„Wie kann man sich als Mensch in einen goldenen Käfig einsperren?“ Das fragt Patricia Kopatchinskaja. Sie, die unerschrockenste unter den Star-Geigerinnen, geht jedenfalls mit weit ausgefahrenen Antennen durchs Leben. Warum sie an die Musik und an Wunder glaubt, aber gerade an einer Oper mit dem Titel „Bad News!“ schreibt. Und dann ist da noch ihr alter Freund, der umstrittene Dirigent Teodor Currentzis. Kein Putinist, sagt sie. Und vermisst ihn sehr.
SZ: Frau Kopatchinskaja, unter Ihren Videos auf Youtube steht häufig in den Kommentaren: Sie spielt wie eine Hexe oder sieht aus wie ein Kobold. Verletzt sie das?
Patricia Kopatchinskaja: Also, wenn ich auf die Bühne in einem hübschen Kleid kommen würde, um dem Publikum zu gefallen, dann würde mich das wahrscheinlich verletzen. Aber ich bin im Dienst der Musik dort. Und da passiert auf der Bühne eine Transformation. Wozu auch immer ich werde – es dient hoffentlich dem Stück.
Wollen Sie provozieren?
Ich will erstaunen. Man hat ja alle Stücke zu Hause im Musik-Konservenschrank. Aber sie sollen blühen und nicht verstauben. Man soll Beethoven lebendig neben sich spüren, sodass die Französische Revolution in diesem Moment passiert.
Oft gehört zu Ihren Programmen auch ein besonderes Bühnen-Outfit, etwa die Kopie eines spektakulär farbenfrohen Kleids, das Michail Larionow 1921 für die Ballets Russes entworfen hat. Wie wichtig ist Ihnen das Visuelle?
Ich denke an den Sänger Fjodor Schaljapin. Früher sind die Sänger einfach rumgestanden, er hat sich als Erster überlegt, was er auf der Bühne macht und in welchem Kostüm. Was ist meine Rolle? Die Frage stelle ich mir auch. Und wenn es dazu dient, dass man mir besser zuhört, ist das doch nur willkommen.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Sie setzen immer wieder auch Ihre Stimme ein. In Schönbergs mondtrunkenem „Pierrot lunaire“ etwa performen Sie eindrucksvoll; deklamieren, singen, säuseln, schreien, lachen. Das ist sehr ungewöhnlich für eine Geigerin.
Ich denke, es gibt keine Grenzen zwischen Klang, Poesie, Literatur, dem Visuellen, Bildern. Wenn draußen ein Presslufthammer schlägt, ist das für mich Musik. Ich verbinde das mit einem Klang in einer Partitur, einer Erkenntnis, einem Albtraum, einem Wort. Jede Frequenz kann meine Fantasie aufblühen lassen. Deswegen mag ich die Welt der Commedia dell’arte mit der Pierrot-Figur. In einem klassischen Konzert ist alles vorgeplant. In der Commedia gibt es die Überraschung, den Witz.
Deswegen spielen Sie gerne – wie auch in München – Neue Musik?
Ja, da ist das noch zu erleben, weil die Leute nicht wissen, was sie zu erwarten haben.
Können Sie trotzdem etwas verraten, was sie beim Violinkonzert von Márton Illés hören können? Das spielen Sie bald mit dem Münchener Kammerorchester.
Ein wunderbares Stück! Es ist ein Tier, das uns in Erstaunen versetzt mit seiner zündenden Dynamik. Es geht immer vorwärts, ist nie langweilig, hat Klänge, die man so noch nie gehört hat. Man entdeckt die Geige dabei ganz neu. Es ist wie eine Geschichte, die alle amüsiert, die aber in einer erfundenen Sprache geschrieben ist.
Sie kennen den Komponisten schon länger.
Ja, und nach jedem Stück warte ich ganz ungeduldig: Was kommt jetzt wieder aus seinem Kopf?

Wenn man Ihnen so zuhört, meint man: Sie laufen mit ausgefahrenen Antennen durch die Welt.
(lacht): Ja, ja, wie ein Hund, der geht rum, denkt, riecht, schaut – was ist denn da?
Dazu gehört, dass Sie auf die Gegenwart reagieren, auf Krieg, den Klimawandel. Warum ist Ihnen das wichtig?
Wie kann man sich als Mensch in einen goldenen Käfig einsperren und so tun, als ob man nichts spürt von dem, was in der Welt passiert? Wir alle versuchen, Dinge zu verstehen und etwas zu verbessern oder zumindest die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, auch mit Musik.
Wie kann das funktionieren?
