Süddeutsche Zeitung

Opernfestspiele der Bayerischen Staatsoper:Roter Teppich für große Stimmen

Lesezeit: 4 min

Zurück zu altem Glanz mit Lust auf neuen Schwung: Was die Festspiele in München heuer zu bieten haben.

Von Jutta Czeguhn

Überall wird gefeudelt und gewerkelt, der rote Teppich schon mal ausgerollt, im Theaterrestaurant Ludwig Zwei und in der Rheingoldbar werden die Champagner-Flaschen kühlgestellt, Vorderhauschef Charles Maxwell höchstpersönlich wässert den Blumenschmuck in den Foyers. Die Bayerische Staatsoper macht sich hübsch für die Festspiele.

Glaubt man diesem Putz-Präludium im Film-Clip auf der Website, dann wird das Nationaltheater in diesem Sommer wieder ein glänzendes Parkett abgeben für internationale Klassik-Stars und ein beglücktes Publikum. Die Festspielzeit, offiziell vom 23. Juni bis 31. Juli, bedeutet Ausnahmezustand am Haus, alle mobilisieren noch einmal ihre Kräfte für diesen Höhepunkt der Saison. Nach den komplizierten Pandemie-Jahren soll sich - immerhin feiert man den 500. Geburtstag des Opernorchesters - der Glanz vergangener Tage wieder einstellen und viel Raum für Neues öffnen.

Warten auf's Premierenfieber

Dass sich die Welt rasant verändert hat, auch an der Staatsoper ist das zu spüren. Manch einer vom Stamm-Publikum vermisst bei sich selbst das gewohnte Festspiel-Fieber, die leidenschaftliche Unbedingtheit. Nicht einmal um Karten habe man kämpfen müssen, was in der Vergangenheit immer schon im eisigen Januar die Erwartungen auf den Klassik-Sommer befeuerte.

Noch also sind viele Operngeher nicht ganz wieder auf Betriebstemperatur, was nun aber auch den Vorteil hat, dass Tickets noch für beinahe alle Vorstellungen und Konzerte zu haben sind: Etwa für die Premiere von Brett Deans "Hamlet" (26. Juni), oder für Highlights zurückliegender Spielzeiten wie Verdis "Otello", "Salome" oder die vom Münchner Publikum doch an sich notorisch geliebten Wagner-Opern "Lohengrin" oder "Tristan und Isolde". Auch das Jubiläumskonzert des Staatsorchesters (8. Juli) mit Solistin Marlis Petersen kann noch Zuhörer begrüßen. Immerhin können sich wackere Hausgötter wie Christian Gerhaher (24. Juli) oder Jonas Kaufmann (25. Juli) noch gehäufter Zuneigung des Publikum sicher sein. Wer sie erleben will, muss sich sputen.

Stars von gestern, heute und morgen

Ach, die Stars! Auch hier stellt sich bei Münchner Opernveteranen ein unbestimmter Phantomschmerz ein. Was waren das Zeiten, als einem Anna Netrebko auf der Opern-Toilette begegnen konnte, oder Jonas Kaufmann an einer Theke beim Dallmayr! Und wo ist überhaupt seine Traum-Partnerin Anja Harteros abgeblieben, an deren Stelle nun Plácido Domingo (13. Juli) singt?

Die Behauptung, der Bayerischen Staatsoper wären mit dem Intendantenwechsel von Nikolaus Bachler zu Serge Dorny auch die großen Stimmen abhanden gekommen, hält sich hartnäckig, was die Sache aber nicht wahrer macht. Bei diesen Festspielen wird man etwa René Pape hören als König Marke im "Tristan", Ludovic Tézier als Marquis de Posa im "Don Carlo" oder Klaus Florian Vogt als Lohengrin. Da weiß man, was man bekommt.

Doch auch die Entdecker-Freude, die Neugierde auf eine neue Generation von Stimmen wird getriggert. Etwa mit dem Briten Allan Clayton, der den Hamlet singt, mit dem erstaunlichen Baritenor Michael Spyres oder dem Counter Jakub Jósef Orliński (beide in Händels "Semele"), da sind auch die famosen jungen Ensemble-Mitglieder Mirjam Mesak ("Don Carlo") oder Konstantin Krimmel (Soloabend am 21. Juli). Und wer sich von großartigen Stimmen wegtragen lassen möchte bei diesen Festspielen, kommt sowieso in die Vorstellungen von "Krieg und Frieden". Aber auch die stumme Kunst, das Ballett, hat in München eine Weltklasse-Compagnie zu bieten. So wächst die Fangemeinde des wundervollen jungen Tänzers António Casalinho von Vorstellung zu Vorstellung.

