Münchens erster Behindertenbeauftragter hört aufSo viele Barrieren im Alltag

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Oswald Utz, mit Glasknochenkrankheit geboren, war zwei Jahrzehnte lang Behindertenbeauftragter der Stadt München. Jetzt hört er auf.
Oswald Utz, mit Glasknochenkrankheit geboren, war zwei Jahrzehnte lang Behindertenbeauftragter der Stadt München. Jetzt hört er auf. Robert Haas

Oswald Utz sitzt im Rollstuhl und hat 20 Jahre lang dafür gekämpft, es Menschen mit Behinderung in dieser Stadt leichter zu machen. Er hatte Erfolge – und musste Rückschläge einstecken. Jetzt geht ihm langsam die Kraft aus.

Von Patrik Stäbler

Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem Parkplatz vor dem Kreisverwaltungsreferat (KVR), die Oswald Utz dieser Tage häufiger erzählt. Nun, da der erste und bislang einzige Behindertenbeauftragte der Stadt München nach 20 Jahren aufhört, wird er oft nach den Herausforderungen im Amt gefragt. Es war 2022, das KVR nach einem Umbau gerade wiedereröffnet worden, und die Behörde rühmte sich für die erreichte Barrierefreiheit, erzählt der im Rollstuhl sitzende Mann – mit einem Lächeln im Gesicht als Vorbote der nahenden Pointe. „Aber es gab noch keinen Rolli-Parkplatz, weil man sich zwischen den Referaten nicht über die Stellplatzablöse einigen konnte“, sagt Utz, worauf sich sein Gesicht verfinstert. „Das war ein Hickhack, das mich wahnsinnig geärgert hat.“

Und so habe er in seinem zweijährlichen Bericht vor dem Stadtrat den Parkplatz-Streit „tropfen lassen“, so nennt es Utz. „Wohl wissend, dass den Oberbürgermeister so etwas verrückt macht.“ Und tatsächlich: Noch in der Sitzung habe der erzürnte Rathauschef Abhilfe angekündigt, und wenige Tage später gab’s vor dem KVR plötzlich einen Behinderten-Parkplatz. „Das war nur ein Kinkerlitzchen“, sagt Oswald Utz. „Aber in dieser Situation war es mir wichtig zu zeigen, wie schwierig es manchmal ist, auch Kleinigkeiten umzusetzen. Und wie anstrengend das mitunter ist.“

Letzteres ist der Hauptgrund, weshalb der 59-Jährige als Behindertenbeauftragter aufhört. Als seine Nachfolgerin steht Daniela Maier bereits fest; Ende Dezember wird Utz sein Büro in der Burgstraße räumen. In selbigem hängt an diesem Vormittag ein Bild einsam an der Wand, auf einem Schrank sieht man ein von Kindern gemaltes Dankesschreiben, der Schreibtisch ist fast leer. Diese karge Einrichtung steht im krassen Gegensatz zu den reichhaltigen Erinnerungen aus 20 Jahren als Behindertenbeauftragter, die Oswald Utz – wohl auch geschult durch zig Medienauftritte – munter und lebhaft zu erzählen weiß.

Eigentlich, sagt er anknüpfend an die Parkplatz-Anekdote, sei es ihm ja nicht darum gegangen, „hier einen Bordstein abzuflachen oder dort einen Aufzug zu fordern“. Vielmehr habe er die grundlegenden Strukturen ändern wollen, um Menschen mit Behinderung in München eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Wer nun behaupte, diese sei doch längst gegeben, „der muss nur mal eine Woche mit irgendeiner Behinderung in der Stadt verbringen“, sagt Utz. „Dann merkt man schnell, wie viele Barrieren es im Alltag gibt.“ Seien es die Treppen zum aufzuglosen Theater, die für Rollstühle zu kleine Umkleidekabine im Kaufhaus oder der neue Trend zu Hochtischen in Bars. „Ich habe da mal einen Besitzer gefragt, warum er das macht. Und er hat gesagt: Die Leute wollen das. Doch dass Menschen mit Behinderung dadurch ausgeschlossen werden, ist ihm gar nicht in den Sinn gekommen“, sagt Oswald Utz und schüttelt leicht den Kopf.

2022 verabschiedete der Stadtrat ein Bündel von Maßnahmen, um Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu helfen. Dazu gehören unter anderem Taxis, in die man im Rollstuhl sitzend einsteigen kann.
2022 verabschiedete der Stadtrat ein Bündel von Maßnahmen, um Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu helfen. Dazu gehören unter anderem Taxis, in die man im Rollstuhl sitzend einsteigen kann. Florian Peljak

Wobei derlei Lamentieren eigentlich nicht seine Sache ist. Viel lieber verweist der „Lobbyist für Menschen mit Behinderung“, wie er seine Rolle beschreibt, auf die Errungenschaften in seiner Amtszeit. Etwa Grundsatzbeschlüsse im Stadtrat, wonach neue Schulen und Sportanlagen stets barrierefrei gebaut werden müssen. Oder die Etablierung von Behindertenbeauftragten in allen 25 Bezirksausschüssen als Ansprechpartner vor Ort. Und nicht zuletzt, dass Verwaltung und Politik in München die Belange von Menschen mit Behinderung inzwischen als Querschnittsthema begreifen – und nicht mehr automatisch dem Sozialreferat zuschieben.