Das wird gerne unterschätzt. Aber man ist zwei Stunden lang zusammen in einem Raum. Da versammeln sich alle möglichen Ansichten, Menschen, die zusammen etwas erleben. Das ist etwas sehr Wertvolles.
Wenn jemand sagt: „Ich habe schon den ganzen Tag mit diesen Themen und Problemen zu tun. Im Konzert will ich einmal Ruhe haben.“ Was würden Sie dem sagen?
Menschen, die gar nichts Schwieriges erfahren wollen, sollen in leichte Programme gehen. Angebot gibt es genug. Mein Publikum macht sich Gedanken, setzt sich mit der Gegenwart auseinander.
Was gibt Ihnen Kraft?
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Hoffnung habe ich, weil man als Mensch Trost braucht. Das ist vielleicht ein Rest von Religiosität, den man noch in den Genen hat – dass man an ein Wunder glaubt. Und als Mutter habe ich die Pflicht, so zu leben, dass ich meinem Kind noch in die Augen schauen kann.
Auch die Ukraine thematisieren Sie. Sie selbst kommen aus dem Nachbarland Moldawien. Sind Sie noch manchmal dort?
Ganz selten. Aber letztes Jahr war ich bei einem Familientreffen. Ich war erstaunt, wie gut es dem Land geht. Ich habe viele energiegeladene, fröhliche, lustige, liebe Menschen getroffen. Und das Land ist schön, es hat wunderbare Landschaften!
Es hat sich trotz russischer Einmischung für Europa entschieden bei den letzten Wahlen. Gibt Ihnen das Hoffnung?
Ja, ich hoffe, dass Moldawien in die EU kommt. Andererseits habe ich in den sozialen Medien von Schulkollegen gelesen, dass sie gegen die jetzige Präsidentin gestimmt haben. Sie fürchten die Aggression Russlands. Ich war zuerst wütend, aber ich habe auch versucht, sie zu verstehen mit ihrer Angst.
In Moldawien sind viele ukrainische Flüchtlinge. Auch Ihre Familie ist, als Sie zwölf waren, nach Wien ausgewandert. Geht Ihnen deshalb das Schicksal dieser Menschen nahe?
Ich kann Menschen, die entwurzelt sind, gut verstehen. Heimatverlust ist etwas Grundlegendes, man lebt mit diesem Schmerz sein ganzes Leben.
Obwohl Sie eine Heimat in der Kunst gefunden haben?
Natürlich. Ich habe Glück, dass diese Kunst universell ist und keine Worte braucht. Man kann sich mit ihr auf einer Ebene begegnen, auf der alle gleich sind. In einem Kanon sind alle wichtig.

Einer Ihrer Freunde, der Dirigent Teodor Currentzis, hat sich entschieden, zu Russlands Krieg gegen die Ukraine zu schweigen. Können Sie ihn verstehen?
Ich habe mit ihm viel gespielt und viel gesprochen. Eines kann ich sagen: Er ist kein Putinist, und er ist sicher nicht für den Krieg. Es gibt Künstler, die sich politisch äußern, und es gibt solche, die das nicht tun. Besonders, wenn sie die Verantwortung für ein großes Orchester tragen. Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, was ich für Unrecht halte. Was ihn betrifft – das ist seine Wahl.
Belastet das eine Freundschaft?
Ich vermisse ihn so sehr. Er ist eines der genialsten Geschöpfe unseres Metiers. Für mich ist eine Zusammenarbeit im Moment nicht möglich, aber ich vermisse ihn. Ich habe viele eigene Dinge, die ich machen möchte. Ich lerne das Dirigieren, ich komponiere eine Oper mit dem Titel „Bad News!“, eine musikalische Untersuchung von Wahrheit und Lüge. Dafür brauche ich Kraft.
Und doch bewegen Sie sich mit Ihren Programmen in diskursiv aufgeheizten Räumen. Wie gehen Sie damit um?
Die Kultur soll an die Menschen appellieren, aber nicht nur an die, die so denken wie wir. Sagen wir, ich mache ein Programm über die Umwelt. Wenn nur die Grünen kommen, erfahren sie nichts Neues. Ich brauche offene Menschen, die gemeinsam eine Frage stellen. So kann man Polarisierung auflösen.
Milhaud, Illés, Weill mit Patricia Kopatchinskaja und dem Münchener Kammerorchester, Donnerstag, 15. Januar, 20 Uhr, Prinzregententheater; Bach, Ravel u.a. im Duo mit Sol Gabetta, Sonntag, 15. Februar, 16 Uhr, Isarphilharmonie

