Der Jogger mit dem aerodynamischen Kinderwagen trabt schon zum dritten Mal vorbei. Der Alte Nordfriedhof mit seinen hohen Bäumen und den efeuumrankten Grabsteinen ist ein Ersatzpark für die Menschen in der Münchner Maxvorstadt. „Einer meiner Lieblingsorte, ich bin hier in der Nähe aufgewachsen, hab’ hier auch zum ersten Mal Alkohol getrunken“, sagt Paul Marianne Furtwängler. Wir sitzen auf einer Bank. Die Stadt scheint weit weg. Der Vorschlag, uns gerade hier zu treffen, kam von ihm. Von ihr. Wochen später werden wir uns noch einmal sprechen, nach dem Anschlag auf den Berliner CSD.
Paul Marianne Furtwängler, 26, ist von schlanker Statur, trägt Jeans und Pullover, an den Füßen schwarze Spitzenstiefeletten mit Pfennigabsatz. Die Haare dunkelbraun, hoher Pony, im Nacken länger. Die Augen graublau, sehr klar. Furtwängler hat eine ausgebildete Sprechstimme. Ein angenehmer Bariton, in dem stets ein kurzes Zögern liegt, eine Nachdenklichkeit. Wer spricht hier, Paul oder Marianne?
„Ich muss mich ja gar nicht entscheiden. Wie die Leute damit umgehen, liegt nicht so ganz in meiner Verantwortung.“ Die deutsche Sprache kann nicht umgehen mit Nonbinarität, mit ihren Pronomen verlangt sie nach Geschlechtszuweisungen. Paul Marianne. „Ich sehe diesen Namen nicht im Sinne von männlich oder weiblich. Ich mag beide Namen sehr gern, und der Name gibt mir ein Gefühl von Einheit.“

„Ich bin, was ich bin und was ich bin, bin ich.“ So heißt es in „Mariannes großes Debüt“, einer Tragikomödie über queere Identität. Paul Marianne Furtwängler hat sie geschrieben, spielt selbst in diesem Solo. Noch am Abend wird es im Münchner Schwere Reiter die Fortsetzung geben, „Mariannes erster Tag am Meer“. Diesmal ist es ein Stück über Verlust und Trauer. Über das Leben und Überleben mit einer latenten Bedrohung.
Beim Treffen Stunden vor Beginn der Vorstellung sieht Paul Marianne Furtwängler etwas müde aus, hat Lippenstift auftragen, ein zartes Coral Orange. „Ich brauchte den heute einfach, meine Mutter hat ihn mir geschenkt, sie hat immer rote Lippen.“ Furtwängler lebt seit einigen Monaten in Berlin. „Ich bin dorthin gezogen, weil ich diese Sehnsucht nach einem Schutzort hatte.“ Wir werden über diesen Satz sprechen, später. In der Geburtsstadt München jedenfalls steht für Paul Marianne Furtwängler immer das Sofa in Mutters Wohnung bereit.
Die Furtwängler-Dynastie

Die Familie. Wer den Namen Furtwängler trägt, schleppt einen dicken Stammbaum mit sich herum. Schon, weil sie einen in den Verästelungen dieser illustren Ahnentafel suchen werden. „Ich bin das jüngste Kind meines Vaters und habe viele für meine Halbgeschwister prägende Figuren nie kennengelernt. Da ist diese große Familiengeschichte, aber sie fühlte sich nie so ganz nach meiner Geschichte an. Es hat eine lange Zeit gebraucht, mich zu orientieren, was es bedeutet, Teil dieser Familie zu sein“, sagt Paul Marianne Furtwängler.
Da ist Schauspielerin Maria Furtwängler, die große Schwester. Selten zeigen sich die beiden so öffentlich zusammen, wie auf jenem Instagrampost Marias vom Münchner Filmfest 2024. Neben ihr Tochter Elisabeth und Mutter Kathrin Ackermann, ganz rechts an ihrer Seite Paul Marianne. „Der beste kleine Geschwister der Welt, Paul“, steht unter dem Schnappschuss. Und ein Herzchen.
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Maria und Paul Marianne haben denselben Vater und einen weltberühmten Großonkel. Der Architekt Bernhard Furtwängler, der 2012 im Alter von 82 Jahren starb, war ein Neffe des Dirigenten Wilhelm Furtwängler (1886–1954). Marias Mutter Kathrin Ackermann wiederum ist eine Stieftochter Wilhelm Furtwänglers, was ihn zudem zu Marias Stiefgroßvater macht.
Man könnte sogar noch Generationen zurückspringen, etwa zu Wilhelms Vater Adolf Furtwängler, einem der bedeutendsten deutschen Archäologen überhaupt. Der Bildungsanspruch, in dieser Familie ist er seit jeher enorm.

