"Orte des Wandels" Die Macht liegt beim Kunden

Ohne Plastik, abgasfrei, ethisch unbedenklich: Ein Rundgang zeigt, wie Kaufentscheidungen und Lebensstil Wirtschaft und Gesellschaft verändern können

Von Renate Winkler-Schlang

Positiv rangehen. Das ist besser als jammern über Donald Trumps Ausstieg aus den Klimaverträgen. Es gibt sie ja, die guten Beispiele derer, die die Welt verändern, in ihrem eigenen Umfeld. Die zeigen, wie man besser einkaufen, ohne schlechtes Gewissen Geld anlegen oder sinnvoll Freizeit verbringen kann. "Orte des Wandels" nennen das Nord Süd Forum und der Verein Commit to Partnership diese Alternativen, zu denen Raphael Thalhammer, Viktoria Ganß und Praktikantin Georgina Phillips am Wochenende eine bunte Gruppe quer durch München gelotst haben - zu Fuß, mit U-Bahn, Tram, Bus. Stundenlang, denn wichtig sei das Erleben, das Gespräch mit den Vorbildern: "Das lässt sich nicht mal so eben konsumieren." Abgesprungen ist keiner, im Gegenteil, binnen kurzem war aus den Teilnehmern, die sich gleich alle duzten, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter geworden.

Im Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße 80 hatten die Organisatoren fiese Karikaturen ausgelegt über die sinkende Arche Noah oder die Arroganz der Reichen. Schneller Austausch paarweise, schon spürte man die gemeinsame Wellenlänge. Die kurze Vorstellungsrunde zeigte die Vielfalt der Interessenten: Da hatten Enkel ihrem Opa Gerhard diesen Rundgang geschenkt, um später guten Gesprächsstoff zu haben. Das Angebot ist kostenlos, doch sie haben Zeit geteilt. Da waren aber auch Wiederholungstäter, die Freunde mitgebracht hatten, oder Otto, Nina, Jonathan und Laurenz vom P-Seminar des Neuperlacher Siemensgymnasiums mit Lehrerin Inga-Britt Frase, eine Studentin der Sozialarbeit, eine Bloggerin, Sascha Zinn von der Hochschule München, der dort Bildung für nachhaltige Entwicklung etablieren soll, und auch Leute von der Grünen Jugend wie Kevin Golde.

Der Rundgang zu "Orten des Wandels", organisiert vom Nord Süd Forum und dem Verein Commit to Partnership, zeigt positive Beispiele für einen nachhaltigen Lebensstil auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Süße Stückchen gab Raphael den Teilnehmern als Stärkung mit auf den langen Weg: Sie stammten aus der Spende einer Bäckerei und waren ein leckerer Hinweis auf die Freuden des Foodsharing. Im Eine-Welt-Haus hat diese Initiative, die dafür sorgt, dass keine Lebensmittel weggeworfen werden, einen Kühlschrank stehen, den jeder füllen oder nutzen kann, ob bedürftig oder nicht. Damit es nicht so weit kommt wie in der Geschichte der 100 Birnen, die Viktoria vorgelesen hat: Am Ende wird die Hälfte weggeworfen, teils bereits im Lager oder beim Händler, teilweise in den Haushalten. Hochkomplex sei Foodsharing organisiert, dennoch komplett ehrenamtlich, vor allem aber "so naheliegend", sagt Raphael, selbst "Foodsaver".

"Warum bin ich bei der Bank, bei der ich bin?" Darüber sollen sich dann alle auf der U-Bahn-Fahrt ins Lehel Gedanken machen, denn die nächste Station ist die GLS-Bank. Raphael und Viktoria zeigen auf einer Parkbank in einem Sketch noch die Skrupellosigkeit derer, die wollen, dass "ihr Geld arbeitet", damit aber Ausgebeutete in der Dritten Welt mit miesen 16-Stunden-Tagen meinen. Michaela Schiffmann erklärt dann, was die Gemeinschaftsbank anders macht: Sie verleihe die Einlagen ihrer Sparer, die durchaus durchschnittliche Zinsen bekommen, nur an ausgewählte soziale oder ökologische Projekte und mache dies auch transparent.

