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Pasing:Zukunft mit Historie

Einst haben die Anwohner ihre Kuvertfabrik gerettet. Sie wird als Bürogebäude das Herzstück des Kupa-Quartiers sein, für das die Investoren nun den Grundstein gelegt haben

Die weiße Wand mit dem riesigen Handflächen-Graffito, vor der einmal das Piano stand, gibt es nicht mehr. Überhaupt sind alle Wände verschwunden im ersten Stock der Kuvertfabrik. Die gesamte Premier Étage des ehemaligen Industriebaus ist entkernt, 900 Quadratmeter Fläche, durchbrochen nur von den Säulen mit den historischen Kacheln, die 1906 zur damals hypermodernen Eisenbetonkonstruktion gehörten. Vor ein paar Jahren, als die Kupa, wie sie immer schon hieß und auch in Zukunft heißen soll, noch eine Art Kreativquartier war, gab es in der Premier Étage regelmäßig Milonga-Tanzabende und sogenannte Future Talks. Zukunftsgespräche zu Avantgarde in Philosophie, Kunst und Bewusstseinsforschung mit wechselnden Referenten. Auch an diesem Mittwochvormittag wird hier intensiv das Wort "Zukunft" bemüht. Die Bauwerk Capital GmbH & Co. KG hat die Presse zur Baustellenbesichtigung inklusive Grundsteinlegung eingeladen. Zwischen Landsberger Straße und Josef-Felder-Straße entsteht das Quartier Kuvertfabrik Pasing. Es ist das erste Mal seit knapp vier Jahren, seit dem Auszug der Künstler, dass die Öffentlichkeit wieder Zugang bekommt zur denkmalgeschützten Kupa.

"Hier wohnt und arbeitet die Zukunft", verkündet Jürgen Schorn, geschäftsführender Gesellschafter von Bauwerk Capital. Man steht an einem tresenlangen Tisch in der Mitte des saalgroßen Raumes in der Premier Étage. Schorn ist glücklich, im Januar hat sein Unternehmen die 175 Eigentumswohnungen auf den Markt geworfen. Entstehen werden sie in fünf Gebäuden, die sich um die Kupa gruppieren, die selbst ausschließlich für Büronutzung vorgesehen ist. 20 Prozent der Wohnungen seien schon verkauft, berichtet Schon. Und nun, da seit Ende Juni die Baugenehmigung vorliege, da die Abbruch- und Erdarbeiten beendet seien, da Baugrubensicherung und Aushub abgeschlossen seien, nun also erwartet sich der Geschäftsführer den nächsten "großen Schub" an Kaufinteressenten für die Apartments und Familienwohnungen, die auf 40 bis 120 Quadratmeter konzipiert sind, die Verkaufspreise beginnen bei 339 000 Euro für die kleinsten Einheiten. Jürgen Schorn blickt ermunternd in die Runde der Pressevertreter.

Baustelle der ehemaligen Kuvertfabrik in Pasing

Auf der Höhe der Zeit, was moderne Baukultur angeht, soll das neue Wohnquartier mit der historischen Kuvertfabrik im Zentrum sein, das sagen zumindest Investoren und Architekten.

(Foto: Florian Peljak)

Dann übergibt er das Wort an seinen Kollegen Roderick Rauert, Geschäftsführer Bauwerk Development GmbH, der nun einiges über die Kupa zu erzählen hat. Von ihren sehr kurzen Anfängen 1906 als Schokoladenfabrik, in der dann aber eigentlich bis in die Neunzigerjahre hauptsächlich Kuverts hergestellt wurden. Von der bahnbrechenden Erfindung des Sichtfenster-Kuverts, ja, die sei just an der Landsberger Straße in Pasing erfolgt. Viel Historie, die Bauwerk nun mit Visionen verbinden will. "In zwei Jahren werden hier Arbeitswelten entstehen, die der Zukunft zugewandt sind", sagt Roderick Rauert. Ein Objekt wie die Kuvertfabrik gebe dem gesamten neuen Quartier Identifikation. Und nun bittet er die Journalisten, unbedingt zu schreiben, dass die Lokalbaukommission der Stadt, die oft gescholtene, ungeheuer aufgeschlossen gewesen sei und das Projekt sehr unterstützt habe.

