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Patti Smith und Christoph Schlingensief:Hauptsache Erlösung

Durch die Beerdigung eines toten Hasen hat alles Sinn bekommen: Patti Smith und Christoph Schlingensief reden im Haus der Kunst über Religion.

Julia Amalia Heyer

Als hätte er sie selbst erdacht, die Performance im und um das Haus der Kunst am vergangenen Sonntag: Draußen protestieren die "Soldaten Christi" mit einer Andacht gegen Gotteslästerung, drinnen hängt am einen Ende des Gangs das opus delicti - Kippenbergers gekreuzigter Holzfrosch - und am anderen Ende sitzt er, Christoph Schlingensief, auf einem Podest und spricht über Kunst und Religion. Rahmen für das ganze Bohei ist die Ausstellung "Traces du Sacré"; auf dem Podest sitzt nicht nur der Regisseur, sondern auch die godmother of punk, die amerikanische Sängerin Patti Smith.

"Godmother of punk": die amerikanische Sängerin Patti Smith

(Foto: Foto: dpa)

Die beiden Künstler seien nicht nur regular guests seines Hauses, sagt Chris Dercon zur Begrüßung, sondern auch Schamanen: Beide setzen sich in ihren Werken direkt mit Gott auseinander. "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" hieß Schlingensiefs erste Inszenierung nach seiner Krebserkrankung. Und Smith, wegen ihrer Rock-Rezitative mitunter "Hohepriesterin" genannt, hat nicht nur im Traum den Tod von Stones-Gitarrist Brian Jones antizipiert, sondern reist auch mit der Asche ihres Freundes Robert Mapplethorpe durch die Welt.

Soll heißen, in Schlingensiefs Worten: Beide fühlen sich sehr geborgen im Spirituellen. Traut sitzen sie nebeneinander vor den Mikrofonen, Smith hippiesk zerknittert, das Hexengesicht in gütige Falten gelegt, und Christoph Schlingensief zwar magerer und grauer als früher, aber immer noch so strubbelhaarig wie eloquent. Kennengelernt haben sich die beiden in Bayreuth bei Schlingensiefs Parsifal-Inszenierung 2006. Seitdem reiste die Sängerin mit ihm nach Afrika und nennt ihn zärtlich wahlweise einen deutschen Rimbaud oder Peter Pan. "Christoph hat jeden Tag neue Augen", sagt sie. Schlingensief lächelt.

Natürlich habe er sich gefragt, was Patti Smith mit ihm in Namibia wolle, aber durch die Beerdigung eines toten Hasen habe alles Sinn bekommen. Smith, ganz freundliche Hexe, nickt. The dead rabbit. Er wehre sich dagegen, sagt Schlingensief, in die "esoterische Ecke" gestellt zu werden. Woher die Erlösung komme, sei doch letztlich "scheißegal". Manchmal sind eben Gebete für einen toten Hasen sinngebend. Dann folgt eine Philippika aufs Jenseits, bei dem ihm vor Wut fast die Stimme bricht und er mit den Tränen kämpft: Er wolle jetzt noch nicht "hochfahren". Das ist der Schlingensief der neuen Zeitrechnung. Nach dem Lungenkrebs. Gegen Bigotterien jedweder Art mag er auch früher gewettert haben, durch die Krankheitserfahrung ist da jetzt aber mehr Emphase. Mehr Ernst.

Tod, Glaube, Religion - letztere hält er, der "absolut gläubige Mensch", für eine "dubiose Veranstaltung" - gewohnt wortgewandt und pointiert wütet sich Schlingensief durch die großen Themen und deren Bedeutung für sein Schaffen. Seitenhiebe auf Bayreuth, diesen "faschistoiden Betrieb" inklusive. Es sei ihm egal, ob Banker in den Himmel kommen - Mugabe aber, den würde er gern "wegballern". Afrika rührt sein Herz. Der politische Anspruch seiner Kunst hält sich nicht mehr mit der Bundesrepublik auf; Merkel, Seehofer, whatever. Das einstige enfant terrible des deutschen Politik-Theaters möchte ein Festspielhaus auf dem schwarzen Kontinent bauen. Die Villa Wahnfried in Simbabwe. Das ist sein neues Projekt, es ist ihm ernst: "Ich will meine Bilder nicht nur denken, sondern auch wahrmachen".

Neben ihm, ungleich friedlicher, abgeklärter, die Überbohémienne Smith. Was ist Gott? "Wir alle sind Gott", sagt sie. Was ist die Hölle? "Ohne Vorstellungskraft zu leben." Wenn sie spricht, legt sie beide Hände in die Luft, als wolle sie sie segnen. Ob man in der Kunst ironisch mit dem Glauben umgehen dürfe?, fragt Chris Dercon. "Ich bin kein ironischer Mensch", sagt Patti Smith. Aber Künstler seien wie Kinder und deshalb manchmal grausam. Kunst sei aber nie blasphemisch. Die draußen sind anderer Meinung.

© SZ vom 16.12.2008/sonn
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