Und doch waren all diese Schritte zu mehr Gleichberechtigung kraftraubend und von Stillstand, wenn nicht gar Rückschlägen durchzogen. Weshalb sich die Frage aufdrängt: Woher hat Oswald Utz in all der Zeit die Energie genommen und seinen scheinbar nie ermüdenden Antrieb? „Wissen Sie“, beginnt er, „ich komme aus einem kleinen fränkischen Bauerndorf.“ Nämlich Weppersdorf, gut 30 Kilometer nördlich von Erlangen. Dort wuchs Oswald Utz auf – mit einer angeborenen Glasknochenkrankheit, deretwegen er auf Hilfe im Alltag und einen Rollstuhl angewiesen ist. Als Kind jedoch sei er voll im Dorfleben integriert gewesen, erzählt Utz. „Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich behindert bin.“ Bis zum Schuleintritt, denn da wird der Familie mitgeteilt: Ihr Oswald darf nicht auf die hiesige Grundschule; stattdessen muss er wegziehen in ein Heim für behinderte Menschen nach Altdorf bei Nürnberg und dort die Sonderschule besuchen.

Ein Onkel bewahrt ihn vor der Sonderschule

„Für mich war das grausam“, sagt Oswald Utz. „Und es hat mich geprägt.“ Denn inmitten der Misere widerfährt ihm etwas, was er später noch häufiger antreffen wird: „Ich habe zum richtigen Zeitpunkt einen Menschen getroffen, der mich unterstützt hat.“ Damals ist es ein Onkel, der erkennt, wie schlecht es dem Neffen in Altdorf ergeht. Er vermittelt den Buben in ein Heim der Pfennigparade nach München, wo dieser zunächst die Realschule besucht, ehe er – dank seiner guten Noten – aufs Lion-Feuchtwanger-Gymnasium wechselt. In eine Regelschule. Kaum erwachsen, zieht Oswald Utz überdies in eine eigene Wohnung. „Ich war in meiner Klasse der Einzige, der allein gelebt hat“, erinnert er sich. „Was glauben Sie, wie viele Mitschüler an den Nachmittagen zu mir gekommen sind.“

Nach dem Abitur studiert Utz Kommunikationswissenschaften; später findet er einen Job bei der Volkshochschule. Zugleich bringt er sich zunehmend in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung ein, die aus den USA nach Deutschland schwappt. „Da haben wir Menschen mit Behinderung das erste Mal kapiert, dass wir uns selbst um unsere Anliegen kümmern müssen. Und dass wir ein Recht dazu haben“, sagt Utz. Er selbst engagiert sich bei Vereinen, aber auch politisch – stets in Erinnerung an Personen wie seinen Onkel, die ihn unterstützt haben. „Wäre ich damals in Altdorf geblieben, wäre mein Leben vorgezeichnet gewesen“, ist Utz überzeugt. „Erst Sonderschule, danach Arbeit in den Werkstätten. Und dabei immer im Wohnheim leben.“

Oswald Lutz steigt aus einer Trambahn an der barrierefreien Tramhaltestelle Klinikum Harlaching aus.
Oswald Lutz steigt aus einer Trambahn an der barrierefreien Tramhaltestelle Klinikum Harlaching aus. Leonhard Simon

Stattdessen bricht Oswald Utz aus – nach München, wo er 2004 zum ersten Behindertenbeauftragten bestimmt wird. Dieses Amt ist dort infolge der neuen Gleichstellungsgesetze eingeführt worden. „Und weil die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in München so stark war, konnte man es nicht mit einem Vertreter eines klassischen Wohlfahrtsverbands besetzen“, sagt Oswald Utz. Sondern mit ihm, der fortan Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung ist, aber auch deren Sprachrohr zu Politik und Verwaltung. „Für mich war das ein Herzensjob“, sagt er. „Ich habe gern für die Community gekämpft – auch wenn es oft anstrengend war.“

Und genau hier schlummert der Grund, weshalb er nun einen Schlussstrich zieht. Denn nachdem Verwaltung und Politik es inzwischen verinnerlicht hätten, die Belange von Menschen mit Behinderung zu bedenken, müsse die Bewegung nun in die nächste Phase eintreten, sagt Utz. „Das Thema muss in der Mehrheitsgesellschaft ankommen. Dafür braucht’s einen großen Bauchaufschwung über Jahre hinweg, und den habe ich mir nicht mehr zugetraut.“ Schließlich merke er, dass seine Energie schwinde – zumal schon der Alltag von Menschen mit Behinderung kräftezehrend sei. „Ich brauche allein zwei Stunden, bis ich im Büro sitze“, sagt Utz mit Blick auf seine Morgenroutine, bei der er auf einen Helfer angewiesen ist. „Und wenn ich meine Tochter zur Schule bringe, muss ich zwei Straßenbahnen früher nehmen.“ Schließlich könnte ein Aufzug kaputt oder die Tram zu voll für den Rollstuhl sein.

Kurzum, sagt Utz, er höre nun auf, gebe seinen Posten ab und gehe zurück in seinen Job bei der Volkshochschule, von dem er während seiner Zeit als Behindertenbeauftragter freigestellt war. Wo und wie er sich weiter engagieren wird? Auf diese letzte Frage weiß Oswald Utz erstmals keine Antwort. „Wann immer ich in meinem Leben etwas aufgehört habe, wusste ich nicht, was kommt“, sagt er stattdessen. „Aber irgendwas ist bislang immer gekommen.“

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war die Nachfolgerin von Oswald Utz mit einem falschen Nachnamen genannt. Sie heißt Daniela Maier. Wir haben das korrigiert.

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