Süddeutsche Zeitung

Orkantief "Niklas":Wie der Sturm in München wütet

  • Orkantief "Niklas" zieht mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde über München - und sorgt für Chaos.
  • Pendler kommen nicht mehr weiter, Baumstämme knicken ab. Touristenattraktionen, Parks und Grünanlagen bleiben aus Sicherheitsgründen geschlossen.
  • Der Fernverkehr in Bayern wurde eingestellt. Die Polizei evakuierte die Gleishalle am Münchner Hauptbahnhof, weil große Glasplatten herabstürzten.

"Ich kann Ihnen auch nicht sagen, was der Wind macht", gesteht der Bahnmitarbeiter, der am frühen Dienstagnachmittag im Münchner Hauptbahnhof von einer Menschentraube umringt wird. Die Bahn tut sich schwer, Schritt zu halten mit der Geschwindigkeit, mit der Orkan Niklas über München hinweg gefegt ist. Und wie zur Bestätigung geht hier kurze Zeit später gar nichts mehr. Der Hauptbahnhof wird geräumt, der Fernverkehr eingestellt. Große Glasplatten sind um 16 Uhr aus dem Dach gebrochen und in die große Gleishalle gestürzt. Die Reisenden werden per Lautsprecher gebeten, sich irgendwo eine Unterkunft zu suchen. Die meisten nehmen es gelassen auf und folgen dem Rat, den ihnen der Mann von der Bahn gegeben hat: "Bleiben wir ganz locker!" Servicekräfte der Bahn schenken Kaffee und Tee aus.

Schon den ganzen Tag tobt der Sturm durch München, rüttelt an Häusern und Bäumen, wirft Lastwagen um und deckt Dächer ab. Der Deutsche Wetterdienst meldet in der Stadt Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde.

Eine dramatische Szene spielt sich in der Ickstattstraße ab: Eine Orkanböe reißt ein fünfstöckiges Baugerüst aus der Verankerung, ein 22-jähriger Arbeiter stürzt in die Lücke, fällt vom zweiten in den ersten Stock, hat aber Glück und landet wieder auf dem Gerüst. Ein Notarztwagen, der wegen eines anderen Einsatzes in der Nähe ist, bringt ihn in eine Klinik, während die Feuerwehr hilft, das Gerüst wieder zu befestigen.

Teile des Viktualienmarkts werden gesperrt

Kaum fertig, geht es weiter zur Donnersbergerbrücke, wo sich am Dach eines Autohauses Aluminiumteile lösen. Überall stemmen sich Passanten gegen den Wind, doch manchmal ist ihnen der Weg versperrt. Die Stadt warnt vor Spaziergängen in Grünanlagen und in den Isarauen. Die 29 städtischen Friedhöfe sind geschlossen, ebenso die Wertstoffhöfe. "Gefahr für Leib und Leben" befürchtet das Kommunalreferat, ebenso wie die staatliche Schlösserverwaltung, die den Nymphenburger Park sperrt und vom Besuch des Englischen Gartens abrät.

Auch in der Innenstadt ist es gefährlich: Die Augustinerstraße wird wegen herabfallender Ziegel vorübergehend gesperrt, in den Abgang zum S-Bahnhof Isartor stürzen Äste. Teile des Viktualienmarkts werden abgeriegelt, rund um den Maibaum müssen 30 der 110 Stände schließen, vor allem Obsthändler und der Biergarten. Mindestens zwei Stände seien bereits am frühen Morgen zusammengebrochen, sagt Elke Fett, Sprecherin der Viktualienmarkthändler. Trümmerteile, Pflanzen und Schirme seien durch die Luft gewirbelt worden. Die Gefahr, dass der Maibaum kippt oder die daran befestigten Holzfiguren herabfallen, sei zu groß, erklärt Fett. "Es kommt wirklich nicht oft vor, dass wir schließen müssen. Aber bei dem Orkan hat jeder Verständnis dafür."

