Organspende-Skandal Bayern schließt Transplantationszentren

Die bayerische Staatsregierung zieht Konsequenzen aus dem Organspende-Skandal: Das Klinikum rechts der Isar in München und die Uni-Klinik in Erlangen dürfen künftig keine Lebern mehr verpflanzen. Eine Untersuchungskommission sieht in drei Fällen "kriminelle Potenz" bei den verantwortlichen Ärzten.

Von Sebastian Krass

Das Klinikum rechts der Isar verliert sein Zentrum für Lebertransplantationen. Diese Konsequenz zieht die bayerische Staatsregierung aus dem Bericht einer Kommission, die in den vergangenen Monaten die fünf bayerischen Standorte für Lebertransplantationen untersucht hat. Auslöser für die Untersuchung waren Manipulationen am Rechts der Isar und an der Uniklinik Regensburg. Auch in Erlangen wird es künftig keine Lebertransplantationen mehr geben, wie Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) am Mittwoch bekannt gaben. Künftig können sich die Patienten in Bayern dann noch zwischen München-Großhadern, Regensburg und Würzburg entscheiden.

Huber erklärte, Anfang Juni solle der Krankenhaus-Planungsausschuss den Entzug der Zulassung beschließen. Vorher würden die betroffenen Häuser noch angehört. Der bevorstehende Entzug betrifft allerdings nicht die Transplantationen von Nieren und Bauchspeicheldrüsen. Diese werden auch künftig am Rechts der Isar verpflanzt.

Im Prüfungszeitraum 2007 bis 2012 fanden von den bayernweit 896 Lebertransplantationen 163 am Rechts der Isar statt, also knapp ein Fünftel. Die Kommission unter Leitung des Wiener Chirurgen Ferdinand Mühlbacher bestätigt in ihrem Abschlussbericht im wesentlichen die bereits bekannten Verstöße gegen Transplantationsrichtlinien am Rechts der Isar. Sie kommt auf eine Zahl von insgesamt 28. Bei dreien davon sieht Mühlbacher "kriminelle Potenz". Bei ihnen besteht laut Bericht "der Verdacht auf eine systematische oder bewusste Täuschung zur Bevorzugung besonderer Patienten". Konkret sollen Blutproben mit Urin manipuliert worden sein.

Diese Fälle werden bereits von der Staatsanwaltschaft untersucht. Vor allem aber spricht Mühlbacher ein vernichtendes Urteil über die Organisation des Lebertransplantationszentrums am Rechts der Isar. Die Abteilung habe "weder Struktur noch das richtige Personal". Zudem seien die Überlebensraten der Patienten zu niedrig. 70 Prozent überstehen das erste Jahr. Der europäische Standard liegt laut dem Gutachten bei über 80 Prozent.

Lockerer Umgang mit bestehenden Vorschriften

Der Gutachter übt auch harsche persönliche Kritik. Die zuständigen Chefärzte, der Leiter Chirurgie und der Leiter der Inneren Medizin, seien während der Prüfung "weder anwesend noch greifbar" gewesen. Mühlbacher lobt, dass das Klinikum seiner Kommission einen "sehr offenen und ehrlichen" internen Prüfungsbericht zur Verfügung gestellt habe, "der Vorgang wurde aber von keinem der Verantwortlichen für die drei geschehenen Manipulationen unterstützt".

Den Chirurgie-Chef hat das Klinikum vor drei Monaten von seinen Aufgaben entbunden, es läuft eine arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung. Ob auch der Chef der internistischen Klinik oder der Ärztliche Direktor, also der Chef des gesamten Klinikums, Konsequenzen zu befürchten haben, wollte Minister Heubisch, der auch dem Aufsichtsrat des Klinikums vorsteht, nicht sagen: "Die Datenlage ist noch nicht eindeutig." Er warte noch auf einen Bericht der Bundesärztekammer.

Die übrigen 25 Verstöße gegen Richtlinien stuft Mühlbacher als weniger gravierend ein, sie seien teils durch menschliche Fehler, teils durch Mängel im Regularium für Transplantationen zu erklären. Insgesamt aber zeige sich eine "fehlende Infrastruktur" im Klinikum und ein "eher lockeres Umgehen mit bestehenden Regelvorschriften". Das Rechts der Isar will sich erst nach der Sitzung seines Aufsichtsrats am Freitag zu dem Thema äußern.

Das Klinikum Großhadern, wo 30 Prozent der Lebertransplantationen in Bayern stattfanden, hingegen bekommt von der Mühlbacher-Kommission eine gute Bewertung. Zwar habe es auch dort zwölf Richtlinienverstöße gegeben, das entspreche einer Quote von 4,4 Prozent, diese seien aber nicht gravierend. Die Überlebensrate der Patienten liegt nach einem Jahr bei 81,2 Prozent und bei 67,6 Prozent nach fünf Jahren. "Das sind die besten Werte in Bayern", schreibt Mühlbacher. Auch die Prüfung sei "perfekt organisiert" gewesen. "Hier stimmt nicht nur die Struktur, sondern auch die Personen stimmen, und auch die Ergebnisse."