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Pasing:Der Patriarch und die Kunst

Aus Büchern, Briefen und Notizen hat die Pasinger Malerin und Bildhauerin Sinda Dimroth die ungewöhnliche Familiengeschichte des Sammlers Hermann Bode rekonstruiert. Ein biografischer Roman über ihren Großvater

Von Annette Jäger, Pasing

Er hatte schlohweißes Haar, trug einen cremefarbenen Leinenanzug, dazu ein weißes Hemd mit grauer Krawatte, die mit einer goldgefassten Perle festgesteckt war. Am Ringfinger steckte neben dem Ehering ein eindrucksvoller Brillantring, mit Reepschnur und Schekel war eine Taschenuhr am Gürtel befestigt. So erinnert sich die Enkelin an das Auftreten ihres Großvaters Hermann Bode in den 1950er Jahren. Er führte ein strenges Regiment: Zu Tisch setzte man sich erst, wenn der Großvater Platz genommen hatte. Man saß aufrecht und gerade, gesprochen hat man als Kind nur, wenn man dazu aufgefordert worden ist. Hier, bei einem Sommerbesuch im Familiensitz der Bodes in Steinhude bei Hannover, nimmt eine spannende und schillernde Familiengeschichte ihren Anfang. Im Mittelpunkt steht Hermann Bode: ein Patriarch durch und durch, aber vor allem ein renommierter Kunstsammler, der im Laufe seines Lebens über 100 Werke der Moderne und der Abstrakten Kunst erwarb, der mit Paul Klee, Wassily Kandinsky, Emil Nolde, El Lissitzky und Kurt Schwitters persönlich in Kontakt stand und sich mit dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius austauschte.

Aufgeschrieben hat die Geschichte die Enkelin, die in Pasing lebende Künstlerin und Bildhauerin Sinda Dimroth, die sich im Buch einen anderen Namen gegeben hat. Der biografische Roman "Die Kunst ist das Einzige, was bleibt" ist im Frühjahr im Verlag buch&media erschienen. Das Buch sollte von Anfang an mehr werden als ein Lebensporträt des bedeutenden Großvaters. "Ich wollte über Kunst schreiben", sagt Dimroth, Jahrgang 1947. Die Familiengeschichte um den kunstaffinen Großvater, den sie 26 Jahre lang erlebte, bot sich an. Dimroth ließ sich beim Schreiben von einer Frage leiten: Ist die Kunst ein Spiegel der jeweiligen Zeit, und werden gesellschaftliche Veränderungen in den Kunstwerken sichtbar?

Großvaters Hermann Bode, Kunstsammler und Industrieller

Hermann Bode präsentierte Wassily Kandinskys "Diagonale" einst in seinem Arbeitszimmer. Die Heirat mit der Pelikan-Erbin machte den gelernten Zahnarzt finanziell unabhängig.

(Foto: Privat)

Bei ihrer Recherche habe sie auf "unvorstellbar viel Material" zurückgreifen können. Der Großvater war gelernter Zahnarzt, gab den Beruf aber auf, als er sich das als Ehemann seiner zweiten Frau Ilse Beindorff, Erbin des Familienunternehmens Pelikan, finanziell leisten konnte. Seit Mitte der 1930er Jahre widmete er sich als Privatgelehrter neben der Kunst der Philosophie, Astrologie und Musik, schrieb selbst Bücher und unendlich viele Briefe, hielt Vorträge, schrieb seine Gedanken in Schulheften auf, die er säuberlich abtippte und den Enkelinnen mit Widmung versehen schenkte. Auch auf ein Buch mit Aphorismen konnte Dimroth zurückgreifen. Aus diesen Puzzleteilen setzt die Autorin ein dichtes, detailliert recherchiertes Stück Zeit-, Kunst- und Familiengeschichte zusammen.

Das Buch spannt den großen Bogen von der Geburt Bodes im Jahr 1882 weit über seinen Tod im Jahr 1973 hinaus, bis zum Verkauf der Kunstsammlung Ende der 1990er Jahre. Dimroth schildert den Aufbruch in die Kunstepoche der Moderne, geht auf die Beziehung von Philosophie und Kunst ein, erzählt vom Sammeln von Kunst und deren Wertentwicklung, sie schlägt das Kapitel Raubkunst auf und gibt Einblick in die Firmengeschichte des Familienunternehmens Pelikan. Immer wieder flicht sie Dialoge zwischen Großvater und Töchtern oder Künstlern ein, die sie aus Originalzitaten aus dem Nachlass zu fiktiven Gesprächen konstruiert.

