebensleistung klar herauszuarbeiten. Peggy Guggenheim, die Visionärin, die großzügige Ermöglicherin, die bedeutende Persönlichkeit in der Kunst des 20. Jahrhunderts.
„Ich bin keine Sammlerin, ich bin ein Museum“, hat Peggy Guggenheim einmal gesagt. In ihrem venezianischen Palazzo, in der Guggenheim Collection, wo in der Eingangshalle ihr Kinderporträt hängt, das einst Franz von Lenbach 1903 in München gemalt hat, spürt man noch ihre Präsenz. Als würde sie einem beim Betrachten eines Kunstwerks auf die Schulter tippen und sagen: „Wundervoll, nicht wahr?!“
Mona Horncastle, „Peggy Guggenheim“, Molden Verlag, Wien, 224 Seiten. Buchpräsentation in München bei Literatur Moths, Mittwoch, 29. Oktober, 19.30 Uhr

