Organisiertes Verbrechen:Mafiaboss in München verhaftet

Organisiertes Verbrechen: In der Paul-Heyse-Unterführung klickten die Handschellen: Hier, in unmittelbarer Nähe zum Münchner Hauptbahnhof, nahm die Polizei den Paten fest.

In der Paul-Heyse-Unterführung klickten die Handschellen: Hier, in unmittelbarer Nähe zum Münchner Hauptbahnhof, nahm die Polizei den Paten fest.

(Foto: Robert Haas)

Patrizio Pellegrino tauchte vor einem Jahr in Apulien unter, jetzt fasste ihn die Polizei in einer schmuddeligen Unterführung. Die Liebe wurde ihm zum Verhängnis.

Von Susi Wimmer

Patrizio Pellegrino gilt als einer der mächtigsten Mafiosi in Apulien. Die Organisation "Sacra Corona Unità", der der Clan von Pellegrino angehört, ist ähnlich berüchtigt wie Camorra oder 'Ndrangheta. Internationaler Rauschgifthandel, Erpressung, illegales Glücksspiel, Wucher, das sind im Allgemeinen die Betätigungsfelder des 44-Jährigen. Vergangenen Freitag gelang es der Polizei, den italienischen Paten zu verhaften. In München, in der Paul-Heyse-Unterführung. Quasi im Vorbeigehen. Pellegrino war völlig perplex, unbewaffnet und ließ sich widerstandslos mitnehmen.

Dem Mafiaboss wurde ausgerechnet die Liebe zum Verhängnis. Pellegrino hatte im Großraum München eine Freundin, die er offenbar regelmäßig besuchte. "Er war einmal unvorsichtig", erzählt ein Fahnder, "und das hat uns gereicht." Das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) spricht von einem "ganz besonderen Erfolg". Schließlich verhafte man nicht jeden Tag einen Mafiaboss.

Verwickelt in Drogen- und Waffengeschäfte

Noch dazu einen wie Patrizio Pellegrino. Sein Clan hatte sich in der apulischen Stadt Squinzano breit gemacht, am Absatz des italienischen Stiefels, in der Provinz Lecce. Dort kontrollierte der Pate zumindest von August 2008 bis Dezember 2012 nicht nur internationale Drogen- oder Waffengeschäfte, sondern auch die öffentliche italienische Verwaltung. Ein Kronzeuge sagte 2010 über die "Sacra Corona Unità" in Apulien, dass Mafia und Bürger dort eine Art "Wohlfahrtsgesellschaft" unterhalten.

2014 setzte die italienische Polizei dem Pellegrino-Clan ordentlich zu, es gab Razzien und Festnahmen, unter anderem fand man dabei 100 Kilogramm Kokain. Gut 30 Clan-Mitglieder wanderten hinter Gitter, darunter auch die Präsidentin eines örtlichen Kommunalrates, ein Ex-Bürgermeister und ein ehemaliger Polizeichef aus der Region. Angesichts der massiven Polizeiaktionen wurde dem Paten im Herbst 2014 der Aufenthalt in Apulien entschieden zu heiß. Das europaweit bestens funktionierende Netzwerk der "Sacra Corona Unità" ermöglichte dem Mafia-Boss die Flucht nach Mainz. Dann tauchte der 44-Jährige ab. Neue Identität, gefälschte Dokumente. Nicht mehr aufzufinden.

Bis zur vergangenen Woche, bis zu dem entscheidenden Fehler und der Festnahme in der Paul-Heyse-Unterführung. Die italienische Polizei hatte das LKA um Festnahme des Mafia-Bosses gebeten. Fahnder spionierten seine täglichen Gewohnheiten aus, die Polizisten planten den Zugriff. Spezialkräfte des Rauschgifteinsatzkommandos Südbayern am LKA warteten, bis er in die Unterführung ging. Die einen folgten ihm, die anderen kamen ihm entgegen, die Handschellen klickten. Jetzt sitzt Patrizio Pellegrino in Haft. Die italienische Justiz wartet schon auf ihn.

© SZ vom 17.11.2015/sim
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB