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Organ Summit:Orgiastisch

Organ Explosion

Tanzspaßgenerator mit Rock-Appeal: Hansi Enzensperger (links) und seine Organ Explosion.

(Foto: Christoph Bombart)

In der Unterfahrt wurde die Hammond-Orgel gefeiert

Von Ralf Dombrowski

Eigentlich, meint Matthias Bublath am Rande des Organ Summits, sei er ja davon abgekommen, Hammond-Orgel auf der Bühne zu spielen. Zu mühsam sei es, das mächtige Instrument aus dem Proberaum zu schleppen, in Autos und Clubs zu wuchten, einschließlich des Leslie-Rotation-Lautsprechers zu justieren, um letztlich einen Sound zu generieren, den man inzwischen annähernd auch aktuellen Geräten entlocken könne. Da aber Hansi Enzensperger seine A100 nun schon einmal aufs Podium der Unterfahrt gestellt habe, freue er sich doch ziemlich darauf, das Instrument zu bedienen. Und diese Begeisterung teilt Bublath mit vielen, im Kern nostalgischen Orgel-Freunden. Denn letztlich ist Hammond-Spielen ein wenig wie E-Type-Fahren: irrational und orgiastisch. Wer es schafft, die am ehesten intuitiv ergründbare Logik der Soundregister zu durchdringen, kann damit Hymnen voller Inbrunst ebenso wie Grooves voller Humor, Schweiß, Ekstase erzeugen.

Bublath macht es vor, im Trio mit Schlagzeuger Christian Lettner und Vibraphonist Tim Collins. Von den vier Bands des zweiabendlichen, über Stream auch in die Welt getragenen ersten Münchner Organ Summits ist sein Konzert stilistisch am weitesten gefächert. Er schafft es, mit "Thank You, Lord!" an Spiritual-Intensität anzuknüpfen, findet aber ebenso Anker in der brasilianischen Musik mit Frevo-inspirierten, schnellen Rhythmen oder lässt sich in funky Stimmungen fallen, wenn er Stücke seiner Big Band auf das Miniformat transferiert. Hansi Enzenspergers Organ Explosion schließt daran mit ähnlich volltönenden Arrangements an, setzt aber auf mehr Rock-Appeal und eine aus dem Moment heraus sich entwickelnde Songdramaturgie, die etwa einen Country-Pop-Klassiker wie "Ghost Riders in The Sky" zu einer sich aufbäumenden Energiebeschwörung werden lässt. Hier ist die Orgel Party-König, mit viel Lust und ein wenig restpubertärer Schnoddrigkeit als jazzgrundierter Tanzspaßgenerator inszeniert.

Am ersten Summit-Abend wiederum stellen sich die traditionelleren Kollegen vor. Sowohl André Schwager wie auch Andreas Kissenbeck vertäuen ihre Musik am Pier von Swing, Bebop, Souljazz, ersterer im Trio mit Gitarrist Peter O'Mara und ebenfalls Christian Lettner am Schlagzeug in stilistisch behutsam modifizierter Moderne, die zwar auf der Basis des Hammond-Klangs agiert, das Instrument aber in Phrasierungen und Harmonisierungen pianistisch versteht. Kissenback wiederum lehnt sich im Trio mit Lettner und dem Saxophonisten Hubert Winter in die Reduktion zurück, lässt Akkorde und Flächen wirken, partiell ebenfalls souljazzig groovy, von den vier Bands im Verhältnis jedoch am dezentesten. Was wiederum für das Instrument spricht. Denn so altmodisch es auf den ersten Blick erscheint, so vielschichtig fordert es doch seine Musiker heraus.

© SZ vom 23.11.2020

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