Benachteiligte Kinder und Jugendliche in München und dem Umland zu unterstützen, das ist das Anliegen des Projekts „Löwenherz“. Susanne Neumann ist als Teamleiterin bei der Gesellschaft für Soziale Arbeit (GfSA), die das Projekt inzwischen trägt, dafür verantwortlich. Seit 2011 vermittelt Löwenherz Patenschaften zwischen engagierten Erwachsenen und jungen Menschen. Maßgeblich finanziell gefördert wird es von seinen Initiatoren und Gründern, dem Hilfswerk Lions Club München Cuvilliés, und seit Kurzem auch von Google.org, dem gemeinnützig arbeitenden Ableger des Technologieunternehmens. Schirmherr von Löwenherz ist Oberbürgermeister Dieter Reiter. Die aus ehrenamtlich Engagierten bestehende Patengruppe könnte noch wachsen, sagt Neumann. Es gebe viele Anfragen von Familien, die durch die GfSA betreut werden. „Wir suchen ständig neue Patinnen und Paten, der Bedarf ist größer als das Angebot.“ Durch die erweiterte finanzielle Ausstattung habe man jetzt die Möglichkeit, die Patenschaften besser zu organisieren und betreuen.
SZ: Frau Neumann, welche Voraussetzungen muss man als Erwachsener für eine Patenschaft mitbringen?
Susanne Neumann: Die Patenschaft soll eine Eins-zu-eins-Beziehung sein. Das heißt: Die Paten müssen ein bisschen Zeit mitbringen, damit so eine Beziehung entstehen kann. Wer nur kurzfristig, vielleicht mal vier Monate, eine Patenschaft eingehen möchte, passt nicht so richtig zu diesem Projekt. Ansonsten freuen wir uns über jeden, der bereit ist, sich einmal die Woche oder alle zwei Wochen etwa zwei bis vier Stunden mit seinem Patenkind zu treffen.
Am besten wohl an Nachmittagen oder am Wochenende?
Genau. Die Treffen können eher nicht vormittags unter der Woche stattfinden, außer natürlich in den Ferien. Denn die meisten Kinder gehen entweder in eine Kita oder in die Schule.
Sie vermitteln auch Kita-Kinder?
Wenn es passt, ja. Wir hatten eine Patin, die war von Beruf Psychologin, die hat sich um Zwillinge gekümmert, die anfangs erst zwei Jahre alt waren. Damit hat sie die Familie sehr entlastet. Ansonsten ist so zwischen fünf und elf Jahren das ideale Alter. Da sind die Kinder schon so weit, dass man sie zum Beispiel gut mit auf einen Ausflug nehmen kann.
Apropos, was sollten die Paten leisten?
Das können Ausflüge ins Grüne sein, mal ein Besuch in einem Museum, in einem Kino oder Café. Wir kommen für die Auslagen auf. Sich unterhalten und zuhören, auch das ist ein wichtiger Aspekt. Manchen Kindern macht es großen Spaß, wenn man mit ihnen bastelt. Wir haben auch Paten, die gerne Nachhilfe geben. Es braucht vor allem aber eine gewisse Neugier und ein Interesse, mit den Kindern und Jugendlichen etwas erleben zu wollen. Wir hören von manchen Paten: „Ich entdecke eine neue Welt.“
Sie suchen explizit Patenschaften für „benachteiligte“ Kinder und Jugendliche. Was verstehen Sie darunter?
Das Wort benachteiligt gefällt uns selbst nicht besonders gut, es sind ja meist die Umstände, die die Gründe liefern, warum eine Patenschaft sinnvoll ist. Oft sind es Kinder aus sehr kinderreichen Familien. Nicht selten mit fünf, sechs Kindern, manchmal auch mit alleinerziehenden Elternteilen. Da kommt man dann auf uns zu mit der konkreten Bitte, eine Patenschaft zu suchen, etwa für das älteste Kind, weil es immer zu kurz kommt. Oder wir haben Familien mit Migrationshintergrund, die sagen: „Wir haben kein Netzwerk hier in München, wir hätten gerne eine Unterstützung für unser Kind.“
Was würden Sie denn statt benachteiligt sagen wollen?
Ich würde es lieber so formulieren: Löwenherz ist ein Projekt für Kinder und Jugendliche, die eine Förderung brauchen, um ihre Bildungs- und Teilhabechancen besser erreichen zu können. Oft sind die sozialen Bedingungen in der Familie oder im Umfeld die Benachteiligung.
Wie finden Sie die richtigen Matches?
Wir machen ausführliche Vorgespräche mit den ehrenamtlichen Paten und auch den Familien, sodass wir beide Seiten einschätzen und zuordnen können. Dann gibt es ein erstes Treffen, bei dem wir dabei sind. Neulich habe ich bei so einem Kennenlerntermin erst mal mit den Kindern gespielt, so konnte sich der Pate mit der Mutter vertraut machen – und natürlich umgekehrt. Am Schluss haben die sich dann schon direkt verabredet. Das muss aber nicht so schnell gehen. Jeder bekommt Bedenkzeit. Und wir fragen in den ersten Monaten sehr regelmäßig nach, wie es läuft, ob alles so klappt, wie sich das alle vorgestellt haben.
Sie überlassen die Paten-Tandems also nicht sich selbst?
Natürlich unterstützen wir. Wir organisieren auch alle sechs Wochen Gruppenaktivitäten, zu denen man sich treffen kann. Es geht um Kinder und Jugendliche, also tragen wir Erwachsenen viel Verantwortung. Wir legen aber auch gemeinsam mit den jungen Menschen Grenzen fest. Und wenn die Jugendlichen keine Lust auf ein Treffen haben, dann akzeptieren wir das. Die Beziehungen verändern sich auch mit dem Heranwachsen.
Grundsätzlich legen Sie aber Wert auf längere Kontakte?
Eigentlich ja, aber die Patenschaften verlaufen unterschiedlich. Eine Patin etwa hat zwölf Jahre lang ein Mädchen betreut. Sie ist inzwischen erwachsen und studiert an der TU München. Die beiden treffen sich aber immer noch gelegentlich. Das ist ein ausgesprochen gelungener Kontakt: Das Patenkind durfte mal mit in die Firma ihrer Patin kommen, die bei einem Chiphersteller gearbeitet hat. Die hat der jungen Frau die Freude am Naturwissenschaftlichen mitgegeben – und bestimmt auch Selbstvertrauen für ihren Weg.
Auch andere Münchner Organisationen vermitteln seit vielen Jahren Patenschaften mit jungen Menschen. Die Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind groß. Weitere Anlaufstellen sind etwa: „Boxt Euch durch München“ oder der Verein Mitsprache e.V.