„Ich habe mir lange, lange Zeit nie etwas von Wilhelm Furtwängler angehört“, sagt Paul Marianne. Sich abzugrenzen von diesem Mann, dem Prestigegedanken, sei eine eher unbewusste Entscheidung gewesen. Denn der Dirigent war eben nicht nur das charismatische Musik-Genie. Da waren auch seine Verstrickungen mit dem NS-Regime, seine innere Zerrissenheit zwischen Opportunismus und Abscheu. „Erst in den letzten Jahren habe ich versucht, einen erwachsenen Umgang mit der Frage zu finden, wie positioniere ich mich ihm gegenüber.“
Kindheitserinnerungen unter der Glasglocke
Das Aufwachsen in diesem dynastischen Geflecht, behütet sei es gewesen, privilegiert, erzählt Paul Marianne Furtwängler. Besuch der Waldorfschule in Schwabing, die Mutter Musiklehrerin, eine grundsätzliche Wertschätzung in der Familie für alles Kreative, viel Förderung. Und doch spricht Furtwängler von „einem Gefühl von Taubheit, Entfremdung“, das zurückgeblieben ist. Einer „Art Glasglocke“, die sich heute über die Erinnerungen an die Kindheit stülpe.
Konserviert darunter sind aber auch Momente wie dieser: Paul, der sich vor die ganze Schule stellt und „When I Was Your Man“ von Bruno Mars singt. Und da ist dieser erstaunliche Satz, den der Elfjährige als Mantra lange über seinem Bett hängen hat. „Den intensivsten Weg finden, Inneres, Erlebnisse und Träume nach außen zu bringen!“ Mit 15 spielt Paul im Jungen Ensemble des Residenztheaters München, nach dem Abi geht er zum Schauspielstudium an der Hochschule der Künste nach Bern. Und nach New York.
Marianne erscheint

