Partnerschaftsstudie Pairfam Auf der Suche nach der Glücksformel

Wenn es ein Rezept für die Liebe gibt, dann hat Sabine Walper gute Chancen es zu finden. Die Pädagogikprofessorin erforscht in der größten deutschen Partnerschaftsstudie das menschliche Zusammenleben und macht dabei so manche überraschende Entdeckung.

Von Anna Fischhaber

Gibt es ein Rezept für eine glückliche Beziehung? Wie viel Streit, wie viel Autonomie braucht eine Partnerschaft eigentlich? Wie viel Erotik? Und kann man solche emotionalen Fragen überhaupt wissenschaftlich beantworten? Sabine Walper versucht es. Sie ist Professorin für Pädagogik an der LMU und arbeitet für das Deutsche Jugendinstitut, im Auftrag der Kanzlerin beschäftigt sie sich mit der Zukunft des Zusammenlebens der Deutschen. Und sie leitet das Pairfam-Ressort Paarbeziehungen.

"Das Wichtigste sind vielleicht die Erwartungen an den Partner": Sabine Walper, Professorin der LMU, in ihrem neuen Büro im Deutschen Jugendinstitut in Haidhausen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Pairfam ist das größte Projekt, das die deutsche Forschung in den Sozialwissenschaften fördert - seit 2008 werden mehr als 12.000 Männer und Frauen zu ihrem Liebes- und Familienleben in unterschiedlichen Lebensphasen befragt. 14 Jahre lang, jedes Jahr aufs Neue. Bei der Studie geht es nicht mehr nur darum, was Beziehungen scheitern lässt, sondern vor allem um das, was zufriedene Paare richtig machen. Manche Fragen sind durchaus intim - dann lassen die Interviewer die Testpersonen ihre Antworten selbst in den Rechner tippen.

Einiges haben Sabine Walper, 55, blond, zierlich, schwarzer Hosenanzug, große Brille, und ihr Team bereits herausgefunden. Etwa dass Jugendliche keineswegs so "sexuell verwahrlost" sind, wie es manche Berichte nahelegen. Dass sie ihre Partner in den meisten Fällen den Eltern vorstellen und ebenso (un-)glücklich sind in ihren Beziehungen wie Erwachsene, nur deutlich unsicherer. Dass Seitensprünge längst kein Exklusivrecht der Männer mehr sind. Und dass positive Erwartungen an den Partner zu einer glücklicheren Beziehung beitragen, während Ängste empfänglich machen für Unterstellungen und damit für Streit.

Irgendwann, so die Hoffnung, sollen sich in den Millionen Daten Muster erkennen lassen. Eine ultimative Glücksformel wird Sabine Walper wohl zwar auch nach Abschluss der Studie nicht in den Händen halten - auch wenn im Spiegel einst über ihr Büro an der Münchner Leopoldstraße stand, von hier aus werde die Wahrheit über die Liebe in Deutschland erforscht.

"Das ist schwierig." Sie überlegt. Das tut sie selten, meist hat sie die Antwort sofort parat. Immerhin kann sie einen Rat geben, wie Liebe auf Dauer gelingen kann. Mit romantischen Klischees haben ihre Studienergebnisse allerdings nur wenig zu tun. "Das Wichtigste sind vielleicht die Erwartungen", sagt Walper. Wer emotionalen Rückhalt in einer Beziehung sucht und gleichzeitig eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, werde in der Regel glücklicher. "Schwieriger wird es, wenn es finanzielle Erwartungen an den Partner gibt", sagt sie. "Sich nach oben lieben, dieser Traum erfüllt sich in Deutschland nur selten - und tut der Beziehung auch nicht gut."

Es ist nicht leicht, Sabine Walper zu treffen, die Frau ist viel beschäftigt seit sie ihre Mission gefunden hat. Die Düsseldorferin, die seit 1989 in München lebt, will die Partnerschafts- und Familienforschung in Deutschland auf international konkurrenzfähige Beine stellen. "Bei uns gibt es viele Theorien, aber tragfähige Daten gab es lange nicht", sagt sie. "Aber wie heute Partnerschaften aussehen und wer sich überhaupt noch wann und wie für Kinder entscheidet, das sind doch alles brennende Fragen, die auch für die Politik interessant sind."

Gerade ist die 55-Jährige zusätzlich zu ihren vielen anderen Projekten und Posten in wissenschaftlichen Gremien Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut geworden. Ihr neues Büro in der Nockherstraße in Haidhausen ist bis auf einen Schreibtisch mit Computer leer, die Kisten stehen noch bei der LMU. Doch Walper braucht keine Notizen um zu erzählen, sie hat alles im Kopf. An Partnerschaften interessiert sie besonders, wie die sich auf den Nachwuchs auswirken. Sabine Walper ist über die Themen Kinderarmut und Scheidung zur Liebe gekommen. "Ich möchte, dass das, was ich herausfinde eine Relevanz in der Praxis hat", sagt sie.

"Das war politisch ganz schön brisant"

Mit ihren Forschungsergebnissen hat sie sich allerdings nicht immer beliebt gemacht. Etwa als sie feststellte, dass manchmal der Kontaktabbruch zu Mutter oder Vater nach einer Scheidung für ein Kind gesünder ist als die Zerrissenheit zwischen streitenden Eltern. "Das war politisch ganz schön brisant, weil die Gutachter dafür nur wenig sensibilisiert waren und Bemühungen der Gerichte darauf abzielten, den Kindern den Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil zu erhalten."

Oder dass Kinder von Alleinerziehenden in Deutschland sich trotz finanzieller Nachteile nicht schlechter entwickeln als solche, die mit beiden Eltern aufwachsen. Inzwischen geben ihr sogar die Pisa-Untersuchungen recht: Demnach ist die Familienstruktur für schulische Kompetenzen eher unbedeutend.

Sabine Walper war selbst eine Weile alleinerziehend, nachdem sie mit 35 ein Kind bekommen hat. "Ich bin die typische späte Akademikermutter", sagt sie. Inzwischen hat sie zwei Söhne und einen Mann, die Familie lebt in der Maxvorstadt. Aus dem Beruf ausgeschieden ist Walper wegen der Kinder nie wirklich. "Meine Söhne haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass ich viel arbeite", sagt sie. "Manchmal müssen sie mir sagen, dass ich mehr schlafen soll. Das sind natürlich verdrehte Rollen." Sie lacht. Ihr Mann, Professor an der Akademie der Bildenden Künste, hat sich immer viel um die Kinder gekümmert. "Er war die Konstante zu Hause."

Diese Familie ist damit trotz aller Emanzipation nicht der Regelfall in Deutschland. Auch das hat die Studie Pairfam schon ergeben. Sabine Walpers Beziehung scheint das allerdings nicht geschadet zu haben, sie ist inzwischen seit 15 Jahren verheiratet.