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Pasing:Anno 1919

Überlebenswille: Die Kleinanzeigen in der Pasinger Zeitung dokumentieren, wie sich das Alltagsleben in den ersten Monaten 1919 zu sortieren beginnt.

(Foto: Pasinger Archiv)

Wie erlebten die Menschen das erste Friedensjahr nach dem Weltkrieg? Das Pasinger Archiv zeigt, dass in Kleinanzeigen viel Zeitgeschichte steckt

D ie wichtigsten Nachrichten findet man nie auf der Titelseite, lautet eine Weisheit aus den besseren Tagen des Zeitungsmachens. Womöglich haben ihn Lokalreporter erfunden, um sich selbst etwas bedeutender zu fühlen gegenüber den Kollegen der superbedeutenden Ressorts. Im aktuellen Heft, Ausgabe 2019, des Pasinger Archivs wird der Beweis angetreten, dass auch in einer Zehn-Zeilen-Meldung oder einer Kleinanzeige viel Zeitgeschichte stecken kann. Das Team um Thomas Hasselwander und Manuela Merl hält seine Lupe diesmal auf das erste Friedensjahr nach dem verheerenden Weltkrieg. Die Ortsarchivare haben die Ausgaben der Pasinger Zeitung aus dem Jahr 1919 durchblättert - bis zum 28. August, denn an diesem Tag erschien die letzte Ausgabe des kleinen Lokalblatts.

Die großen politischen Umwälzungen dieses Jahres scheppern in dieser Chronik des Alltags natürlich lautstark mit; etwa wenn in einer Anzeige am 16. Januar ein Auftritt Kurt Eisners im Pasinger Postsaal angekündigt wird, oder wenn Heinrich F. Bachmair am 5. Februar per Bekanntmachung beteuert, weder Spartakisten-Führer noch je überhaupt Mitglied des Spartakus-Bundes gewesen zu sein. Vielsagend ist auch, wenn die Pasinger Zeitung am 26. Februar vermeldet, dass Bachmair vom revolutionären Vollzugsrat Pasing beauftragt wurde, auf ebenjenes Blatt "bis auf weiteres die Vorzensur" auszuüben. "Zur Beruhigung der Bevölkerung" wird in der Zeitung mitgeteilt, dass am Nachmittag des 2. März "ein Probeschießen der republikanischen Schutzwache" stattfindet - mit Maschinengewehren.

So sehr es also in der Zeitung revolutionär dröhnt und kracht, so sehr ist sie auch durchzogen von den kleinen und oft auch sehr großen Alltagskümmernissen der Menschen damals, die enorme Entbehrungen auszuhalten haben. Da wird am 3. Januar 1919 der Leserschaft dringend angeraten, sich auf die Kundenliste der Gemeinde für Eier setzen zu lassen, da bald eine Eierverteilung durch die Kaufleute anstünde. Am 4. Januar kritisiert die Redaktion das städtische Lebensmittelamt Pasing. Bei der Verkaufsstelle für Wildfleisch gehe es in der Warteschlange jedes Mal so rabiat zu, dass zumeist die körperlich Robusteren zum Zuge kämen und die Schwächeren das Nachsehen hätten. Am 8. Januar vermeldet das Blatt, dass das Hasen-Diebe-Trio wieder zugeschlagen hat, diesmal hätten sie aus einem Stall in der Poststraße eine Mutterhäsin mitgehen lassen - und sofort verkauft.

Die Versorgungslage ist im ersten Friedensjahr noch so schlecht, dass die Tat der Hasendiebe schwer wiegt. Für Kranke, gibt die Zeitung bekannt, müssen im Frühling 2019 die Lebensmittelzuweisungen eingeschränkt werden. Die Kohleknappheit bringt den Fortbetrieb der Kriegsküche in Gefahr. Nahezu alles scheint es nur gegen Bezugsmarkten zu geben. Offizielle Verteilungstermine für Käse, Zucker, Marmelade oder - welcher Luxus - echten Bohnenkaffee und amerikanischen Speck werden über Anzeigen in der Pasinger Zeitung in der Welt verbreitet. Am 1. April 1919 heißt es, und die Menschen damals haben es gewiss nicht als Aprilscherz gelesen: "Zur Vermeidung von Missverständnissen wird bekannt gegeben, dass Schokolade oder Schokoladenpulver nur für Kinder bis zu zwei Jahren abgegeben wird."

