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Papiermüll:"Luft abzuholen ist nicht wirklich sinnvoll"

Papiermüll, Zamdorferstraße 16-18 bei der Firma Remondis Trade and Sales

Vor ein paar Jahren landeten noch viele Kataloge im Papiermüll, heute sind es viele Kartons.

(Foto: Florian Peljak)

Rein gewichtsmäßig produzieren die Münchner weniger Papiermüll als vor zehn Jahren. Doch weil sie immer mehr im Internet bestellen, verstopfen Pakete die Tonnen. Das macht der Müllabfuhr zu schaffen.

Kaum einer kennt diesen Ort, aber den Männern ist das ganz recht. Es ist laut. Glas klirrt nicht, es kracht. Papier raschelt nicht, es rattert. Nach oben, immer weiter nach oben, in den Schlund einer Maschine, die aus dem Papier schwere Würfel presst. Die acht Männer überwachen den Hof, verladen die Würfel. Sie schieben das Papier zusammen, auch das Glas, das Plastik. Sie laden all das in noch größere Container, fahren die Container hinaus aus der Stadt. "Ja, es ist mehr geworden", sagt Josef Prukker.

Kaum einer in München kennt diesen Ort. Aber Josef Prukker und die Männer, die hier arbeiten, kennen die Münchner ganz gut. Jeden Tag nämlich blicken sie auf das, was von ihrem Leben übrig bleibt, in ihren Müll. Ein alter Teppich. Ein Playboy. Ein Schnuller. Eine Mahnung vom 23.8.2017. Ein neuer Rucksack. Wer nicht glaubt, dass die Menschen zu viel kaufen, der muss nur auf diesen Hof gehen. Dann sieht er es. Jeden Tag fahren 185 Müllwagen durch die Stadt, zweimal kippen sie aus, was sie mitgenommen haben, einen Teil auf diesem Hof in der Zamdorfer Straße, im Osten von München.

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Auf dem türmt sich der Müll, und spätestens dort versteht man, dass "wegwerfen" ein recht euphemistischer Begriff ist. Weg ist der Müll nicht. Er liegt nur woanders. Bei Josef Prukker und seinen Männern zum Beispiel. Prukker ist Betriebsleiter auf diesem Hof; er ist 56 Jahre alt, trägt eine orangefarbene Weste. Und wenn er sagt, "es ist mehr geworden", meint er nicht die 567 448 Tonnen Müll pro Jahr in der Stadt, die ungefähr so viel wiegen wie vier Schiffe in den Dimensionen einer Queen Mary 2. Vor zehn Jahren waren es ungefähr genauso viele Tonnen, sogar noch ein wenig mehr. Prukker meint die Verpackungen.

Ganz hinten auf dem Hof liegt ein Haufen Papier, neben dem der sehr große Josef Prukker plötzlich sehr klein aussieht. An diesem Morgen ragt der Haufen vielleicht vier Meter in die Höhe. Vor ein paar Jahren hätten sich darin noch viele Kataloge gefunden, heute sind es viele Kartons. Sehr viele. "Früher waren's auch mehr Zeitungen und Zeitschriften", sagt Prukker. "Früher" heißt vor 30 Jahren, als er auf diesem Hof anfing, den damals noch eine andere Firma betrieben hat, als die Remondis Trade and Sales GmbH.

Damals gab es auch noch keine Biotonne, keine Papiertonne. Dann aber zogen die Grünen in den Bundestag ein, die Bioläden in die Stadtviertel und von 1994 an standen in München drei Tonnen vor den Häusern: Schwarz für den Restmüll. Braun für den Bioabfall. Blau für das Papier. Seitdem hat der Müll seine Ordnung, auch jetzt auf diesem Hof, vorne das Glas. Weiß, braun, grün. Hinten das Papier. Geschreddert, nicht geschreddert. Das Paradoxe ist nur, dass noch nie so viele blaue Tonnen in der Stadt standen wie heute, und auch wenn der Haufen auf diesem Hof noch immer hoch ist, kommt gleichzeitig viel weniger Papier zusammen als noch vor zehn Jahren. Das hat viel damit zu tun, wie die Menschen in München heute einkaufen. Wie sie wegwerfen.

Ruft man beim Kommunalreferat an, das für den Abfallwirtschaftsbetrieb und damit für den Müll in der Stadt zuständig ist, sagt der Chef Axel Markwardt (SPD): "In den vergangenen zehn Jahren hat das Gewicht vom Papiermüll um etwa 15 Prozent abgenommen, gleichzeitig wurden rund 33 Prozent mehr Volumen gesammelt". Das heißt: Weniger Papiermüll braucht mehr Platz.

Immer mehr Menschen bestellen im Internet, und immer mehr Pakete verstopfen die Tonnen. Kaum einer nämlich zerkleinert die sperrigen Verpackungen, manchmal also sind die Tonnen nun mit mehr Luft gefüllt als mit Müll. Das ist einerseits gut. Waren es vor zehn Jahren 105 000 Tonnen Papier, sind es heute noch 92 000 Tonnen in einem Jahr. Andererseits heißt es bei den Abfallwirtschaftsbetrieben aber auch: "Luft abzuholen ist nicht wirklich sinnvoll".

92412 Tonnen

Papiermüll kamen in einem Jahr in München zusammen. In die blaue Tonne gehören Papier, Pappe und Karton - kein beschichtetes Papier. Wer sein Papier in die Restmülltonne schmeißt, verhindert, dass es recycelt wird. Wenn die Papiertonne zu schnell voll ist, stellen die Abfallwirtschaftsbetriebe kostenlos mehr auf.

Alle zwei Wochen stehen die Müllwagen vor den Häusern der Stadt, um die blauen Tonnen zu leeren. Die Arbeiter kippen dann das Papier in ihre Wagen, das Papier aus dem Wagen wiederum auf Höfe, wie den in der Zamdorfer Straße. Die Männer auf diesen Höfen verladen den Müll in größere Container, fahren die zu den sogenannten Sortieranlagen, meist außerhalb von München, wo das Papier von dem getrennt wird, was kein Papier ist. Der Rest kommt in die Fabriken, in Becken voller Lauge, voller Säuren und wird am Ende zu neuem Papier.

Die Stadt verdient daran, sie verkauft das Papier, das sie einsammelt. Der Umweltschutz aber sei wichtiger, heißt es bei den Abfallwirtschaftsbetrieben. Man wolle möglichst wenig Papier abholen - das Problem sei jetzt aber, dass man mehr Fahrten mache, als eigentlich nötig seien. Es braucht heute zwar nicht mehr so viel Energie, um Papier herzustellen, wie Anfang der Neunzigerjahre, für eine Tonne um die zwei Megawattstunden, es waren einmal mehr als drei - dafür aber stellt die Industrie mehr Papier her, mehr Kartons.

An nur einem Tag werden in Deutschland im Schnitt mehr als zehn Millionen Sendungen verschickt, vor allem in den kommenden Wochen vor Weihnachten. Im Jahr sind das mehr als drei Milliarden, so viel, wie in sonst keinem anderen Land in Europa. Und das sieht dann Josef Prukker, im Osten der Stadt, vor einem Haufen aus braunen Kartons.

Wegen der schlecht gefüllten Tonnen müsse zur Zeit niemand fürchten, dass die Müllgebühren steigen, heißt es beim Kommunalreferat. Eine andere Frage aber ist, ob Laster mit Luft durch die Stadt fahren sollten.

Auf den Hof in der Zamdorfer Straße werden gleich die nächsten Wagen fahren, entladen. Weg ist der Müll nicht. Er liegt nur woanders.

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