Second Hand Wo das Einkaufen eine lässliche Sünde ist

Christine Steinmann leitet den Verkauf der Sachen aus dem Schaufenster.

(Foto: Catherina Hess)

Im Oxfam-Laden an der Fraunhoferstraße kommen viele Spenden an, die von den Ehrenamtlichen verkauft werden - um Projekte gegen Armut zu finanzieren.

Von Kathrin Aldenhoff

Wenn das alte Leben nicht mehr zu einem passt, dann kann man es in eine Tüte packen und wegbringen. Eine geblümte Yogahose, eine schwarz-grau gestreifte, ungetragene Jeans. Oder auch: ein Brautkleid. In München machen das viele, jeden Tag landen tütenweise Kleidung, Bücher, Geschirr und Schuhe im Oxfam-Shop an der Fraunhoferstraße 6. "Mir ist es wichtig, dass meine Sachen wiederverwendet werden. Das sind schöne Stücke, viel zu schade zum Wegwerfen, nur weil ich sie nicht mehr mag", sagt eine 30-Jährige, die gerade eine große Tüte mit Kleidung abgegeben hat. Mitarbeiterinnen sammeln alle Spenden in großen blauen Kisten und notieren auf einer Strichliste, wie viele sie schon gefüllt haben. An diesem Donnerstagnachmittag: ein Strich bei den Büchern, sechs Striche bei Kleidung.

Der Oxfam-Shop in der Fraunhoferstraße ist einer von vieren in München, im Juli eröffnet der fünfte in Pasing. Der ist dann deutschlandweit der 54. Oxfam-Shop. Alle Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich, knapp 3500 in ganz Deutschland. Und der Verein sucht eigentlich ständig neue Ehrenamtliche. Der 100 Quadratmeter große Laden in der Fraunhoferstraße ist einer der erfolgreichsten bundesweit; es ist der, in dem die meisten Spenden abgegeben werden. Seit sieben Jahren gibt es den Laden, Margot Flößer leitet ihn - ebenfalls ehrenamtlich.

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Im Geschäftsjahr 2017/2018 machten die deutschen Oxfam-Shops einen Netto-Umsatz von 14,2 Millionen Euro. Mehr als 1,7 Millionen Kunden kauften dort ein. Wenn die Mietkosten abgezogen, die Steuern gezahlt und die Mitarbeiter in der Verwaltung bezahlt sind, bleiben 2,45 Millionen Euro. Das Geld fließt in die Hilfs- und Kampagnenarbeit des Vereins Oxfam Deutschland.

Der Jahresbericht zum Geschäftsjahr, das Ende März 2019 endete, ist noch nicht veröffentlicht. Zum ersten Mal seit Jahren sei der Umsatz wohl gesunken statt gestiegen, sagt Susanne Lipka, die bei Oxfam Deutschland hauptamtlich für die Shops zuständig ist. Daran könnte der Skandal um Machtmissbrauch und sexuelle Ausbeutung von Frauen in Haiti und im Tschad schuld sein, der Oxfam vergangenes Jahr erschütterte. Damals seien auch die Spenden in den Shops vorübergehend um zehn bis 15 Prozent zurückgegangen, sagt sie. Obwohl keine Projekte betroffen waren, die von Oxfam Deutschland gefördert wurden. Susanne Lipka sagt, auch die Krise des Einzelhandels könne schuld am Umsatzrückgang sein.

Inzwischen spenden die Münchner wieder. Sie spenden viel, und sie spenden hochwertige Dinge. Noch einmal doppelt so groß wie die Verkaufsfläche sind die Lager- und Sortierräume, und die sind gut gefüllt: Regale voller Gläser und Vasen, ein Raum nur für Lederhosen, Abendroben und Brautkleider, meterweise Bücher. Eine Inventur hat vor kurzem ergeben: 7600 Bücher haben sie hier, 400 Paar Schuhe. An Kleiderstangen hängen weiße und schwarze Hemden, an einer extra Stange die Designerstücke.

Mit dem Gebrauchtwaren-Verkauf wurde ein Geschäftsmodell entwickelt, das anderen Menschen helfen soll.

(Foto: Catherina Hess)

"Wir sammeln auch für Shops, die weniger Spenden bekommen", sagt Margot Flößer. Im Moment packen sie einen Teil der Spenden in Umzugskartons, für den neuen Laden in Pasing. Die Mitarbeiterinnen prüfen vorher, ob alle Reißverschlüsse funktionieren, ob die Kleidung frisch gewaschen und ohne Flecken ist, ob Taschentücher in der Hosentasche stecken. Oder, wie eine Mitarbeiterin flüstert, ein Hundert-Euro-Schein. Auch das komme vor. Wenn der Spender noch im Laden ist, bekommt er ihn natürlich zurück. Dinge, die nicht mehr gut sind, die Flecken haben oder muffig riechen, bekommen die Leute auch zurück.

Die Frauen im Laden können Geschichten erzählen, von Geldtüten in Kinderschuhen, einem Buch mit Geheimfach, voll mit nagelneuen 500-Euro-Scheinen; von gespendeten Hermès- und Gucci-Handtaschen; von teuren Schmuckstücken aus Gold, die einer Frau gehörten, die in ihrer Familie wohl so unbeliebt war, dass nach ihrem Tod niemand ihren Schmuck tragen wollte. Die Geldscheine gaben sie im Fundbüro ab, die Taschen wurden geschätzt und versteigert, der Schmuck verkauft - und davon Hilfsprojekte finanziert.

Eine junge Frau im eleganten langen Mantel schlendert durch den Laden. Sie nimmt eine kleine schwarze Handtasche, hält sie an ihre Seite, blickt kritisch in den Spiegel, stellt sie wieder ins Regal. Sie entdeckt einen karierten Blazer, den probiert sie an. Ein kleiner Junge sucht sich ein Buch über das Weltall aus. Eine junge Mutter mit Kinderwagen, die eigentlich nur einen Jutebeutel mit Spenden abgeben wollte, findet einen Roman, den sie schon lange mal lesen wollte.