Zum Tisch werden wir in eine Höhle rot schimmernder Muckeligkeit geleitet. Mit Blick auf eine Wand voller Buddha-Köpfe. Die Einheit der vielen. Sesselige Stühle stützen den Rücken. Schalldämmende Paneele an der Wand nehmen dem Klang die Spitzen. Dennoch sitzt man eng in einer Wolke der Plapperei und freut sich, noch nicht schwerhörig zu sein. Vor uns Karten im Format und Umfang von Bilderbüchern. Das ausufernde gastronomische Angebot ergänzen Textlein zur buddhistischen Lehre und dem Leben des Siddhartha Gautama.
Einst war hier eine griechische Taverne. Vor knapp drei Jahren hat das Padme Hum eröffnet, um ins Schlachthofviertel einen anderen Spirit zu bringen: vegane, asiatische Küche. München ist in diesem Geschmackssegment seit Kurzem dabei, die vegetarisch-vegane Unterversorgung mit Läden wie dem Ha Veggie im Dreimühlenviertel oder dem Akimy im Gärtnerplatzviertel auszugleichen. Bei unseren zwei Besuchen unter der Woche war das Padme Hum rappelvoll. Das Publikum streift oft die Grenze zur Jugendlichkeit. Tische werden in Zwei-Stunden-Slots gebucht. Wer zu früh kommt, steht ratlos herum, eine Bar gibt es nicht.
Zur Fleischlosigkeit kann man die Alkohollosigkeit gesellen und sich einen Mocktail bestellen. Little Princess für 7,90 Euro kommt mit Glitzerspieß, Orangen- und Melonenscheibe: Limette, Minze, Ananassaft, Ginger-Ale und Honigmelonensirup: die süße Seite des Lebens. Sie lieben hier Granatapfelkerne, Farbtupfer, die gerne mal die Trinkhalme, natürlich aus Papier, verstopfen. Bei der Korianderlimo (6,90) bemüht man sich, Koriander zu schmecken, was unsere Bedienung umgehend bemerkt und uns zusätzliche Grünstängelchen ins Glas mischen lässt. Eine tolle Serviceleistung.
In der kleinen Küche, aus der es dampft, wird nicht meditierend das Bewusstsein erweitert. Hier wird geschuftet. Schon steht die Vorspeise auf dem Tisch. Der Favorit: ein Pfannkuchen, mit Kokosmilch, Erdnuss, Sojasprossen, Saitan, Tofu und Röstzwiebeln (11,90). Knusprig, wie die Karte verspricht, ist er nicht, eher ein wenig ölig, geschmacklich aber mit dem würzigen Saitan und frischen Sprossen ein rundes Erlebnis. Zwiespältig die vegane Variante des vietnamesischen Nationalgerichts (8,90), bei dem ursprünglich Hackfleisch in Betelblätter gewickelt wird. Hier sind die Tofustreifen etwas trocken geraten, die Betelblätter aber rascheln knusperfein.

Den grünen Papayasalat (10,90) hat man schon spektakulärer erlebt, die Schärfe der Chilisoße ist europäisch mild. Aber die Papaya knackt, und der Tofu fügt sich nett ins Bild. Auf den zähen Saitan könnte man verzichten. Die gedämpften Teigtaschen aus Reismehl (7,90) sollen mit Gemüse, Pilzen und Tofu gefüllt sein. Beim Sezieren der Bällchen erkennt man in der weißen Masse Karottenstückchen, zu wenige, um der teigig, klebrigen Konsistenz Biss zu verleihen.
Die Kombination von Buddhismus und Veganismus, nebenbei, ist für viele Buddhisten nicht zwingend. Hier aber wird die Vision inszeniert, dass vegane Gerichte anstandslos die Tierischen ersetzen können. Eine klassische Pho Bo mit Knochenbrühe und Rindfleisch, ist daheim einfach zu kochen und eignet sich mit Bergen von Kräutern, um Gäste zu beeindrucken. Jetzt also: Pho Chua – eine Reisbandnudelsuppe mit Bällchen mit Pilzfüllung (18,90). Toll. Kein Ersatz, sondern in sich geschmacklich überzeugend mit einer kräftigen Gemüsebrühe in der auch Pilze und ein einsames Brokkoliröschen schwimmen.

Zum Nachbau des Tierischen: gebratene Reisbandnudeln mit veganem Rindfleisch (19,90). Vom Biss her kommt das nah ran. Der Teller hat mit Pilzen, Zucchini, Brokkoli, Paprika, Sellerie, Karotte und einem etwas deplatzierten Auberginenstück einen schönen Gemüseanteil. Gegrillter veganer Schweinebauch auf Reisnudeln (19,90): verrückt. Hier kommt ein Wammerl, schichten sich gelierte Masse und Fleischersatz in dicken Scheiben. Beißt sich erstaunlich echt. Die Marinade gibt Umami. Grillaromen aber sucht man vergeblich. Die Nudeln sind sehr weich, schwimmen in einer suppigen Soße, die bald auch das Vegi-Schwein zu Schwämmchen macht. Enttäuschend sind die Gummibällchen, vegane Jakobsmuscheln der Vorspeise (9,90). Sie bekommen erst durchs Chili-Majo-Dipping Geschmack.
Zwischenbefund: Jeder Teller kann anstandslos instagegramt werden. Mit Rettichspiralen, die sich zu Aufbauten türmen, und Salat wird die Liebe zum Ornament ausgelebt. Geschmacklich stört das nicht weiter.
Der gegrillte, marinierte Tofu auf Reisnudeln (17,90) ist als Teller ganz ähnlich strukturiert wie der Schweinebauch. Gerichte werden nach dem Baukastensystem zusammengesetzt – diese Bowl wurde eher zusammengeworfen. In der Masse zu weicher Nudeln in kaltem Dressing, verstecken sich große, labberige Tofustücke, die ihre Zeit auf dem Grill schon länger hinter sich haben. Da schmeckt man den Küchendruck und will ungern aufessen. Die reizende Bedienung bemerkt’s, und das Gericht wird sehr korrekt, von unserer Rechnung gestrichen.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Schwarze Klebreis mit Kokosnussmilch, Mungbohnen und Sesam zur Nachspeise (8,90) mit seinem an eingeweichtes Getreide gemahnenden Geschmack. Leichtgängiger die Mango im knusprigen Klebreismantel mit Kokosmilch cremig übergossen (8,90).
Die große Überraschung im Padme Hum aber ist ein Teil der Karte, der nichts mit der sonst weitgehend vietnamesischen Ausrichtung zu tun hat: die Sushis. Das wären sie auch ohne das wabernde Trockeneisschälchen und auf die Platte geklebte Plastikdekopalmen. 6,50 kosten die Maki mit Babyspargel. Der Sushireis hat die leichte Säure, die nicht anstrengt – günstige aber auch mäusekleine Häppchen. Ebenfalls für 6,50 bekommt man zwei Nigiri mit Plantuna – veganer Thunfisch. Stolze 18 Euro kostet die Variante Momo: acht Rollen mit Gurke, Spargel, Frischkäse. Verbaut sind hier auch veganer Thunfisch und veganer Lachs. Vor allem der Vegi-Thun hat einen inspirierend zarten Biss. Bei den Sushis kommt die Botschaft überzeugend an: Tier, oder nicht? Wir haben die Freiheit, uns mit jedem Essen zu entscheiden.
Padme Hum, Adlzreiterstraße 16, 80337 München, Telefon: 089/24584517, info@padmehum-munich.de, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 11.30–15 Uhr, Samstag und Sonntag, 12–16 Uhr, täglich 17–23 Uhr
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

