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Organtransplantationen in München:Warten auf ein neues Leben

In den Kliniken der beiden Münchner Universitäten wurden 2011 insgesamt 332 Organe verpflanzt. Immer häufiger kommt dabei auch das beschleunigte Verfahren zum Zug - eine Manipulationsgefahr sehen die Ärzte dadurch aber nicht.

"Ein Anruf kann alles ändern", sagt Edouard Matevossian. Er ist Oberarzt der Transplantationschirurgie im Klinikum rechts der Isar und rechnet für diesen Freitag nachmittag eigentlich nicht mehr damit, heute noch in den Operationssaal gerufen zu werden.

Ärzteschaft für strengere Kriterien bei Organ-Schnellverfahren

332 Organe wurden im vergangenen Jahr in München transplantiert.

(Foto: dpa)

Aber wer weiß das schon: Ein schwerer Verkehrsunfall vielleicht in irgendeinem Mitgliedsland von Eurotransplant - neben Deutschland Belgien, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich und Slowenien -, ein Mensch stirbt, und er hat in der Tasche einen Ausweis, durch den er erklärt, seine Organe spenden zu wollen, schon setzt sich die Maschinerie der Verteilorganisation für Spenderorgane in Bewegung, sucht in einem Raster nach dem Patienten, zu dem die Leber, die Lunge, das Herz des Gestorbenen am besten passen und der es am dringendsten benötigt. Vielleicht spuckt der Computer ja den Namen eines jener 70 bis 80 Patienten aus, die im Rechts der Isar durchschnittlich auf eine Lebertransplantation warten - schon wäre der Tagesplan von Edouard Matevossian über den Haufen geworfen.

Die Diskussion über die Vergabe von Spenderorganen und die Manipulationsanfälligkeit des dahinterstehenden Systems ist an den Münchner Transplantationschirurgen nicht spurlos vorübergegangen. Allerdings seien nicht die Patienten das Problem: "Da haben wir keinen einzigen Kommentar gehört", sagt Matevossian und nimmt das als Beleg dafür, welch großes Vertrauen die Kranken in ihre Ärzte haben. Doch die glauben, sie müssten nun, nach den Manipulationen in Göttingen und in Regensburg, noch genauer arbeiten, noch besser abwägen und begründen, wer ein zur Verfügung stehendes Organ erhält.

121 mal wurden im vergangenen Jahr im Rechts der Isar Organe transplantiert - 37 Lebern, 78 Nieren, sechs Bauchspeicheldrüsen. Die Zahlen steigen an, nicht dramatisch, aber kontinuierlich. Das Klinikum Großhadern hatte im vergangenen Jahr mit 211 Transplantationen zu tun: 33 Herzen - darunter 17 Patienten des Deutschen Herzzentrums -, 71 Nieren, 41 Lebern, 58 Lungen und acht Bauchspeicheldrüsen wurden in neue Körper versetzt.

An beiden Kliniken gestiegen ist die Zahl der Organe, die im so genannten "beschleunigten Verfahren" vergeben werden. Dieses kommt zum Zug, wenn sich keine Klinik findet, die ein bei Eurotransplant angebotenes Organ transplantieren möchte - dann kann die entnehmende Klinik selbst entscheiden, welcher Patient das Organ bekommt, eine Praxis, die ins Gerede gekommen ist, weil sie auf den ersten Blick die Tür zur Manipulation weit aufstößt.

Problematisch sind Organe älterer Spender

Die Zahl der beschleunigten Verfahren ist an beiden Kliniken gestiegen: Das Rechts der Isar schätzt einen Anteil von 25 bis 30 Prozent, während er vor fünf Jahren zwischen 10 und 15 Prozent, Großhadern liegt ähnlich. Der Anstieg wird damit begründet, dass mittlerweile auch Organe älterer Patienten erfolgreich transplantiert werden können, dem medizinischen Fortschritt sei Dank.

Die Gefahr der Manipulation beim beschleunigten Verfahren sieht Edouard Mantevossian nicht: Das gesunde, leistungsfähige Organ eines 20-jährigen werde immer einen Abnehmer finden. Problematisch seien Organe älterer Spender - die könnten erstens nicht sehr lange aufbewahrt werden, müssen also ortsnah verwendet werden. Zum anderen seien sie oft selbst nicht mehr in bestem Zustand. Deshalb werden sie Patienten transplantiert, die so krank sind, dass sie sofort ein neues Organ brauchen, auch auf das Risiko einer späteren zweiten Transplantation hin. Andere, die noch nicht so schlimm dran sind, warten dagegen besser, bis das für sie optimale Organ zur Verfügung steht.

Glücklicherweise, sagt Mantevossian, seien sie noch nie in die Lage gekommen, zwischen zwei Patienten wählen und so vielleicht über das Leben des einen wie des anderen entscheiden zu müssen. Das ist ein grundlegendes Problem der Transplantationschirurgen auch in München: Soll ein Organ der Patient bekommen, der ohne Transplantation ganz bestimmt stirbt? Oder der, dessen Lebensdauer durch die Operation am sichersten verlängert wird?

© SZ vom 11.08.2012/wib

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