Auf die Stufen!

Früher war es ein Geheimtipp, ein Picknick oder einfach nur ein Abend-Bier auf den Stufen des Nationaltheaters zu genießen, versonnen den Skatern zuschauen oder über overdresstes Opernpublikum lästern. Noch zu Bachlers Zeiten, 2018, sind sie dann in der Staatsoper darauf gekommen, die Prachtstiege am Max-Joseph-Platz in den Sommerwochen zur Pop-up-Bar zu machen. Man konnte in Design-Kissen flacken, Musik hören, alles kostenlos und zumindest offiziell ohne Konsumzwang.

Inzwischen hat sich das Ganze ziemlich professionalisiert; im vergangenen Jahr etwa legte dort der Schauspieler Lars Eidinger als DJ auf. In diesem Opernsommer hat die "Apollon Stufenbar" am Montag, 19. Juni, ihr "Grand Opening". Der Singer-Songwriter Malik Harris (Teilnehmer am Eurovision Song Contest 2022) wird für ein Live-Konzert zu Gast sein. Auf dem Programm ( www.apollon-dossier.de/stufenbar) der folgenden Stufentage- und -nächte stehen dann 80s/90s Trash-Pop, Elektro , Jazz und wer weiß, vielleicht sogar hauseigene Klassik. Denn darum geht es ja letztlich: um das junge Publikum. Und wenn es schon direkt vor der Tür sitzt, vielleicht schaut es ja eines Tages auch mal rein.

Große Oper zum Nulltarif

Ein bewährter, sehr appetitlicher Köder, mit dem die Staatsoper die Menschen niederschwellig ins Haus locken will, ist seit 1997 das Format "Oper für alle". Initiiert vom damaligen Intendanten, dem schillernden Schotten Sir Peter Jonas, bis heute finanziert von BMW und mittlerweile weltweit kopiert. Auf Münchens vielleicht schönstem, mit Sicherheit unbequemstem Platz (Autsch, dicke Isarkiesel!) um das Max-Joseph-Denkmal oder auf dem Marstallplatz haben über die Jahre hundertausende Opernprofis wie Beginners große Spektakel erlebt.

Manchmal hing der Mond milde am Himmel, manchmal stürmte es bei den Live-Übertragungen auf Groß-Videowand aus dem Nationaltheater gewaltiger als im "Fliegenden Holländer". Die Münchner haben Opern-Kolosse wie "Parsifal" oder "Tristan und Isolde" und auch Thomas Gottschalks Moderation wacker mit viel Weißwein und Bier auf Decken und Campinghockern durchsessen (mittlerweile ebenso wie Glasbehälter untersagt, also Kissen mitbringen und das Gesöff in PET-Flaschen umfüllen). Sie haben Jonas Kaufmann an einem 10. Juli ein Geburtstagsständchen gesungen, gelacht, gejubelt und sogar manchmal vor Rührung geweint. Was auch in diesem Jahr leicht geschehen könnte, steht doch am 23. Juli bei "Oper für alle" Verdis "Aida" auf dem Programm. Große Oper zum Nulltarif, das gibt's wohl nirgends besser.

Raus aus dem Haus

"Festspiel+", auch dieses Format hat Sir Peter einst erfunden. Über die Jahre trugen die Extra-Events im Festival-Programm immer wieder andere Namen. Geblieben aber sind Experimentierfreude und die Idee, die Staatsoper in die Stadt hereinzutragen. Bei diesen Festspielen etwa geht es mit der Reihe "Offstage 360" unter anderem zum Tango in ein Münchner Seniorenstift, zu einem Wandelkonzert von Freiham nach Aubing, in den Hochbunker an der Blumenstraße 22, wo es in der Architekturgalerie Musik der ukrainischen, in München lebenden Komponistin Anna Korsun gibt. Das Bellevue di Monaco und die Glockenbachwerkstatt schmeißen am 25. Juni ein Geburtstagsfest für das Bayerische Staatsorchester, da kommt dann alles zusammen: Tanz, Essen, Trinken, Workshops - und ganz viel Musik.

Münchner Opernfestspiele , 23. 6. - 31. 7., Karten und Infos zum Programm unter www.staatsoper.de

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