Orlan zu Gast in MünchenNeun ästhetische Operationen: Eine Künstlerin stellt sich selbst aus

Lesezeit: 3 Min.

Mit neun chirurgischen Performances hat sich Orlan in eine neue Version ihrer selbst verwandelt.
Mit neun chirurgischen Performances hat sich Orlan in eine neue Version ihrer selbst verwandelt. Joel Saget / AFP
  • Die französische Künstlerin Orlan verwandelte sich durch neun chirurgische Performances in eine neue Version ihrer selbst.
  • Ihre erste deutsche Einzelausstellung im Münchner Muffatwerk zeigt sechs Jahrzehnte feministischer Körperkunst mit Fotos, Filmen, Reliquien und KI-Werken bis 15. März.
  • Orlan nutzt heute KI, Robotik und Augmented Reality für ihre Kunst, darunter den "ORLANoide", einen beweglichen Avatar als ihr digitales Ebenbild.
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Die französische Künstlerin Orlan feiert den weiblichen Körper – und setzt dabei auf Chirurgie, Technik, Robotik und KI. Was das bedeutet, ist in ihrer ersten Einzelschau in Deutschland dokumentiert. Ein Besuch in München.

Von Jürgen Moises

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Das Selbstporträt ist in der bildenden Kunst ein vertrautes und gleichzeitig auch besonderes Genre. Verspricht es doch Einblicke in die Persönlichkeit und Selbstwahrnehmung der Künstler. Das Medium dafür kann ein Gemälde, ein Foto oder eine Skulptur sein. Und die Kunst erscheint dabei als eine Art Spiegelbild, ein Gegenüber. Bei der französischen Künstlerin Orlan ist das ein bisschen anders. Zwar beschäftigt auch sie sich seit gut sechzig Jahren in verschiedensten Medien mit ihrer weiblichen Persona. Anfang der Neunziger machte sie dann aber einen radikalen Schritt. Und statt anderer Medien nahm sie den eigenen Körper für die Selbstdarstellung her. Aber das meint keine Schminke oder oberflächliche Verkleidung.

Was es bedeutet, ist in der Ausstellung „Orlan. Artistic Intelligences“ im Muffatwerk in München dokumentiert. Es ist die erste Einzelschau der französischen Künstlerin in Deutschland. Und das, obwohl sie sich seit vielen Jahren sehr öffentlichkeitswirksam mit feministischen, gesellschaftskritischen Themen beschäftigt. Dafür hat sie mit der „Carnal Art“ sogar ihre eigene Kunstrichtung erfunden. Und damit ist genau diese neue Form des Selbstporträts gemeint. Das Mittel dafür? Das waren neun chirurgische Performances, bei denen sie Merkmale kunsthistorischer Ikonen wie der Mona Lisa auf ihr Gesicht, ihren Körper übertragen ließ. Mit einem Ergebnis, das dann aber so gar nicht gängigen Schönheitsidealen entsprach.

Im Gegenteil wirkte Orlans Körper nun irritierend und monströs. Und tatsächlich sollte diese mit „La Réincarnation de Sainte-ORLAN ou images nouvelles-images“ betitelte Performance-Serie auch eine kritische Antwort auf aufgezwungene Körperbilder sein. Sie sollte aber auch zeigen: Mein Körper gehört mir, und ich kann ihn nach eigenen Vorstellungen gestalten. Und so meint „Carnal Art“, in Abgrenzung zur schmerzbesetzten Body-Art einer Marina Abramović oder Valie Export, auch eine positive „Fleischeskunst“. Was Orlan im Operationssaal mithilfe von Dekor und Lesungen zelebrierte. In der Ausstellung sind diese verschiedenen Facetten in Form von Fotos, Filmen, Reliquien und eines Manifestes dokumentiert.

Aber auch Orlans Körper ist dafür ein Zeugnis. Etwa in Form von zwei Beulen, die die 78-Jährige auf ihrer Stirn hat, und die seitdem fest zu ihrem Werk gehören. Weil ihr Körper bis heute das zentrale Medium darstellt. Das war auch schon bei den frühestens Arbeiten so. Wie auf den Fotos „Tentative de sortir de cadre“ (1965) und „Nu descendant L’escalier“ (1967), wo man sie nackt aus einem Rahmen steigen und auf einer Treppe stehen sieht. Beides eine feministische Antwort auf die Kunstgeschichte, weil Orlan hier vorgegebene Posen verweigert, und im zweiten Fall eine Persiflage auf ein Bild von Marcel Duchamp.

Der „ORLANoide“ ist eine bewegliche Skulptur, ein Avatar der Künstlerin.
Der „ORLANoide“ ist eine bewegliche Skulptur, ein Avatar der Künstlerin. Matheus Josä

Eine provokative Antwort auf Courbets Gemälde „L’Origine du monde“, das laut Orlan die Frau auf ihre Gebärfähigkeit reduziert, ist „L’origine de la guerre“ von 1989. Statt einer Vulva sieht man darauf einen Penis. Das heißt: beides, weil die neue 3D-Fassung des Werks ein Kippbild ist. Sehr spannend und in der Aussage nicht ganz so überdeutlich ist „Exogen“, ein dokumentiertes Ausstellungsprojekt von 1997, für das sie in Kopenhagen eine kriminalistische Spurensuche inszenierte. Die Grundlage dafür war ihre DNA und die zentrale Frage, ob sich mit deren Hilfe ihre Künstlerschaft nachweisen lässt. Orlans musikalische DNA zeigt sich bei „Slow de l’artiste“. Einem Album-Projekt, dass sie 2023 realisierte, um nach der Pandemie mittels Tanz das Körperliche neu zu entdecken.

Im zweiten Ausstellungsraum geht es um KI, Augmented Reality und Robotik, mit dem „ORLANoide“ von 2018 als zentralem Werk. Eine bewegliche Skulptur, ein Avatar, geschaffen als Orlans Ebenbild. Und mit einer KI, die in mindestens sieben Sprachen Fragen zu ihrem Werk beantworten kann. Dann sind dort zwei digitale Collagen aus der Serie „Femmages“, mit denen sie die Wissenschaftlerinnen Marie Curie und Ada Lovelace ehrt. Zwei Augmented-Reality-Bilder zeigen Masken aus der Peking-Oper, vor denen Orlan mittels App akrobatische Tänze vollführt. Im Kostüm des Harlekins, der als vieldeutige Figur in ihren Werken immer wieder auftaucht.

Die gehäutete Digitalversion der Künstlerin sieht man in einer Computer-Animation.
Die gehäutete Digitalversion der Künstlerin sieht man in einer Computer-Animation. Orlan / oh

In einer Computer-Animation sieht man die Künstlerin im „gehäuteten“ Zustand eine Freiheitspose einnehmen. Womit sie ebenfalls den Körper jenseits aller Zuschreibungen zelebriert. Und in einer KI-Videoserie kümmern sich weibliche Androide aus Recycling-Material um vom Aussterben bedrohte Tiere. Auch hier ist überall die feministische Stoßrichtung deutlich. Wobei diese in der poppig-exzentrischen KI-Optik doch etwas ihren Stachel verliert. Aber wie das ist mit dem Körper, im Zeitalter der KI und neuen Kriege, darüber wird eh noch zu reden sein. Bei einem Symposium im Muffatwerk am Sonntag, 1. März, um 14 Uhr, an dem neben verschiedenen Theoretikern auch die Künstlerin teilnimmt.

Orlan. Artistic Intelligences, bis 15. März, Muffatwerk München, Zellstraße 4, www.muffatwerk.de

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