Ein Vorbildprojekt: Das Praterkraftwerk in der Isar, das 4000 Haushalte emissionsfrei versorgt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kurzweilig wird der Weg zum Praterkraftwerk, denn wer mag, darf Raphaels E-Lastenrad ausprobieren. Die Ladefläche trägt ohne Mühe zwei schlanke Teilnehmrinnen, die begeistert winken; lenken lässt es sich trotzdem leicht. Die Stadt gibt nicht nur Firmen, sondern auch Privaten auf Antrag Zuschüsse zu einer solch klimafreundlichen Anschaffung. Dass das Beispiel Schule macht, zeigen die anderen Lastenräder im Freitagnachmittagsverkehr.

An der nächsten Station hat das Team wieder kompetente Unterstützung: Rosanna Noe berichtet von den Vorzügen des Praterkraftwerks in der Isar. Von Green City initiiert, zu einhundert Prozent in Bürgerhand, versorgt 4000 Haushalte, emissionsfrei, nachhaltig, ein Vorbildprojekt - im Gegensatz zum mit Kohle betriebenen Block im Heizkraftwerk Nord, das die Luft mit ungeheuren Mengen Co₂ belaste. Unterschriftenlisten fürs Bürgerbegehren für den Ausstieg hat Noe natürlich dabei. Sie selbst habe kürzlich in der Lausitz Kohlebagger blockiert, denn sie wolle selbst etwas bewirken. Diskussionsstoff für die Runde, die mit der Tram zur Plastikfreien Zone, einem Laden an der Haidhauser Schlossstraße fährt. Man unterhält sich über die größten, die ekligsten Plastikprodukte wie geschältes Ei in Folie, über die, die einen durch den Tag begleiten. "Es ist nicht so einfach, bewusst zu leben", sagt Opa Gerhard. Doch Katrin Schuler, die Betreiberin, hat schon manche Firma angeregt, plastikfreie Artikel zu produzieren und so manche Schulklasse aufgeklärt: "Was man nicht kauft, wird nicht nachproduziert." Auch hier geht es ums Geld: "Wer kann sich das leisten?" Sie selbst lebe inzwischen billiger, sagt Schuler: "95 Prozent der Waren kaufe ich ohnehin nicht mehr." Die Teilnehmer nicken, unterhalten sich aber auch angeregt über ihr eigenes Leben, über Grillen ohne Steaks, die Ökokiste, Lebensmittel vom Kartoffelkombinat, Reisen mit der Bahn, Kleidertauschpartys.

Im Haus der Eigenarbeit an der Wörthstraße 42 erleben sie noch, was man alles mit großer Freude unter Anleitung selber herstellen kann, und im Fairkauf Handelskontor an der Brecherspitzstraße 8 erklärt Moritz Meisel, wie wichtig es ist, Produzenten faire Preise und langfristige Abnahmegarantien zu geben und auch mal Vorkasse zu gewähren.

"Superinformativ" fanden die Gymnasiasten die Tour: Sie überlegen nun, was sich an ihrer Schule verwirklichen lässt.

Raphael Thalhammer (schwarzes Shirt) bei der Einführung im Eine-Welt-Haus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die nächsten Rundgänge finden am 7. Juli und am 4. und 11. August im Rahmenprogramm des Kulturstrandes statt. Am 11. August gibt es den ersten Fair-Fashion-Rundgang, bald auch Touren in Vierteln wie Giesing oder Schwabing. Auf der Webseite www.muenchen-fair.de erhält man einen Überblick über alle Termine sowie viele weitere Shops, Initiativen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für einen nachhaltigeren Lebensstil in München.