Viel Lob gibt es an diesem Vormittag in der staubigen Kupa-Räumen auch für die Denkmalschutzbehörden. "Wann immer es Sinn gemacht hat, ist der Denkmalschutz mitgegangen", kann Fabian Albrecht berichten, er vertritt das Münchner Architekturbüro Allmann Sattler Wappner, mit dem Bauwerk bereits die beiden Friends-Türme an der Friedenheimer Brücke verwirklicht hat. Albrecht spricht von "Transformation", und dieser Prozess, so wird man nun erfahren, hat auch etwas mit Rekonstruktion zu tun. Denn anhand von alten Plänen und Fotos mussten sich die Architekten zunächst ein Bild davon machen, wie ihr Kollege Leonhard Moll anno 1906 den breit gelagerten Satteldachbau überhaupt konstruiert hat. Denn im Laufe der vielen Jahrzehnte hatte die Kupa Anbauten im Norden und Westen bekommen, zusätzliche Fensteröffnungen waren eingesetzt worden, zum Teil mit hässlichen Glasbausteinen, andere hatte man zugemauert. Man hat also versucht, dem Originalzustand näherzukommen, um nun, ausgehend davon, das Gebäude den Standards moderner Bürowelten anzupassen. Denn, so betont, Architekt Albrecht, "es wird hier kein Historismus stattfinden". Die Stichworte der Zukunft sind demnach beispielsweise "Tageslichtausbeute", aber auch moderne Heizungs- und Belüftungssysteme. Die Barrierefreiheit wird eine weitere Anforderung sein.

Baustelle der ehemaligen Kuvertfabrik in Pasing

In der Original-Dachkonstruktion von 1906 werden Büros untergebracht.

(Foto: Florian Peljak)

Die alte Kupa hatte lediglich einen Lastenaufzug, ansonsten ging man übers Treppenhaus. Aber was für ein Treppenhaus! Purer Jugendstil, der der alten Fabrik mit das Leben rettete. Im ursprünglichen Bebauungsplan von 2006 war das Gebäude zum Abriss freigegeben, die Denkmalschützer hatten die Fabrik nur oberflächlich, nur von außen begutachtet. Erst auf Drängen von Bürgerinitiativen und der Künstler, die damals die Mieter waren, gab es eine zweite Prüfung - und schließlich die Denkmalwürdigkeit. Das schmucke Treppenhaus mit dem elaborierten Geländer, durch das sich über Jahrzehnte die Fabrikbelegschaft, später die Künstler, Handwerker, Modedesigner oder Ballett-Eleven bewegten, muss also erhalten bleiben. Allerdings nur noch als zweiter Rettungsweg, feuerpolizeilich erfüllt es dazu noch alle Auflagen. Die Kupa wird ein weiteres Treppenhaus und einen Lift bekommen.

Noch aber bewegen sich Planer, Architekten und Handwerker über die alten Treppen nach oben, an diesem Mittwoch nun auch der Tross der Baustellenbesucher. Es geht hinauf bis ins Dachgeschoss, auf den 900 Quadratmetern dort hatten die Künstler zuletzt die sogenannten Lachdach Ateliers untergebracht, was schon andeutet, auch dort gab es eingezogene Wände und Zwischendecken. Alles wurde entfernt. Was zum Vorschein kam? Christian Schulz, Projektleiter von Bauwerk Development, spricht von einem "Aha-Effekt", denn die originale, hölzerne Dachkonstruktion mit acht Metern Firsthöhe befinde sich in einem sehr guten Zustand. Das Gebälk und die Sparren werden laut Schulz erhalten bleiben, das Dach der Kupa aber bekommt eine neue Eindeckung. Abgestimmt mit den Denkmalschutz sind auch die Innenverkleidungen und zusätzlichen Gauben und Fenster in diesem obersten Stockwerk der Kupa, in dem ebenfalls eine "Arbeitswelt der Zukunft" eingerichtet werden soll.

Baustelle der ehemaligen Kuvertfabrik in Pasing

Das Jugendstiltreppenhaus im Denkmal an der Landsberger Straße.

(Foto: Florian Peljak)

Die Künstlergemeinschaft, welche die Kupa bis 2015 nutzte, aber auch viele Menschen im Stadtviertel hatten sich die Zukunft des alten Industriebaus als offenen Ort vorgestellt. Es hat dazu Anträge in den politischen Gremien gegeben, zuletzt sogar Demonstrationen durch das Pasinger Zentrum. Von einem Kulturzentrum war die Rede. Ideen gab es viele, manche waren konkret, etliche nur vage, und letztlich fehlte es an der Finanzierungsgrundlage. Als Bürokomplex wird die Kupa, so wie in ihren Zeiten, als auf den Etagen noch Kuverts produziert wurden, der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen bleiben. Allerdings - das erläuterten die Investoren an diesem Tag der Grundsteinlegung - könnte es im östlichen Anbautrakt der Kupa, dem sogenannten Kesselhaus, Gastronomie geben, sofern sich ein Betreiber findet. Den Standort halten zumindest die Verantwortlichen von Bauwerk für attraktiv. Denn künftige Gäste könnten nicht nur die Kreativen aus den neuen Bürowelten der Kupa sein, oder die Familien und Singles, die bis zum Jahr 2021 die 175 Wohnungen des neuen Pasinger Quartiers bezogen haben werden. Irgendwann wird es in unmittelbarer Nähe, am sogenannten Knie, auch eine Haltestelle der U 5 in Richtung Pasinger Bahnhof geben. Und dann werden viele Menschen an der alten Kuvertfabrik vorbeikommen - in nicht mehr allzu ferner Zukunft.