Wassily Kandinsky
Diagonale

Schmuckstücke eines Sammlerlebens: Kandinskys "Diagonale".

(Foto: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover)

Die Familie Bode lebte ein privilegiertes Leben. Der Familienpatriarch konnte sich, in edle Stoffe gehüllt, der Kunst und Kultur widmen, während vor der Tür gesellschaftliche Umbrüche im Gange waren, die Nationalsozialisten aufstiegen und zwei Weltkriege ihren Lauf nahmen. Ganz unversehrt blieb auch die Familie Bode nicht, der Großvater verlor den eigenen und den Stiefsohn im Krieg, was ihn in bodenlose, lang anhaltende Traurigkeit stürzte.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann Bode, Kunst zu kaufen. Die Gründung der Kestner Gesellschaft 1916 in Hannover, die bis heute zu den größten deutschen Kunstvereinen zählt, war dabei von zentraler Bedeutung. Bode begann, die Moderne zu sammeln. Ein Großteil seiner Sammlung generierte sich aus Bildern, die er in Ausstellungen erwarb, die die Gesellschaft kuratierte. Bode fühlte sich angezogen vom experimentellen Stil der jungen Künstler. Er glaubte an den großen Aufbruch, eine neue Zeit. Sinnbildlich dafür stehen zwei Werke, die er erwarb: "Proun 30 T", ein Werk des russischen Konstruktivisten El Lissitzky, eine Arbeit, die für Bode eine zeichnerische Entsprechung zur Musik war und das Cover des Romans schmückt. Und Kandinskys "Diagonale", ein Bild, das Bode besonders berührte, er war überhaupt beeindruckt von der expressiven Wucht des Künstlers. Beide Bilder sind heute im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen.

El Lissitzky
Proun 30 t
1920

Bode hielt auch El Lissitzkys "Proun 30 T" in seinem stattlichen Bestand.

(Foto: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover)

Bode kannte viele Künstler, deren Werke er sammelte, persönlich. Er machte Atelierbesuche bei Kandinsky, empfing Nolde in seinem Haus, stand mit Schwitters und Lissitzky in Austausch und traf den Bauhaus-Architekten Walter Gropius. Von ihm inspiriert, baute er der Familie in Steinhude ein eigenes Bauhaus, als die Welt bereits an der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg stand. An den Wänden des modernen Hauses aus viel Glas und Stahl hing die gesammelte Kunst, Kandinskys "Diagonale" fand im Arbeitszimmer einen Platz, Werke von Klee zierten die Wände in den Kinderzimmern. Fortan musste sich die Familie stilgerecht in Weiß kleiden, "es machte sich ästhetisches Elitedenken breit", schreibt Dimroth. Manches Bild an den Wänden hatte auch auf unkonventionelle Weise in die Sammlung gefunden. Gegen ein Landschaftsbild von Emil Nolde etwa hatte der Zahnarzt Bode dem Künstler und seiner Frau Ada die Zähne repariert.

In den 1960er Jahren dokumentierte Bode seine Sammlung von über 100 Bildern und Skulpturen unter dem Titel "Kunstsammlung Bode", sie sollte ihn überleben. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Nach seinem Tod wurde die Sammlung zunächst zwischen der Witwe und den Töchtern aufgeteilt, die Nacherben - die Enkel - verkauften sie. Dimroth gewährt hier Einblicke in die schillernde und zum Teil abgründige Welt des Kunsthandels.

Fünf Jahre hat Dimroth an dem Großvater-Werk gearbeitet. Ihre Leitfrage, ob Kunst ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels ist, kann sie heute mit "Ja" beantworten, "weil wir uns selbst in der Kunst wiederfinden und begegnen können." Gerne hätte sie den großen Bogen im Buch noch weiter gespannt, sagt sie, zu den ganz aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen, die unter anderem der Klimawandel und auch die Corona-Pandemie bewirken und der Frage, wie diese sich in der zeitgenössischen Kunst niederschlagen. Doch das, sagt Dimroth, wird dann ein anderes Buch.

Sinda Dimroth, 2018

Literarische Erinnerungen an den Großvater: Sinda Dimroth, Pasinger Malerin und Bildhauerin.

(Foto: Robert Haas)

"Die Kunst ist das Einzige, was bleibt", ein biografischer Roman von Sinda Dimroth,, buch&media Verlag München.

© SZ vom 31.07.2020

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