„Oft erleben queere Menschen, dass die Bühne zu einem Möglichkeitsraum wird“, sagt Paul Marianne Furtwängler. Wir spazieren mittlerweile auf einem der Wege, wollen einen bestimmten Grabstein finden, vergessen das dann aber wieder. Das eigene Coming-out? Vielleicht mit 17. „Für mich gab es nicht das eine Coming-out, weil Identität in einem ständigen Wechsel ist.“ Denn da war immer die frühkindliche Erfahrung, sich nicht ausschließlich als Junge zu fühlen. „Eine Freiheit, die dann mit der Zeit verstummt ist, weil mir klar wurde, das ist nicht gewünscht.“
Diese Anteile zurückzuerobern, dabei hilft nun Marianne. Paul Furtwängler hat sie für eine Theaterproduktion im Studium entwickelt. Alles, der ganze Anpassungsdruck, habe sich in dieser Figur aufgelöst. Das Freiheitsgefühl stellte sich wieder ein. Marianne blieb an Pauls Seite, mehr als das. Und bald wird es das dritte Marianne-Stück geben.
Und voraussichtlich Anfang 2027 kommt zudem die Dokumentation „#United Pleasure“ in Deutschland und der Schweiz in die Kinos, an der auch Maria Furtwängler beteiligt ist. Ihre Malisa Stiftung hat eine Studie zu Geschlechterbildern in den sozialen Medien veröffentlicht. Regisseurin Barbara Miller hat für ihr Filmprojekt Paul Marianne Furtwängler bei der Entwicklung und Realisierung des ersten „Marianne“-Stücks vor und hinter der Bühne begleitet. Ein großes Privileg, so Miller in einer Mail an die SZ. „Die Zusammenarbeit mit Paul Marianne Furtwängler war tiefgründig und sehr inspirierend“. Sie sei einem Menschen „mit unglaublichem Tiefgang und gleichzeitig enormer Weitsicht“ begegnet. „Paul Mariannes analytischer Geist und messerscharfe Reflexion unserer gesellschaftlichen Konventionen ist augenöffnend.“
Attacke in der U-Bahn
Am Abend dann, im Schwere Reiter, volles Haus bei „Mariannes erstes Mal am Meer“. Auf der Bühne Marianne (Paul Marianne Furtwängler) und Ella (Moritz Bock) in einem Duett, das eigentlich keines sein kann, denn jede singt einen anderen Song. Doch wie 1963 beim Gipfeltreffen der Jahrhundertstimmen Judy Garland und Barbra Streisand, verschmelzen die Klassiker „Happy Days Are Here Again“ und „Get Happy“ harmonisch zu einem Manifest des Glücks. Oder die Erinnerung daran.
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Denn die glücklichen Tage zu zweit sind da längst Vergangenheit. Trans-Frau Ella ist tot, erschlagen von fünf jungen Männern in der Berliner U-Bahn. Sie wollte tanzen gehen, im Kleid von Marianne, die lieber zu Hause blieb. „Schwuchtel“ haben sie gebrüllt, „wenige Minuten später bin ich tot“, erzählt Ella, die nur noch in Mariannes Träumen lebt.
Paul Marianne Furtwängler hat hier einen Albtraum verarbeitet. Und wie Marianne im Stück ist Furtwängler in eine einsame Hütte gefahren, nur mit dem Laptop – und der KI als Trauerbegleitung. Im Schwere Reiter hat diese KI eine zugewandte Frauenstimme: „Marianne, du fragst, warum. Ich kann dir keine Antwort geben, die den Schmerz tilgt. Es gibt keine.“
Anschlag auf den Berliner CSD
Es gibt keine. Der Satz der KI hallt nach. Ebenso wie der vom „Schutzort“ Berlin. Wochen später nach dem magischen Abend im Schwere Reiter und der Begegnung auf dem stillen Münchner Friedhof: eine Verabredung am Telefon. Paul Marianne Furtwängler ist nun wieder in Berlin, erschöpft zurückgekehrt von einem Engagement bei den Wormser Nibelungenfestspielen als König Gunther in der Produktion „Die Hunnenkönigin“.
Furtwängler berichtet von aufregenden, herausfordernden Tagen in einem großen Team, auf der Riesen-Bühne, zusammen mit Kolleginnen wie Jeanette Hain oder Maria Drăguș. Schwärmt von den unendlichen Möglichkeiten dieses Schauspielberufs, vom Privileg, in unterschiedliche Identitäten schlüpfen zu können. Wie in diesen König Gunther, oder zuvor in die Rolle eines Marinesoldaten in der Streaming-Serie „Das Boot“ (Staffel 3). Theater zu spielen, Filme zu drehen. Nicht festgelegt zu werden auf ein Geschlecht. Davon träumt Paul Marianne Furtwängler. Hingabe, das sei das Allerwichtigste.

Die Zeit in Worms aber war überschattet vom islamistisch motivierten Anschlag auf den CSD, mit einer Toten und 29 Verletzten und Schwerverletzten. „Mein erster Impuls war, ich muss meine Freundinnen und Freunde anrufen“. Der Partner hatte gerade noch Fotos vom Umzug gepostet, er war an der Stelle des Anschlags vorbeigekommen. Zum Glück ging es allen gut.
Doch nichts ist gut seither. Nicht für die Opfer, nicht für die queere Community.
„Kurz zuvor mit meinem Stück auf der Bühne zu stehen und sich so intensiv mit Gewalt und Verlust auseinanderzusetzen, das ist so erschreckend“, sagt Paul Marianne Furtwängler. Die Queerfeindlichkeit, so beschreibt es ja auch das Stück, gehört in Berlin längst zum Alltag. „Gehe ich in einer Jeans raus oder in einem Kleid?“, vor dieser Frage stehen non-binäre Menschen wie Paul Marianne Furtwängler jeden Tag. „Ich mache meine Identität sichtbar, und das macht mich auch angreifbar. Aber gleichzeitig möchte ich mich nicht länger unsichtbar machen, und ich habe große Lust meinen Beruf auszuüben. Ich spüre viel Hoffnung!“
Da ist der Wunsch, nein, der Vorsatz, „Mariannes erstes Mal am Meer“ auch in Berlin zu zeigen, um damit für die queere Community einen Raum anzubieten, in dem Trauer möglich ist. Wo alle dann gemeinsam tanzen können, so wie Marianne und Ella im Stück.


