Orientierungsstufe in Neuperlach:Zwei Jahre Schonfrist

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Orientierungsstufe in Neuperlach: Fast schon luxuriöse Verhältnisse: Im Erdkundeunterricht werden die Schüler der Klasse 5.0 gleich von zwei Lehrern betreut.

Fast schon luxuriöse Verhältnisse: Im Erdkundeunterricht werden die Schüler der Klasse 5.0 gleich von zwei Lehrern betreut.

(Foto: Stephan Rumpf)

Einzigartig in Bayern: In einer Schule in Neuperlach müssen sich die Schüler erst nach der sechsten Klasse entscheiden, welche Schullaufbahn sie einschlagen.

Von Anne Kostrzewa und Melanie Staudinger

Kaum hat Daniel Schunk die Aufgabe erklärt, wuseln seine Schüler los, drängen sich an ihren bunten Plastikstühlen, Rucksäcken und Tischen vorbei und stürzen zu den Weltkarten, die im Klassenzimmer an der Wand hängen. Es ist kurz nach acht Uhr an der schulartunabhängigen Orientierungsstufe (Ori) in der Neuperlacher Quiddestraße. Die Schüler der Klasse 5.0 haben Erdkunde. Sie sollen die Kontinente und Weltmeere lernen, sich die Namen der Erdteile auf der Karte einprägen und in die Lücken auf ihrem Aufgabenblatt eintragen. Schunk unterrichtet nicht alleine. Im Nebenraum sitzt der andere Teil der Klasse an vier runden Holztischen über den gleichen Aufgaben. Ihnen schaut Ursula Millauer über die Schulter, ebenfalls Erdkundelehrerin.

Die beiden Pädagogen bilden ein sogenanntes Co-Teaching-Team, wie es an der Ori öfter zum Einsatz kommt. Zwei Lehrer betreuen gemeinsam eine Klasse, was schon ein wenig Luxus ist an Münchens Schulen. Die Unterrichtsform verschafft mehr Spielraum, um intensiver auf die Schüler, ihre Fragen und Probleme mit dem Lernstoff einzugehen. Die Lehrer entscheiden in diesem Modell selbst, ob sie die Klasse in kleinere Gruppen teilen, ob sie herkömmlichen Frontalunterricht halten oder ob sie einzelne Schüler aus dem Verbund nehmen und mit ihnen eine Aufgabe vertieft üben. "Durch das Co-Teaching haben wir Zeit, bei jedem Schüler genau hinzuschauen", sagt Millauer.

Zahlreiche Vorteile in der "Ori"

Die Ori ist eine einzigartige Schule, nicht nur in München, sondern bayernweit. Sie bietet Fünft- und Sechstklässlern die Möglichkeit, unabhängig von ihrem Leistungsstand länger gemeinsam zu lernen. Zwei Jahre bleiben die Kinder nach der Grundschule an der Quiddestraße. Danach entscheiden sie sich, ob sie auf eine Mittel- oder Realschule oder ein Gymnasium wechseln. Diese längere gemeinsame Schulzeit ist im bayerischen Schulsystem eigentlich nicht vorgesehen, in dem sich Kinder üblicherweise nach der vierten Klasse für eine Schulkarriere entscheiden müssen. Dieser frühen Trennung setzte die Stadt 1973 die Orientierungsstufe entgegen. Ein Zeichen habe man setzen wollen, erklärte Gerson Peck, in den Siebzigerjahren schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, stets, einen Akzent gegen das starre dreigliedrige Schulsystem.

Das kommunale Wunschkind entwickelte sich gut: Die Anmeldezahlen übertrafen alle Erwartungen, vor allem bei Alleinerziehenden kam die gut ausgebaute Nachmittagsbetreuung an. Von den Neunzigerjahren an aber sah sich die Orientierungsstufe zunehmend mit Kritik konfrontiert. Der damalige Stadtschulrat Albert Lochinger erachtete die Modellschule als zu teuer. Im Jahr 2002, als die Stadtkassen leer waren, drohte der Ori gar die Schließung - die aber konnte abgewendet werden. Heute, da die Stadt finanziell wieder gut dasteht, stellt niemand mehr die Orientierungsstufe in Frage.

