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Pasing:Tausende Pfeifen aus Bautzen

Endlich ist sie eingetroffen, die neue Orgel für die Stadtkirche Maria Schutz. Die Gemeindemitglieder haben durch hartnäckiges Spendensammeln ein Drittel der 1,2 Millionen Euro Anschaffungskosten aufgebracht

Von Jutta Czeguhn, Pasing

Orgellieferung für Maria Schutz in Pasing.

Keine Waschmaschine, auch wenn's so aussieht: In vielen Einzelteilen wird die neue Orgel für Maria Schutz angeliefert.

(Foto: Catherina Hess)

"Ich hab' mir schon überlegt, die Glocken läuten zu lassen an diesem Jubeltag, aber dann hätten alle geglaubt, der Papst ist gestorben!" - Pfarrer Alois Emslander lacht und zückt nun, wie alle anderen, die vor dem Portal von Maria Schutz mit wachsender Ungeduld gewartet haben, das Handy. Dieser Augenblick will festgehalten werden. Ein Transportlaster, der nach Überlänge aussieht, kommt die Bäckerstraße entlang gefahren. Man läuft ihm nun entgegen, weist ihn ein, denn so ein Trumm parkt nicht alle Tage auf dem Vorplatz. Langsam fährt der Laster mit dem Heck an die Kirchenstufen, die Lkw-Türen werden aufgerissen. Da ist sie, die neue Orgel von Maria Schutz.

Orgel in der Pfarrkirche Maria Schutz in Pasing, 2013

Lange hat die Gemeinde auf den Moment der Anlieferung des neuen Instruments gewartet, denn die alte Orgel (im Bild) hat man nach Warschau verschenkt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Über 500 Kilometer hat der Transporter hinter sich, er ist am Dienstag in aller Frühe in Bautzen losgefahren. Mitarbeiter der Orgelbaufirma Eule haben ihn randvoll geladen mit wer weiß wie vielen Teilen, denn auf der Empore der Pasinger Stadtkirche wird in den kommenden Tagen nun erst einmal eine Hälfte des Instruments aufgebaut, links von der großen Rosette, die zweite Hälfte kommt mit dem nächsten Großtransport aus Sachsen. 3843 Orgelpfeifen, ein Spieltisch mit drei Manualen, der aussieht wie das Cockpit eines Jets, 47 Register mit für den Laien eindrucksvoll klingenden Namen wie "Waldflöte", "Unda maris" oder "Tuba Miriam". Kirchenmusikdirektor Thomas Fischaleck muss es schon gewaltig in den Fingern jucken, doch an diesem Morgen hat sich der Organist von Maria Schutz Arbeitshandschuhe übergezogen und hilft nun dem Eule-Team dabei, die Teile des lang ersehnten Instruments in die Kirche zu tragen. Es ist ein großes inneres Glockenläuten wie bei einem Hochamt, das da bei Thomas Fischaleck und Claudia Hoffmann gerade stattfinden muss. Durch die FFP2-Maske strahlen die beiden Mitglieder des Orgelbau-Vereins Maria Schutz um die Wette mit Pfarrer Emslander. War es doch ein weiter, mitunter mühsamer Weg bis zu diesem Vormittag. 2007 hatte man sich in der Pfarrgemeinde entschieden, dass es wirtschaftlich kaum Sinn machen würde, die alte Orgel, Baujahr 1968, zu sanieren. Für nahezu das gleiche Geld könne man ein neues Instrument anschaffen. Seitdem befand sich der Verein im Spendenmarathon. Was hat man nicht alles unternommen, um nun mit einer stattlichen Summe von 389 000 Euro zur Finanzierung des insgesamt circa 1,2 Millionen Euro teuren Orgelneubaus beitragen zu können, die letztlich von der Kirchenstiftung von Maria Schutz aufgebracht werden muss. Da wurde Or- gel-Wein beim Orgel-Heurigen verkauft, "Orgel-Senf", "Orgel-Essig", "Orgel-Christbäume". Und natürlich die Pfeifenpatenschaftsaktion für das komplette Register der neuen Orgel, die nun immer noch weiter läuft (www.orgelbau-verein-pasing.de).

Orgellieferung für Maria Schutz in Pasing.

Über das neue Instrument freuen sich (von links): Pfarrer Alois Emslander, Orgelbauer Dirk Eule, Claudia Hoffmann vom Orgelbau-Verein sowie Organist Thomas Fischaleck.

(Foto: Catherina Hess)

Einige Mitglieder, erzählt Claudia Hoffmann, wären angesichts der langen Wegstrecke hin und wieder schon etwas verzagt gewesen. Doch ein Besuch in der Eule-Werkstatt, wo das Instrument schon mal zur Probe aufgebaut war, habe die Stimmung doch erheblich gehoben. Seit beinahe 150 Jahren werden im Familienunternehmen Orgeln gefertigt, immer maßgeschneidert für den Raum, den sie später zum Klingen bringen. Über 30 000 Arbeitsstunden werde man am Ende in das neue Pasinger Instrument gesteckt haben, sagt Orgelbauer Dirk Eule. Wenn erst mal alle Teile angeliefert sind, folgt die Intonation, nach und nach wird jedes Register, jede Pfeifenreihe eingebaut. Große Tuchballen werden in diesem Prozess über die Bänke geworfen, um die Akustik eines voll besetztes Hauses zu simulieren. Eule nennt das "unsere stille Gemeinde".

Wann die sehr lebendige Gemeinde von Maria Schutz wieder zahlreich die Kirchenbänke füllen wird, um ihren Organisten Thomas Fischaleck am neuen Instrument zu erleben? Im Herbst, Winter oder gar erst im kommenden Frühjahr? "In jedem Fall wollen wir eine große Einweihung, als Live-Stream mit 70 Leuten funktioniert das nicht, da warten wir dann lieber noch ein wenig", sagt Claudia Hoffmann.

© SZ vom 28.04.2021
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