Timmy ist tot. Und die Welle des Mitgefühls ebbt ab. Redet danach noch jemand über bedrohte Wale? Eher nicht. Dabei sterben jeden Tag Meeressäuger in Nord- und Ostsee, wohin sich Timmy verirrt hatte – auch durch Menschenhand. Warum das so ist, und was geschehen müsste, damit Wale eine Überlebenschance haben, erklärt Sigmar Solbach. Der Schauspieler („Soko München“, „Das Traumschiff“) und Synchronsprecher von Bill Murray und Kevin Costner setzt sich seit Jahren als Vorstand der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) für Meeresschutz ein. Die GRD hatte der Abenteurer, Dokumentarfilmer, Autor und Weltumsegler Rollo Gebhard gemeinsam mit seiner Frau Angelika 1991 gegründet. Damals wären die beiden beinahe in der Arktis gekentert, weil sich ihr Schiff in einem Treibnetz der Hochseefischer verfangen hatte. Diese Netze, sagt Solbach, sind die größte Gefahr für Wale und Delfine. Auch er ist leidenschaftlicher Segler – und wird mit 79 Jahren nicht müde, für den Umweltschutz zu kämpfen.
SZ: Herr Solbach, Wal Timmy ist tot. Haben Sie die Rettungsversuche in den vergangenen Wochen auch verfolgt?
Sigmar Solbach: Der Medienrummel samt Live-Ticker war so gewaltig, man konnte dem gar nicht entgehen. Und es hört immer noch nicht auf. Jetzt kommen Nachrufe und Beileidsbekundungen. Da versteh’ ich die Welt nicht mehr. Es ist gut, wenn Menschen Anteil am Schicksal eines Tieres nehmen. Aber manchmal habe ich den Eindruck, es geht mehr um die Retter und Zuschauer als um das Tier. Mehr als 300 000 Wale und Delfine sterben jährlich weltweit als Beifang der Fischerei. In Norwegen hat jetzt gerade die Walfangsaison begonnen, da werden Hunderte Tiere brutal abgeschlachtet. Das Fleisch wird zum Teil zu Hundefutter verarbeitet oder nach Japan verkauft, obwohl die Japaner selbst in großem Stil Wale töten. Beide Länder halten sich nicht ans Internationale Walfang-Moratorium. Und in der Ostsee, wo Timmy strandete, sterben täglich Schweinswale – kein Mensch schert sich darum.

Anders als der verirrte Buckelwal sind Schweinswale in der Ostsee heimisch.
Es gibt zwei Populationen von Kleinen Tümmlern, wie sie auch genannt werden. Die kleinere umfasst nur noch ein paar Hundert Tiere, sie sind hier vom Aussterben bedroht: durch die Verschmutzung des Wassers, die Überfischung und den zunehmenden Lärm des Schiffsverkehrs – jetzt kommen noch die ganzen Kriegsschiffe dazu, mit ihrem Echolot und Radar. Zu den größten Gefahren gehören die Stellnetze der Fischerei. Die Wale verfangen sich darin und ersticken, weil sie nicht mehr zum Luftholen an die Oberfläche kommen können.

Ihre Helferinnen und Helfer bergen regelmäßig solche Netze.
Gerade am vergangenen Wochenende waren wieder zehn unserer Freiwilligen beim Tauchen vor Rügen, um Netze aus dem Meer zu holen. Das ist harte Arbeit in dem eiskalten Wasser und nicht ungefährlich. Wir bieten dafür extra Schulungen an für erfahrene Taucherinnen und Taucher, die uns helfen wollen. Einige sind schon seit Jahren dabei. Knapp 13 Tonnen hat unsere kleine Truppe in den vergangenen Jahren schon rausgefischt – allesamt vor Rügen! Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie steht es insgesamt um die Ostsee?
Schlecht. Das bestätigen Fachleute mit schöner Regelmäßigkeit. Deutschland hat sich schon 2008 gegenüber der EU verpflichtet, zum Schutz von Ost- und Nordsee beizutragen. Damals wurde die sogenannte Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie verabschiedet, um die Belastung durch Fischerei, Landwirtschaft, Schiffsverkehr zu reduzieren. Nichts hat sich seither verbessert, im Gegenteil. Von der Politik hören wir immer nur Lippenbekenntnisse. Wir kleine NGOs werden mit unserem Bemühen um Naturschutz alleingelassen. Trotzdem dürfen wir nicht lockerlassen.