Recycling ist das Motto der Stunde, auch wenn das Wort damals wohl noch nicht erfunden war. Die Hausfrauenvereinigung Pasing bietet Strumpfflickkurse an. Die Verlagsanstalt Paul Fiebig, in der auch die Pasinger Zeitung erscheint, veröffentlicht ein Anleitungshefterl. Per leicht verständlichem "Lehrgang" vermittelt es die "Selbstverfertigung häuslichen Schuhwerks für Kinder und Erwachsene" aus allerlei Resten. Viel Nützliches wechselt per Kleinanzeige seinen Besitzer, ein Ziegenbock, eine Stehwaschmangel oder eine Drehorgel mit circa 40 Musikstücken. Ob sich aber ein Käufer gefunden hat für einen Offiziersrock, "neu, für schlanke Figur" zum Preis von 60 Mark?

Die Kriegsheimkehrer. Im März informiert die Pasinger Zeitung, dass "aus Feindesland zurückgekehrte Kriegsgefangene" vor ihrer Entlassung eine zehntägige Quarantäne im Lager Lechfeld durchzumachen haben. Um ihnen über "die öde Wartezeit" hinwegzuhelfen, soll die Bevölkerung Bücher spenden. Viele melden sich in dieser Zeit per Annonce "aus dem Felde zurück". Dekor-Maler Hans Hofmann hat seinen Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen und hofft ebenso auf Kundschaft wie Dr. Paul Hösch auf Patienten, er praktiziert vorläufig im Gatterburg-Palais. Leute wie Hösch oder Hofmann gehören zu den Glücklicheren. Ein Heer ehemaligen Weltkriegsteilnehmer steht vor dem Nichts, schlägt sich als Tagelöhner durch, bettelt. Entrüstet macht die Pasinger Zeitung darauf aufmerksam, dass man in der Straßenbahn nach München nicht mit dem Pasinger Notgeld bezahlen kann, weil der Münchner Magistrat dies ablehne. Aus Pasinger Sicht sei das als "unfreundlicher Akt" aufzufassen. Zumal die Pasinger auf die Fahrt mit der Tram angewiesen sind. Seit 1908 gibt es die Linie, die 1919 im 15-Minuten-Takt (!) verkehrt und die Vorstädter nach München schaufelt, vielleicht findet sich dort Arbeit, eine Perspektive.

Die Pasinger Zeitung ist in jenen Jahren aber auch der Postillion für die winzigen Freuden, die den harten Alltag für die Menschen ein klein wenig erträglicher machten. Da ist die Rede von einem "bunten Abend mit Tanzunterhaltung" des Pasinger Turnvereins im Gasthof zur Post. Einem Herrn Busch wird vom Pasinger Rathaus im April genehmigt, wieder Tanzunterricht anzubieten, Das Pasinger Marionetten-Theater spielt "Ritter Blaubart", und die Marienlichtspiele zeigen einen Henny-Porten-Film. Im Sommer 1919 drängen sich die Menschen in den Pasinger Würmbädern. Die Sittlichkeitswächter im Stadtrat machen weibliche Personen aus, die es von München nach Pasing nicht nur zum Baden, sondern zu "bestimmten unzweideutigen Zwecken" ziehe. Und im August schließlich, in einer der letzten Ausgaben der Pasinger Zeitung, wird davon berichtet, dass der Ausschank von Limonade abgelehnt werde. Limonaden seien "mindestens nicht gesünder als das jetzige Bier".

Pasinger Archiv 2019, 38. Ausgabe, 96 Seiten, 144 Abbildungen, erhältlich im Buchhandel zum Preis von 11,50 Euro oder direkt zu bestellen unter pasinger.archiv@t-online.de