Im Zickzack führt ein rot-weißes Absperrband zwischen den Buden hindurch, ein Stand geschlossen, der Nachbarstand geöffnet, Passanten finden sich plötzlich in Sackgassen. Da müsse man vielleicht noch einmal nachdenken, räumt ein Mitarbeiter der Stadt ein und versucht Touristen vom Weitergehen abzuhalten. Eine Verkäuferin pflichtet ihm bei - obwohl ihr Stand offen bleibt: "Wenn der Maibaum umfällt, bekomme ich auch was ab. Ich habe Angst." Besser wäre es, den ganzen Markt zu sperren. Die einen auf, die anderen zu: Das gebe nur böses Blut.

Tierpark Hellabrunn öffnet nicht

Der Tierpark Hellabrunn öffnet erst gar nicht. "Zur Sicherheit von Besuchern, Tieren und Mitarbeitern", wie Zoodirektor Rasem Baban erklärt. Der Tierpark verfügt über einen zum Teil sehr alten Baumbestand, da ist die Gefahr von herunterfallenden Ästen besonders groß. Außerdem blieben "gefährliche Tiere wie Großkatzen und Bären" am Dienstag sicherheitshalber in ihren Ställen, sagt Baban.

Das Zelt des Circus Krone auf der Theresienwiese trotzt den Orkanböen, die auf der großen freien Fläche besonders heftig ausfallen. Nebenan pustet der Sturm ein Montagefahrzeug der Stadtwerke einfach um und setzt auch dem Klohäuschen am U-Bahnhof heftig zu. Der Zirkus hat vorsichtshalber einen langen Wagen als Windbrecher vor den Eingang gerollt. Am Donnerstag um 20 Uhr ist Premiere. Die Zuschauer ließen sich vom Sturm nicht abschrecken, sagt die Kassenfrau, die in ihrem Wagen an diesem Tag aber auf Laufkundschaft verzichten muss. "Die reservieren fleißig."

Gegen 16 Uhr bittet die Münchner Feuerwehr via Twitter, nur noch wirkliche Gefahrensituationen zu melden. Wegen der zahllosen Anrufe kommt es zu Wartezeiten bei der Notrufannahme. Um diese Zeit hat die Feuerwehr bereits 838 Einsätze abgearbeitet - mehr als tausend werden noch folgen an diesem Dienstag. Etwa 500 Feuerwehrleute sind im Einsatz.

Wie der Sturm im Münchner Umland wütet

Ähnlich die Situation im Umland: Die Einsatzzentrale in Ingolstadt, die auch für Teile des Münchner Umlands zuständig ist, registriert allein bis zum Mittag 951 Notrufe. In einem Wald bei Dietramszell im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen stirbt am Abend eine Frau, als ein Baum auf ihr Auto stürzt. In Poing im Kreis Ebersberg kämpft das Technische Hilfswerk am Nachmittag um ein 2000 Quadratmeter großes Metalldach.

Im Hauptbahnhof stehen die Menschen hinter Absperrungen, warten auf neue Informationen, doch die Bahn kommt mit dem Aktualisieren der Störungsmeldungen kaum hinterher. Ein junger Mann aus Mühldorf sagt, auf eine Übernachtung sei er nicht eingestellt und habe auch gar nicht genügend Geld dabei; er wird zur Bahnhofsmission geschickt. Ein Reisender aus dem Allgäu schüttelt den Kopf: Er sei zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder Bahn gefahren, und nun das.

Auf Smartphones verfolgen viele Reisende die Nachrichten im Internet und sehen, dass Niklas anderswo noch schlimmer wütet. Im Internet sieht man auch: Einzig der Luftverkehr kommt mit dem Orkan zurecht. Der Flughafen München meldet einzelne Flugausfälle - was aber nach Auskunft eines Sprechers daran liegt, dass auf den Flughäfen anderer Städte nicht gestartet oder gelandet werden kann.

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SZ vom 01.04.2015/mmo
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