Die Ori nimmt jedes Jahr etwa 300 Schüler in der fünften Jahrgangsstufe auf. Um eine gesunde Mischen aus begabteren und schwächeren Schülern aus ganz München sicherzustellen, gibt es eine Quotenregelung: 60 Kinder mit einem Notendurchschnitt in Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachkunde von 2,33 oder besser werden aufgenommen; 90 mit einem Schnitt bis zu 2,66; 90 mit einem Schnitt zwischen 3,0 und 3,33; 60 mit einem Schnitt, der schlechter als 3,33 ist. Sie werden gemeinsam von Mittel-, Realschul- und Gymnasiallehrern unterrichtet, in Englisch und Mathe gibt es drei verschiedene Kurse je nach Niveau. Leistungsstarke Kinder können in der sechsten Klasse Latein oder Französisch belegen. Mit welcher Empfehlung die Schüler an die Ori kämen, spiele zunächst keine Rolle, sagt Schulleiterin Gaby Gedig. "Wir fördern alle Kinder nach ihren Möglichkeiten."

Gezielte Förderung kultureller Vielfalt

Dabei spielen Unterrichtsformen wie das Team-Teaching eine bedeutende Rolle. Das sei nicht nur für Kinder, die daheim eine andere Sprache als Deutsch sprechen, wichtig, sagt Gedig. Den Begriff "Migrationshintergrund" vermeidet sie, weil er in Neuperlach, einem Stadtteil mit relativ hohem Ausländeranteil, eher negativ besetzt ist. "Die kulturelle Vielfalt, die gerade Neuperlach bietet, ist für unsere Schule eine Bereicherung", erklärt sie. Die Schüler der Ori kommen aus 50 Nationen.

Korbinian, der wie alle Kinder im Text auf Wunsch der Schulleitung anders heißt, ist in Brasilien aufgewachsen, Lana wurde in Vietnam geboren, Sophias Vater kommt aus Ungarn. Alle drei haben es an der Ori in höhere Kurse geschafft, als ihre Übertrittsempfehlung vorschrieb. "Das macht mich schon stolz", sagt Korbinian. Sophia nickt. All ihre Freundinnen hätten es nach der vierten Klasse auf die Realschule geschafft. "Da war ich erst mal ganz schön traurig", sagt sie. Umso mehr freue sie sich darauf, im kommenden Jahr zu ihnen aufschließen zu können.

Schulleiterin Gedig sagt: "Hier sind die Kinder eine Gemeinschaft und lernen miteinander voneinander." Dabei könnten die stärkeren Schüler die schwächeren motivieren und zugleich Toleranz üben gegenüber jenen, denen das Lernen schwerer fällt. Manche Eltern fürchten allerdings, dass sich die Leistungen ihres Kindes verschlechtern könnten, wenn es von vielen schwachen Schülern umgeben ist - und schicken es daher lieber nicht an die Ori.

Mehr Zeit zum Lernen

Im Erdkunde-Unterricht in der Klasse 5.0 sind die Kinder unterschiedlich schnell. Während die Mitschüler noch eifrig Kontinente notieren, ist Paul bereits fertig. Schunk bittet den Jungen, sein Aufgabenblatt bunt anzumalen. Auf einen Schulgong wartet man vergeblich. "Wir versuchen, so viele Doppelstunden wie möglich einzuplanen, damit die Schüler vertieft lernen können", erklärt Gedig. "Da würde die Klingel nur stören."

Einzig der Gong zur Hofpause hallt um kurz vor zwölf. Lana, Paul und Sophia gehen sofort in den Speisesaal. Sie haben Tischdienst. Mit bunten Bechern, Tellern, Servietten und Besteck decken sie die Gruppentische. "Auch das gehört zur Ori, das kennen viele Kinder nicht von daheim", sagt Gedig. Schulen haben heute viel mehr Aufgaben als die reine Wissensvermittlung. Wahrscheinlich ist es der Rektorin auch deshalb wichtig, das Gemeinschaftsgefühl ihrer 600 Schüler über den Unterricht hinaus zu fördern. Als in der Mensa schon alle essen, dreht sich Paul um. "Ich finde es schade, dass wir nur zwei Jahre hier bleiben", ruft er. Dann bufft er seinen Kumpel freundschaftlich in die Seite und schiebt sich eine große Gabel voll Lasagne in den Mund.

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