Ihre „Gesellschaft zur Rettung der Delphine“, die sich längst nicht mehr nur um Delfine kümmert, hat gerade einen Appell an die Bundesregierung zur Eindämmung der Plastikflut gerichtet. Mit welchem Ziel?
Wir wollen, dass Deutschland seine internationalen Verpflichtungen einhält und sich auf EU-Ebene und in der UNO deutlicher für die Regulierung der Kunststoffproduktion einsetzt. Die Plastikflut bedroht nicht nur Wale, Delfine, Schildkröten, Vögel und alle anderen Meeresbewohner, sondern auch uns Menschen. Jedes Jahr werden mehr als 460 Millionen Tonnen Kunststoffe aus fossilen Brennstoffen hergestellt. Stellen Sie sich das bitte mal bildlich vor: Das entspricht dem Gewicht von 4600 modernen Flugzeugträgern. Und jede Minute landen zwei Lkw-Ladungen voll Plastikmüll im Meer, Tendenz steigend.
Die Verhandlungen um ein globales Plastikabkommen sind im vergangenen Jahr erneut gescheitert.
Ja, am Veto der Erdöl exportierenden Staaten. Gleichzeitig prophezeien Wissenschaftler: Wenn das so weitergeht, verdoppelt sich die Menge bis 2050. Dann gibt es mehr Plastik als Fische in den Meeren. Warum ist das nicht täglich Thema in den Nachrichten?

Bilder von den Plastikstrudeln in den Ozeanen gehen schon immer wieder um die Welt.
Ja, oder von dem Wal, der mit 24 Kilogramm Plastikmüll im Bauch gefunden wurde. Das löst aber keinen Medienrummel aus. Es ist halt einfacher, sich um einen Wal Timmy zu sorgen, als um den Zustand der Meere insgesamt. Denn wer sich ernsthaft darüber Sorgen macht, müsste eben auch mal sein eigenes Verhalten überdenken.
Was können wir tun?
Nicht nur auf Regierungen schimpfen, sondern weniger Fisch essen und anders konsumieren. Das versuche ich auch jeden Tag: Mehrweg- statt Einwegprodukte kaufen. Wo immer möglich, auf Kunststoffverpackungen verzichten und auf Produkte, die Mikroplastik enthalten wie Kosmetika und Kleidung mit Kunststofffasern. Die kommt in die Waschmaschine, der Abrieb landet im Abwasser und am Ende im Meer. Das Mikroplastik bleibt dann Jahrhunderte in der Umwelt. Und am Ende landet es über die Nahrungskette wieder auf unserem Teller. Wir haben ja längst alle Mikroplastik im Körper. Eigentlich sollte das schon jedem bekannt sein.
Ist es noch nicht?
Nein, das merke ich immer wieder, wenn ich mit Leuten darüber spreche. Darum gehen wir mit unserem Verein auch an die Öffentlichkeit und in Schulen.
Deshalb machen Sie selbst auch beim Isar-Clean-up mit, das Ihr Verein jedes Jahr veranstaltet?
Ja. Wenn wir kiloweise Kronkorken, Zigarettenkippen, Plastikbecher und Plastikbesteck am Flussufer einsammeln, während die Leute da auf ihren Decken liegen und sich bräunen lassen, frage ich schon manchmal: Wissen Sie, dass der Plastikmüll von der Isar über die Donau ins Schwarze Meer gelangen und dort Delfine töten kann? Dann schauen manche einen mit großen Augen an: Ach, das wusste ich nicht. Manche fordern dann gleich ihre Kinder auf, mitzusammeln. Das sind kleine Erfolgserlebnisse.

Wie lange sind Sie schon bei der GRD?
Seit zwölf Jahren. Als Segler bin ich der maritimen Welt eng verbunden. Meine Frau und ich verbringen viel Zeit auf unserem Boot. Und an jedem Strand im Mittelmeer, vor dem wir ankern, sammeln wir den angeschwemmten Plastikmüll ein. Es wird immer mehr. Rollo Gebhard hat schon vor Jahrzehnten das Problem erkannt. Wir waren befreundet. Als Rollo 2013 starb, fragte mich seine Frau Angelika, ob ich den Vorsitz des Vereins übernehmen wollte. Anfangs zögerte ich, weil ich eigentlich nicht so der Vereinsmensch bin und weil das riesige Fußstapfen waren, die Rollo hinterlassen hat. Aber dann sagte meine Frau: Das musst du machen. Und heute bin ich sehr froh, dass ich mein Scherflein dazu beitragen kann. Nichts tun ist keine Lösung. Die Zeit drängt.

